Für Ellie Jupiter

Irgendwie kamen wir auf Organspende zu sprechen. Mein Vater störte sich daran, dass es ab jetzt an ihm liegt, zu hinterlegen, wenn er keine Organe spenden will. Ich war gegenteiliger Meinung. Wie so oft zwischen Vater und Sohn. Gegenteiliger Meinung, was diese neue Pflicht anbetrifft, aber auch die Organspende überhaupt.

Als über Neunzigjähriger entging meinem Vater begreiflicherweise das Anliegen, Menschen zu helfen, die verzweifelt auf ein Organ hoffen, immerhin rechnet er täglich mit seinem Tod. Darin zeigte sich eine gewisse Unlogik, denn die Sache käme ja erst nach seinem Ableben in Frage. Meine Schwester argumentierte, er könne doch für die Wissenschaft spenden, immerhin hatte sich mein Vater längst von der Kirche losgesagt. Aber auch da winkte er ab und meinte:

«Ich gebe niemandem etwas und ich nehme von niemandem etwas.»

Meine Schwester liess die Sache respektvoll auf sich beruhen, während ich mich ob dieser offenkundigen Selbstbezogenheit herausgefordert fühlte, ungeachtet des hochverletztlichen Alters meines Vaters. Typisch Einzelkind, das er einmal gewesen war und offensichtlich noch ist, dachte ich in Bezug auf ihn. Und diese Haltung war ebenso typisch für das jüngere Kind, das ich war und klarerweise noch bin. Eine Forschungsarbeit soll herausgefunden haben, dass Rebellen der gröbsten Tendenz nach Zweit-, Drittgeborene sind, während Erstgeborene sich in die Verantwortung einspannen. Und trotz meines doch mittlerweile hohen Erwachsenenalters konterte ich angriffslustig, indem ich die Arme verschränkte und mitteilte:

«Ich gebe allen etwas und ich nehme von allen etwas.»

Witzigerweise stimmte diese Meinung mit meiner tatsächlichen Haltung überein. Nach aussen hin aber geriet sie zur blossen Provokation, indem ich das blanke Gegenteil behauptete. Und ich setzte einen oben drauf, indem ich ergänzte, ich wünschte mir die Leber eines Alkoholikers, dann könnte ich täglich saufen, ohne dafür verantwortlich zu sein.

Zwischen beiden Aussagen besteht eine totale Verkehrung, eine so genannt logische Inversion. Das ist radikal. Ich verabscheue A, ich begehre A. Rebellen geniessen den Befreiungsschlag, ein frisches Selbstbewusstsein pumpt sich hoch, sie fühlen sich wie eingerastet in der Welt, als hätten sie ihren Platz ergattert, ihre Berufung empfangen. Unter Umständen hält diese Gewissheit ein Leben lang. Zugegeben, als ich meine provokante Aussage servierte, erfuhr ich genau dieses Vergnügen.

Eltern, die einen ablehnen, sollte man als Segen begreifen, denn sie schieben dich in die Welt hinaus, wo du hingehörst. Ablehnung richtet dich aus, sie sorgt dafür, dass du früh aufstehst. Die heutige Jugend hat es eher mit achselzuckenden Ignoranten zu tun, die wie sie auf Sofas hinter Bildschirmen kleben. Sie überlassen ihre Brut sich selbst und halten das für die bessere Erziehung. Aber auch hier besteht eine solche Verkehrung. Wer rüde Einmischung erlitten hat, wer beleidigt wurde, sie sei zu faul, zu lässig, insgesamt eine Schande für die Familie, die überlässt den eigenen Kindern beliebige Freiräume.

Das ist unbedingt als Anliegen zu würdigen, aber dieses Elter sieht begreiflicheweise nicht, dass viele der Kinder in diesen Freiräumen herumirren. Keine Rebellion hilft ihnen auf die Sprünge, sortiert die Möglichkeiten auf einen einzigen Weg hin, der kein Wenn und Aber mehr zulässt.

Die Freiheit, die ich mit meiner Aussage genoss, ich würde allen alles spenden und von allen alles nehmen, ist tatsächlich nur ein Gefühl, mehr nicht. Denn zwischen «Ich spende niemandem» und «ich spende allen» sowie zwischen «ich nehme von niemanden» und ich «ich nehme von allen» besteht ein enges Bestimmungsverhältnis, auch wenn die Welt dazwischen auf den Kopf gestellt wird oder auf die Füsse, indem der Frühere vorgibt, was der Folgende negiert. Das zeigt sich beispielhaft an den 68ern. Während die Beatles wie Papageien gekleidet auf dem Dach ihres Studios in Abbey Road aufspielen, schwenkt die Kamera auf die Strasse, wo Passanten irritiert, verärgert, interessiert hochblicken. Sie sind allesamt in Grau- und Brauntöne gekleidet. Kurzgeschorenes Haar wird lang, eine eheliche Treue bis ans beinharte Lebensende weicht der Liebe querbeet, Synthetisches weicht Naturprodukten, das Christentum dünnt aus, es wird von Buddha ersetzt oder von einem kruden Schamanismus und so fort. Das ist eben keine Freiheit, sondern eine Fremdbestimmung, bei der wie in der Mathematik lediglich das Vorzeichen wechselt.

Immerhin, könnte man sagen.

Die Negation schafft Freiraum. Das ist beinah ein natürliches Gesetz, wie mir scheint, auch wenn diese Aussage denkwürdige bis fragwürdige Folgen nach sich zieht, wenn man sie forspinnt. Ihre Anwendungsbereiche sind jedenfalls nicht alle harmlos. Dennoch bleibt man eng an das gebunden, was man ablehnt. In diesem Sinn sind sich Generationen fremd und kleben doch aneinander.

Wie es das Leben will! Das ist meine Vermutung, mein Wunsch, meine These, vielleicht mein Glaube: Das Leben sorgt dafür, dass vielfältigste Möglichkeiten sich verwirklichen, sich festigen. Dazu ist die Entfremdung unter Generationen unabdingbar, mitunter sogar Feindschaft. Was uns schwerste Probleme bereitet, bedeutet für das Leben Mittel zum Zweck, dass ihm dank der Menschheit die dringende planetarische Abdrift gelingt, denn Menschen bündeln nur dann die dazu nötige Energie, wenn sie sich an der Gurgel gepackt fühlen, sie erarbeiten nur dann die dazu nötigen Technologien, die eine immense kulturelle Evolution erfordern, wenn sie sich permanent in die Ecke gedrängt wissen. Daher geht nichts vergessen, alles kommt immer wieder, nie gleich, immer anders, von Generationen zum Ausgleich oder zur Provokation als vergessene Möglichkeiten hervorgekramt.

Auf die interessierte Frage meiner Schwester, warum ich allen alles von mir spende und von allen alles nähme, konnte ich daher antworten:

Weil es das immer gleiche Leben ist.