Personen meines Alters stören sich gerne daran, wenn junge Menschen ihre Handys kaum weglegen. Im öffentlichen Verkehr bekommen sie den Eindruck, sie seien nur mit Autisten unterwegs. Wie so oft könnte man die Sache anders sehen. Von heute auf morgen.
Wie immer fühlt sich die ältere Generation der jüngeren überlegen. Und umgekehrt. Wir geben viel auf unsere moralische Empfindlichkeit, schütteln mehrfach täglich den Kopf über die Schlampigkeit anderer, aber vielleicht liegt das an einer Kurzsichtigkeit, die mit den Jahren immer trüber, immer enger, immer selbstgefälliger wird. Aber das interessiert mich hier nicht. Auch lasse ich hier ausser Acht, dass die Handyproduktion den wirtschaftlichen Imperialismus westlicher Abkunft am Leben erhält, indem wir Verlierer der Globalisierung zur Schürfung seltener Erden ausbeuten sowie den weltweiten Niedriglohnsektor zur Montage dieser smarten Geräte ausnutzen. Und so fort.

Unterwegs zu meinem Arbeitsplatz taucht regelmässig ein Mann meines Alters unter den Buspassanten auf, der die Leute sogar beschimpft, wenn sie in Trauerhaltung auf ihr Gerät fixiert scheinen, das gilt eben nicht nur für junge Menschen. Der Mann heisst Beat. Seine Häme, die durchaus Angst bereitet, hat mit Einsamkeit zu tun. Wo immer Leute in Gruppen beisammensitzen oder stehen oder liegen, jedoch bloss auf den Bildschirm in ihren Händen starren, kann ich mich hingegen kaum daran sattsehen.

Ich weide mich am Anblick einer freiwilligen Gleichschaltung des Lebens.

Mir ist klar, dass diese Freiwilligkeit heftig bestritten wird. Heute nötigen uns Umstände zu einem bestimmten Verhalten, aber kaum mehr persönliche Befehlsgeber. Seit Urzeiten geht für Menschen nichts über ihre Gruppenzugehörigkeit. Bricht eine Handvoll Wandervögel zu einem mehrstündigen Ausflug auf und das Wetter bleibt wechselhaft, tauschen sich vor Aufbruch Teilnehmende darüber aus, ob sie nun den vollen Regenschutz montieren oder eher nicht. Die Gruppe findet sich beinah gleichgeschaltet am Treffpunkt ein. Eben nur fast, denn es gibt immer Abweichler, die weniger auf Rückhalt bei den anderen angewiesen sind. Oder sie tanzen vorsätzlich aus der Reihe. Die Entscheidung punkto Regenschutz könnte jeder Mündige für sich treffen, wie wir es immer tun, wenn wir alleine aufbrechen. Wozu die Rückversicherung bei anderen? Dieses Beispiel mag illustrieren, was ich unter freiwilliger Gleichschaltung meine.

Darin besteht der eine Aspekt meiner Faszination beim Anblick von Handys mit Menschen. Der andere hat mit Gegenwart und Vergangenheit zu tun. Die Bevölkerungsdichte hat zugenommen, auf dem Planeten wird es enger. Die Gegend, in der ich aufgewachsen bin, hat viel mehr Strassenverkehr zu verkraften als damals. Das bemisst sich auch an den Sorgen der Eltern, ihr Kind könnte verunglücken, während man uns früher ab zehn Jahren an beliebige Orte schickte, wir hatten lediglich eine Warnkelle an den Rädern zum Ausklappen, damit die Autos beim Überholen Abstand halten.

Denke ich ein paar Jahrzehnte zurück, zu einer Zeit also, da es insgesamt weniger Menschen gab, sehe ich paradoxerweise ganze Volksmassen, die nach Feierabend und an Wochenenden im Gegensatz zu heute ganze Bahnhofsplätze zustopften, ganze Parks belegten, ganze Strassenzüge und Hinterhöfe bevölkerten. Streifte man durch Innenstädte, gewärtigte man Trauben von Menschen, die an Ecken und in Nischen hängen blieben. Es kam zu pogender Feierlichkeit, die Pubs waren regelrecht vollgestopft, ebenso das Aufmarschgebiet zu Stadions und Einkaufsmeilen. Ich erinnere mich an Rauch und Schweiss, an Lärm und Gekreisch, an Rempeleien, Handgreiflichkeiten, an heftige Knutschereien. Wer so dagesessen wäre, wie heute Menschen mit Handy, hätte als schwermütig gegolten, als beschränkt im Kopf, sicherlich als asozial. Heute kommt unter der jüngsten bis jüngeren Generation angeblich vermehrt Sehnsucht nach solchen Zeiten auf. Wie immer besteht die Gefahr, solche Verhältnisse zu verklären. Vergessen geht, dass es öfters zu Gewalt und zu Chaos kam, Gruppen durchstreiften die Kize, Hooligans, Ultras, Skins. Viele versumpften in Drogen, wie Christiane F., deren schon damals prominentes Beispiel hier viel zu sagen hat: Zu Hause in Gropiusstadt in einer kleinen Wohnung beherrschte die Mutter das Sofa und ihr Freund die Fernbedienung. Was hätte das Mädchen auf ihrem Zimmer treiben sollen? Ohne Internetanschluss, ohne Smartphone? Kein Wunder hat Christiane, wann immer möglich das Weite gesucht, sie tauchte ein in die Menschenmassen vor der Europahalle und liess sich mit ihnen nach vorn treiben zu David Bowie und an ihm vorbei hinter die Halle, wo die Gedärme des Bahnhof Zoo anfingen mit ihren verpissten Nischen und finsteren Ecken, wo ein Nektar namens Heroin zu schürfen war, der das Mädchen furchtlos machte und verliebt in diese Welt.

Im Gegensatz dazu wirken Menschen mit Smartphones wie befriedet.

Als hätte das Leben in seiner kulturellen Evolution genau das Richtige zum richtigen Zeitpunkt ausgeschwitzt. Demnach hat es dafür gesorgt, dass bei zunehmender planetarischer Dichte ein handliches Stück leuchtendes Etwas als buntes Fenster zur Welt technisch hervorgebracht wird, das Menschen bindet wie Licht die Motten, wie Kirchenfenster Gläubige von damals, wenn die Sonne biblisches Geschehen vorbildhaft zum Leuchten bringt. Wer diese Annahme als Hokuspokus verwirft, möge bitte schlüssig erklären, wie das Leben es geschafft hat, in kosmischer Leere ein Erbgut mit milliardenfacher Kodierungsmöglichkeit zur Welt zu bringen? Ein immenser Vorrat an Genkombinationen, die ihrerseits abenteuerlichste Lebensformen hervorbringen unter anderem uns selbst, die wir uns von dieser Tatsache so sehr begeistern lassen wie ich oder die es widerlich finden und Abstand halten von Annahmen und Phantasien dieser Art?

Antwort?

Menschen mit Smartphones, gerade wenn sie aufgereiht und dumpf blöde auf ihr Gerät starren, bedeuten für mich eine Ordnung des Lebens.

Man bedenke, als die ersten Bücher in Umlauf waren, hiess es schon damals, die Leute starrten wie blöde auf ein Stück Holz.

Einmal mehr nichts Neues unter dieser Sonne.