Meine erste Reaktion auf Queers, Trans und Non-Binäre war: Ihr übertreibt, ihr seid bloss verwöhnt. Das denke ich nicht mehr. Heute finde ich diese Leute bloss schlechte Demokraten, aber auch da bestehen Gründe. Nach Umgang mit ihnen ist mir klar geworden: Dieses Leiden ist ernst zu nehmen. Wie jedes Leiden. Und: Auch ausserhalb der Debatte rund um das Geschlecht bietet sich Non-Binarität als Grundsatz an, der mir friedfertig scheint und daher zukunftsfähig.
In mindestens vier Fällen bekam ich Umgang mit jungen Erwachsenen, die sich in ihrem Geschlecht unwohl fühlten. Diese Unklarheit erlebte ich unmittelbar mit. Für mich waren sie Mann und Frau zugleich. Und ich musste zugeben, dass ich diese geschlechtliche Unklarheit mit der Zeit sogar reizvoll fand, sicher geheimnisvoll, was freilich ein Licht auf meine eigene Geschlechtlichkeit wirft. Aber das klingt oberflächlich und blasiert, wenn man bedenkt, was diese Leute leiden. Denn zur Unklarheit im Geschlecht erlebte ich bei ihnen eine Trauer darüber, dass sie im Gegensatz zur Mehrheit erst diese mühselige Geschichte auf die Reihe kriegen müssen.
Also, was genau leiden diese Menschen? Wer darüber den Kopf schüttelt, richtet sich einfach nach dem, was sie über sich erzählen. Überhaupt, wie qualifiziert man ein Leiden, sodass eine Art Mass für alle verbindlich gälte, ab wann ein Leiden für zumutbar gilt, ab wann es sofort behandelt gehört und ab wann es in Frage zu ziehen ist? Schmerz lässt sich nicht messen. Es bleibt nur der Vergleich, in diesem Fall zwischen zwei verschiedenen Leidensformen, so merkwürdig das klingt. Ein Bekannter von mir findet heutige Queers und Non-Binäre überempfindlich. Sie sollen sich vor Augen führen, was Nicht-Heteros vor Jahren durchmachten. Schwule waren kriminalisiert, der ganze Rest in die Subkultur verbannt. Alle hatten sie auch soziale Ächtung im Nacken: Angedrohte und vollzogene Enterbung, Scheidung, Bruch von Freundschaften, Entfremdung zwischen Geschwistern. Man überlege sich diese Ängste, diese Abhängigkeit, diese Erpressbarkeit. Liess sich jemand ein Geweih ins Kreuz stechen, riskierte er Auszug aus dem familiären Haushalt und merkliche Abkühlung im Umgang. Dem gegenüber verblasst das Leiden eines Quer oder Nonbinären, meinen wir. Von Anfang an wurde ihr Anliegen von Interessensgruppen flankiert. Auch auf Ämtern und in Führungsgremien zeigte man rasch Verständnis dafür, immerhin atmen sie dort heute noch postmoderne Luft, was grob verkürzt radikale Wertschätzung von Vielfalt bedeutet. Dabei wird übersehen, dass die Stärke des Leidens davon bestimmt wird, welche Gewohnheit sie traumatisch unterbricht, welches persönliches Selbstverständnis sie längerfristig durcheinanderbringt. Nur in diesem Verhältnis lässt sich ein Leiden qualifizieren. Ein Kleinkind, das zum ersten Mal Halsschmerzen hat, was wir eher banal finden, krümmt sich und schreit herzzerreissend in Schüben, als wäre es schwer krank.
Man kann sich das Leiden von Queers, Trans und Non-Binären einigermassen vor Augen führen, indem man sich vorstellt, wir würden ohne Unterlass mit Pronomina des falschen Geschlechts angesprochen. Jenes Geschlecht also, das du an dir in keiner Weise verwirklicht weisst. Man stelle sich überdies vor, unsere Beteuerungen, das bitte zu ändern, und unsere Erklärungen dazu, warum das so ist, würden als Überreiztheit oder als surreale Selbstfindung abgetan. Diese Ignoranz, wie mein Bekannter sie an den Tag legt, gehört also mit zu den Ursachen dieses besonderen Leidens.
Umgekehrt führte die soziale Ächtung von damals zu einer Identität, die sich stabil hielt, indem sie sich täglich von einem Feind abstiess, der schon aus Gewohnheit Stehvermögen bewies. Sein Gegendruck schweisste die sozial Geächteten zu einer Gruppe zusammen, zu einer politischen Kraft, die sich gegen ihn richtet.
Dem gesunden Feindbild sei Dank.
Vorteile somit, von denen Quers oder Nonbinäre nur träumen. Bis heute. Man hat sich wohl erst mühselig aneinander herangetastet, bis eine nützliche Verbindung zustande kam. Nützlich in dem Sinne, dass man sich gegenseitig versteht und entlastet. Oder eben politisch wirksam wird. Hierzulande könnten sie eine Initiative lancieren und über ihr Anliegen abstimmen lassen. Sie tun es nicht, wohl aus dem Grund, dass es höchstwahrscheinlich bachab geschickt würde, allerdings nur im Moment. Manche Vorlage benötigte mehrere Anläufe über Jahre, bis sie zur Selbstverständlichkeit wurde. Queers, Trans und Non-Binäre mögen nicht warten. Halte ich ihr Leiden für überempfindlich, möchte ich die Gesellschaft vor weiterem Wildwuchs solcher Ansprüche bewahren. Nehme ich ihr Leiden ernst, tun sie das zurecht. So fällt auch das Urteil weg, sie würden übertreiben, denn wer eine Unklarheit wie dieses intime Drama bewältigt, übertreibt aus Verzweiflung. Einmal in diese Richtung, einmal in die andere. Wie sich herumspricht, kann der Wechsel des Geschlechts mehr als einmal passieren.
Eine Gesellschaft braucht Zeit, viel Zeit. Wir Einzelne aber sind sehr, sehr ungeduldig.
Mit ihr, aber auch mit uns selbst. Unsere Zeit ist denn auch sehr begrenzt im Vergleich zu der einer Gesellschaft, die sich regelmässig erneuert. Den Trans, Queers und Non-Binären bleibt die Bewusstmachung, die künstlerische Verarbeitung ihres Themas, während die Behörden auf Zwängelei setzen und so den Populismus fördern.
Wie auch immer: Das Leben sorgt von sich aus für Veränderung.
Und man scheint dabei dem Leben nachzuhelfen, wenn man das Non-Binäre sogar als Methode, als Prinzip anwendet. Das weckt in mir eine eigenartige Aufbruchstimmung: Nicht Frau, nicht Mann. Das liesse sich auf andere Bereiche übertragen: Keine Linke, keine Rechte, zum Beispiel. Weder Jude, noch Muslime. Weder für die USA, noch für Russland. Das klingt nach Charakterschwäche. Also frage man bei Erasmus nach, der sich vor keinen Wagen spannen liess. Für ihn galt: Weder katholisch, noch protestantisch. Dahrendorf bezeichnet Menschen sogar als Erasmier, wenn sie sich weigern, in diesem Sinne Farbe zu bekennen. Das klingt eher nach Charakterstärke.
Wer sich non-binär benimmt, hält sich für neue Möglichkeiten bereit.


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