Die Generation Alpha gerät zunehmend in den Brennpunkt öffentlicher Aufmerksamkeit. Mit Alpha-Mode meine ich also die Art und Weise, wie sie sich kleidet. Meine These: Möglichst ohne persönlichen Ausdruck. Und zwar bewusst.

Schrille Farben, dramatische Frisuren, insgesamt ein Stilgemisch, das die Person als besonderes Individuum mitteilt, das war die Mode der 80er und 90er-Jahre. Ein Aufmarsch von Papageien. Immerhin waren Risse in den Jeans noch von Hand gefertigt und nicht ab der Stange gekauft. Bei vielen kulturellen Belangen wie der Mode ist es öfter der Fall, dass sie sich früher oder später in ihr Gegenteil verkehren. Alpha-Jugendliche nun tragen Jeanshosen ohne Gürtel, in denen ein einfarbiges Leibchen steckt, das weder plakative Aufschrift, noch ein eingebügeltes Emblem zeigt. Die Haare wachsen absichtslos vom Kopf, wobei die Frauen ihre höchstens zu einem Schweif zusammenbinden. Kein Pony, keine künstlich eingearbeitete Locke, keine Dauerwellen, keine besondere Tönung, keine Bürste, kein Pagenschnitt, kein Rasta, keine Föhnfrisur. Möglichst kein Selbstausdruck, möchte man schlussfolgern. Eine Bekannte von mir sieht sich beim Anblick dieser Generation sogar an die Mode unserer Grosseltern erinnert: Grau in Grau oder bloss Erdtöne. Alpha Frauen bevorzugen sogar wieder schlichten Perlenschmuck. Windjacke, Pullover und Hose sind bei allen Geschlechtern einfarbig und eintönig gehalten. Die Mode wirkt enorm reizarm. An einem kleinen Gartenkonzert treffe ich den Teenie Frieda und frage sie direkt, ob sie sich möglichst ohne Ausdruck kleideten. Und sie meinte spontan und entschieden: Ja!

Wie man weiss grenzt sich die Jugend ab, damit sie etwas Eigenes hat. Das war schon immer so.

Moden sind also keineswegs zufällig. Würden wir Erwachsene bieder herumlaufen, vielleicht mit Anzug und Krawatte, machten wir es der Jugend leichter. Seit einiger Zeit jedoch neigen Erwachsene dazu, dass sie sich mancherlei Beiwerk und Zubehör aneignen, die die Jugend erst für sich beansprucht: Ohrring bei den Männern, Jeans, Rollschuhe, Walkman mit Kopfhörer, ausgefallene Schnitte bei der Kleidung. Auch damals sorgte die Jugend dafür, dass die Erwachsenen ihnen nicht in allem nachfolgte. Raver der 90er steckten sich Schnuller in den Mund, trugen Schuhe mit enorm überhöhten Absätzen und führten eine Holzente auf Rädern an einer Schnur im Schlepptau mit sich. Diesen Unsinn würde niemand imitieren. Von solchem Beiwerk liessen selbst Erwachsene die Finger, die sich für besonders jung hielten.

Mit diesen kurzen Überlegungen werde ich der Generation Alpha gewiss nicht gerecht. Die ausgefallene Mode der 80er-90er-Jahre hatte wohl auch damit zu tun, dass es unter den jungen Menschen nur die unmittelbare Begegnung auf Strasse und auf Plätzen gab, um sich mitzuteilen, sich zu präsentieren, wohingegen die Generation Alpha in erster Linie online vernetzt ist. Man müsste auf ein Mitglied von Alpha zugehen und Folgendes sagen: Du kleidest dich so fade, als hättest du Sorge, dass du auch nur einen Hauch von deiner Persönlichkeit verraten könntest. Wahrscheinlich würde diese Person mich sonderbar finden. Der richtige Hinweis, soweit es diese Generation betrifft, wäre der:

Zeig dich mir auf Insta oder auf Tiktok.

Und ich würde einen Selbstausdruck hier am Werk finden, den ich mir niemals erträumt hätte. Auch wäre ich persönlich völlig ausserstande dazu. Da würde Bild und Wort und filmische Kniffs gekonnt und zügig orchestriert einfach so in die Welt gestellt. Eins ums andere. Ohne Zögern.

Und die Likes und Kommentare, die das auslöst, bestimmen mit, wie der Selbstausdruck sich weiter entwickeln wird. Das mögen wir bedenklich finden und Manipulation beklagen.

Dabei waren wir nicht besser, früher. Auch wir sind auf jedes plumpe Lob hereingefallen.