Eine ärgerliche Begegnung auf der Strasse liest sich wie Konflikte unter Völkern, die uns derzeit erneut schwer belasten. Einmal harmlos, einmal tödlich, ansonst ist es das gleiche Prinzip, der gleiche Ablauf. Was ich im Kleinen leichterhand überblicke, hilft zu besserem Verstehen auch im Grossen.
Ein Fotograf zückt seine Kamera, der Moment ist günstig wie nie, die Lichtverhältnisse, das Sujet und die Aussage, die es hergeben wird, wenn das Bild glückt. Der Künstler befindet sich auf einem Gehsteig, auf dem eine alte Frau mit Gehhilfe entlangkommt und ausgerechnet in diesem Moment das Sujet verdeckt. Die Frau möchte so rasch als möglich nach Hause gelangen, der Gelenkschmerzen wegen, die ihre Lebensfreude stärker als sonst beeinträchtigen. Heim zur Salbe, die auf der Bar in der Wohnküche bereitliegt. Der Fotograf behält seine Kamera auf das Sujet gerichtet, die Wolkendecke könnte sich sekündlich wieder öffnen oder schliessen, je nach dem. Die Alte bleibt anstandshalber stehen, zeigt sich aber ungeduldig, aus verständlichen Gründen, denn der Schmerz sticht empfindlich, während der Fotograf insgeheim darüber stänkert, dass sie ausgerechnet jetzt seine Schusslinie kreuzt.
Angenommen die beiden geraten kurzweilig aneinander, dann verfügen wir über ein vollständiges Beispiel zum Vergleich mit einem Konflikt ethnischer Grössenordnung. Auch Völker nutzen günstige Gelegenheiten, schliesslich liegt darin ein natürlicher Zug des Menschen. Geringer Aufwand, hoher Ertrag. Auch die Natur geht so vor. Unsere Vorfahren überschritten auf ihrer Wanderung irgendwann den Punkt, von wo an eine Rückkehr in den baltischen Raum teurer zu stehen gekommen wäre, als das kelto-romanische Völkergemisch zu massakrieren, das zwischen Bodensee und Genfersee ansässig war.
Natürliche Egoismen bewegen sich vom Leben geschoben in planetarischen Möglichkeitsräumen, bis sich ihre Wege kreuzen.
Und schon kreuzen sie die Klingen. Wie Stämme von Ameisen, die gnadenlos dem Gegner Beine und Fühler abzwacken.
Sofern es uns Menschen betrifft, wird der fremde Egoismus als das reine Böse beschworen, damit man sich bestmöglich dagegen ins Zeug legt, er wird als hündisch abgewertet, damit der eigene Egoismus, als das reine Gute erstrahlt, obgleich er sich mit Blut besudeln wird. Das passiert noch heute. Oder es passiert erneut im grossen Stil. Aufklärung hat nicht wirklich stattgefunden.
In solchen Fällen spielt keinerlei Bosheit eine Rolle, auf keiner der beiden Seiten.
Sondern bloss eine zufällige Kreuzung von Leben, das sich fremd ist. Aber: Es ist das gleiche Leben.


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