Einer der ersten jüdischen Siedler trifft bei seiner Einreise auf einen Palästinenser, der gerade seine Olivenernte besorgt, er setzt sich zu ihm, wärmt sich an seinem Feuer und spricht zu dem Bauern:
«Du musst wissen, Araber, ich komme nicht freiwillig hierher. Bin ein Askenasim, also hier nicht gebürtig. Dennoch werde ich bleiben. Vielleicht ist dir bekannt, was meinem Volk seit Jahrhunderten widerfahren ist. Du hast davon gehört? Wenn du erlaubst, erzähle ich dir das etwas genauer, denn ich habe dir Wichtiges zu sagen. Mein Volk hält zusammen wie eine Grossfamilie. Wir befanden uns zweimal in Gefangenschaft. In Ägypten, dann in Babylon. Auch irrten wir durch die Wüste. Du kennst diese Geschichten, ich weiss. Immer wieder drohten wir auseinanderzufallen. Damit das nicht passiert, erklärten wir uns zum auserwählten Volk Gottes. Das verärgert viele, die nicht zu uns gehören. Sie übersehen, dass diese Auserwähltheit auch eine drückende Pflicht sein kann. Im Übrigen war es einfach unsere Art, für Zusammenhalt zu sorgen. Jedes Volk muss sich da etwas einfallen lassen, damit niemand zu anderen Gruppen überläuft. Jedenfalls waren wir eigentlich das einzige Volk, das sich gegen die römische Herrschaft auflehnte. Im ganzen Römischen Reich, rund um das Mittelmeer, ist nichts Vergleichbares bekannt. Vielleicht zerschlugen uns die Römer mit solcher Härte und zerstieben uns in alle Richtungen, da unsere Bande in Glaube und Geschwisternschaft besonders eng geknüpft sind. So lebten wir unter anderen Völkern, vor allem unter Christen, die uns vorwarfen, wir hätten ihren Propheten getötet. Aber das stimmt nicht. Sogar einer ihrer wichtigsten Heiligen macht diese Falschaussage in einem seiner Briefe, die vielen Christen, die ihre heiligen Texte besonders wörtlich nehmen, als Wort Gottes erscheinen. Die Juden hätten Jesus getötet, heisst es da wortwörtlich. Wer immer im Fahrwasser dieses Irrtums Juden ausmerzte oder durch willkürliche Gesetze daran hinderte, ein normales Leben zu führen, brauchte seine Opfer gar nicht erst zu entmenschlichen, um trotz Tötung ein guter Mensch zu bleiben. Er verging sich ja bloss an Mördern seines Herrn. Und seine Untat genoss heilige Zustimmung. Der Nazarener jedoch war Jude wie wir, und da besteht ein besonderes Tötungsverbot. Wir ertrugen es nicht, dass er sich Kind Gottes nannte. Jedenfalls wies er diese Unterstellung nur undeutlich zurück. Unser Ärger liegt daran, dass wir selbst eine eher kindliche Beziehung zu unserem Herrn pflegen. Etwa wenn wir sagen, er lasse uns fallen wie der Adler sein Junges im Flug. Wenn da nun einer von uns kommt und das Gerücht entsteht, er halte sich für den leibhaftigen Sohn Gottes, ist das für uns zu viel an Deutlichkeit. Ein erträgliches Mass wird überspannt. Zugegeben, wir wollten diesen Juden loswerden. Wir hofften auf seinen Tod, überstellten ihn daher der römischen Besatzungsmacht als politische Gefahr. Aber wir haben ihn nicht getötet. Danach wird es unerhört schwierig, wenn es darum geht, die Mörder dieses Propheten dingfestzumachen. Seit Generationen rätseln wir darüber, warum viele Christen mit Nachdruck darauf aus sind, diese schwierige Geschichte so zu verkürzen, dass wir Juden als Mörder dastehen. Ihre Vorsehung hat doch laut Schrift wunderbar dafür gesorgt, dass die Verantwortung für diese Hinrichtung so schwierig zu fassen ist. Denn es ist so, als würde sie zwischen verschiedenen Parteien wie verdunsten, sodass keine Rache sinnvoll greift: Der Römer Pilatus wusste nichts mit diesem Juden anzufangen, es machte ihn verlegen, er suchte Ausflucht in der Geisselung, die dieser Mensch wider Erwarten überstand, er liess schliesslich, wie es vor Pessach der Brauch war, die Volkschaften Jerusalems über Tod oder Amnestie entscheiden. Diese Stadt jedoch beherbergte nie bloss Juden. Da waren ebenso Sadduzäer, Essener, Samariter versammelt. Die Legionäre schliesslich führten den Befehl zur Hinrichtung aus. Bei Weigerung hätten sie sich selbst und ihre Familien in Gefahr gebracht. Verschiedene Weichenstellungen führten also zu diesem gewaltsamen Tod. Viele Christen nennen uns fälschlicherweise Mörder Jesu, da wir ihn ausgeliefert haben. Wir haben ihn weder gefoltert noch getötet. Die meisten Christen jedoch übersehen die erste und einzige Weichenstellung, die das erst möglich machte. Und nur sie sollte Christen interessieren. Denn laut Schrift wusste der Nazarener genau, was ihm bevorstand. Und er ergriff keine Flucht. Also sorgte er selbst für seine Tötung. Den Kuss seines Verräters, der ihn markierte, wies er nicht zurück. Die Christen sagen immer, Tod und Auferstehung ihres Herrn, von der sie berichten, seien Kernstück und Angelpunkt ihres Glaubens. Gott nimmt uns durch seinen Tod die Erbsünde ab. So glauben es die Christen. Leiden, Tod und Auferstehung untermauern zudem die Gültigkeit der Worte, die dieser Jude aus dem Haus Davids hinterliess. Offensichtlich war es also notwendig, dass er hingerichtet wurde. Und es sollte einigermassen Aufsehen erregen, damit die Botschaft verbreitet wird. Also brauchte es Ankläger. Und diese Aufgabe fiel uns Juden zu. Jemand musste ihn verraten, jemand musste ihn ausliefern, jemand musste über sein Ableben befinden, jemand musste es durchsetzen und ausführen. Wie also kommt es, dass man seine angeblichen Mörder verfolgt und umbringt, wenn sich erst dadurch ihre ganze Religion erfüllt? Das ist wirklich schwer begreiflich. Leider ist es so, dass die allermeisten unserer Verfolger, unserer Mörder und ihrer Zuträger christlich getauft sind. Diese Ungerechtigkeit währte über zwei Jahrtausende. Und niemand erhörte uns. Keine Behörde leistete uns Beistand. Wir lernten, die nächste Hasswelle, die uns niederwalzen würde, frühzeitig zu erkennen, damit unsere Flucht einigermassen würdig vonstatten ging. Brach der Hass unvermittelt über uns herein, blieben schäbige Schlupflöcher und eine Todesangst, die an die Gesundheit ging. Ich muss dir diese Geschichte genauer erzählen, denn sie erklärt, warum ich hier bin und was danach vor allem auf dich zukommen wird: Man mordete uns im nordafrikanischen Fes sowie in Alexandria, wobei man uns zum ersten Mal in einem Stadtteil zusammentrieb und uns in aller Ruhe niedermachte. Als Minderheit sind wir anders, wir verhalten uns anders. Das hat für die Mehrheit zur Folge, dass sie uns erniedrigt, damit der Unterschied zu uns erträglich wird. Beim Massaker von Grenada wurden wir umgebracht, mehrfach anlässlich der Kreuzzüge, im Rheinland beim Bauernkreuzzug, in Speyer, in Worms, in Mainz, in Franken während des so genannten Rindfleischpogroms, während der Armledererhebung und anlässlich der Pestpogrome. Wegen unserer Reinlichkeitsrituale konnte die Pest uns weniger anhaben. Und schon zerrte man uns aus den Häusern mit dem Vorwurf, wir hätten die Brunnen vergiftet. Man mordete uns beim Sternberger Hostienschänderprozess, gleich danach in Berlin, während der Reconquista auf der iberischen Halbinsel, in der Ukraine durch Kosaken, bei Aussschreitungen in mehreren Städten des deutschen Bundes, im russischen Kaiserreich nach der Ermorderung von Alexander II, bei mehreren hundert Pogromen in der heutigen Republik Moldau anfangs des 20. Jahrhunderts, während des russisch-japanischen Krieges, im Anschluss an den Petersburger Blutsonntag 1905, in Bessarabien, bei den Novemberpogromen 1938 und bei Massakern in Polen. Diese letzten Völkermorde stecken uns Askenasim besonders in den Knochen. Die Tötungsarten all dieser Pogrome waren Verbrennen, Erschlagen, Henken, Erschiessen. Und: Vergasen. Denn zuletzt war die Shoa, wie nun endlich alle wissen. Dieses beispiellose Verbrechen hat endlich die Wende gebracht, man anerkannte das Unrecht, das seit Generationen an uns verübt wurde. Zwar gibt es unter unseren Mördern immer noch welche, die die Shoa leugnen. Das ändert nichts daran, dass Millionen von uns willentlich zu Tode gekommen sind. Diese Leugner stören sich an der Tötungsart. Für ihren Nachweis braucht es keine einzige Zeugenaussage. Die Papiere der Täter reicht dazu aus. Diese Tötungsart hatte zweierlei Bewandtnis: Die vertriebenen Massen verstopften den Nazis die Verbindungswege zur Front in Russland. Also musste man sie an Orten sammeln und auf eine Weise entsorgen, die die Mörder entlastete. Dazu waren Industrie und Bürokratie unabdingbar. Dies alles lässt sich aus Papieren und Aussagen der Täter selbst herleiten. Auf einen ihrer Führer persönlich geht das Anliegen zurück, dass es den tüchtigsten Schergen irgendwann überfordert, wenn er seine Pflicht erfüllt und er jüdische Kinder als Keimlinge zukünftigen Widerstandes am Laufmeter töten muss. So wurde eine Tötungsart gesucht und gefunden, die die Täter entlastet. Die Welt ist seither eine andere geworden. Das Abendland blickte geschockt in geöffnete Krematorien und auf Berge ausgezehrter toter Leiber. Und man musste einsehen: Der Antijudaismus der Shoa wäre ohne den abendländischen Judenhass unmöglich gewesen. Er spross an diesem fauligen Stock wie eine braune Warze. Unsere Verfolger sind nun gelähmt vor Schuld. Ein Aufschrei ging durch die Völker, die uns bis auf den Tod verachtet und misshandelt haben, der Ruf nämlich, das dürfe sich niemals wiederholen. Dieser Ruf wird lange nachhallen. Länger, als dir lieb ist. In den Reihen unserer Mörder erheben sich auf einmal Gutmenschen, die von der Shoa eine wunderbare Doktrin ableiten. Sie sagen: Erniedrigung und Vernichtung einer Minderheit mit allen Mitteln und um jeden Preis lehren uns Würdigung und Schutz aller Menschen mit allen Mitteln und um jeden Preis. Das klingt zu schön, wie man sagt. Leider schenken wir Juden dieser Zuversicht keinen Glauben.
Im Verlaufe der vergangenen Jahrhunderte kam es immer wieder zu solchen Morgenröten an Mitleid für unser Volk. Früher oder später verdunkelten sie sich alle. Diese Lehre kann für uns Juden nicht gelten. Was wir erinnern, untersagt jedes Vertrauen. Und das ist keine jüdische Rechnung, sondern eine menschliche. Niemand redet uns aus, es werde nach der schrecklichen Shoa ganz gewiss zu keiner Hasswelle gegen uns mehr kommen. Wir studieren diesen Hass seit Jahrhunderten. Dabei haben wir festgestellt, dass die Welle nicht nur wiederkehrt. Sie nimmt auch zu an Brutalität und Entschlossenheit. Daher richten wir täglich unsere Aufmerksamkeit auf die Anzeichen ihrer Rückkehr. Leider ist es so, dass sie jeweils mit leiser Kritik an unserem Volk ihren Anfang nimmt. Also markieren wir erste Kritiker sogleich als unsere Gegner. Wir müssen das tun, damit wir vor dem sicher sind, was darauf folgen könnte. Wie immer man uns beschwichtigen möchte, wir rechnen immer mit dem Judenhass, der wie ein schwarzer Bodensatz in Tiefen lauert und jederzeit hochgepflügt wird. Es ist schwierig in Worte zu fassen, aber unsere besondere Leidensgeschichte führt zu einer Art bewusster Ignoranz. Das werde ich dir genauer erklären, denn es wird auch dich in erheblichem Masse betreffen: Bewusste Ignoranz bedeutet die Regungslosigkeit und die Herzenskälte eines Wächters. Auch unter uns erheben sich immer wieder Stimmen, die Kritik am Jüdischen üben. Zum Beispiel hören wir die Sorge, dass wir, wenn wir Kritiker sofort als Gegner markieren, den Hass gegen uns damit zusätzlich befeuern. Das ist unmittelbar einsichtig. Aber wir können nicht anders. Nicht nach dieser Geschichte, die wir durchlitten haben. Daher missachten wir diesen sachlichen Einwand ganz entschlossen und bewusst. So lautet denn auch die Lehre anders, die wir aus der Shoa ziehen: Die Erniedrigung und vollständige Auslöschung unserer Minderheit mit allen Mitteln und um jeden Preis verkehrt sich in Würdigung und Schutz eben dieser Minderheit um jeden Preis und mit allen Mitteln. Eine andere Lehre können wir daraus nicht ziehen.
Wir sind schlicht ausserstande dazu. Gegner mögen diese Haltung als jüdische Sturheit verschreien. Wer immer diese Hasswellen studiert, wird unser Misstrauen in die schöngeistige Lehre heutiger Gutmenschen von Würdigung und Schutz aller Menschen nachvollziehen. Sie haben gut reden, denn sie teilen nicht unsere Geschichte, kennen diese Traumatisierung nicht, die in der Menschheit wohl ohne Beispiel geblieben ist. Es ist ein besonderes Gedächtnis wirksam, das von aussen kaum verständlich ist. Man weiss, dass Erinnerung und Bewertung von Gefühlen bei Menschen, die zu Tode verschreckt wurden, durcheinandergeraten sind. Zu diesem Trauma kommt die Gleichgültigkeit dazu, nein der Applaus der Anderen. Immer wieder stehen wir mit dem Rücken zur Wand. Keine Sicherheit nirgends. Auf der ganzen Welt nicht. Kein Argument findet vor dem Standgericht Gehör, wenn man sich selbst zu verteidigen sucht, damit man dem sicheren Tod entgeht. Keine persönliche Rechtfertigung bewahrt dich vor ordentlicher Vernichtung. Allein deine angeborene Zugehörigkeit zum Judentum spannt dich ein in das Gebälk, damit die Henker in aller Ruhe Mass nehmen und ihr Werk sauber und völlig ungehindert an dir verrichten und durch dich hindurch. Und das über Jahrhunderte. Immer wieder. In all diesen verschiedenen Ländern, in denen wir zerstreut lebten. Diese Prägung kennt niemand. Ausser wir. Sie hat zur Folge, dass wir, sobald wir unter Druck geraten, alle Mittel gutheissen, die uns Sicherheit garantieren. Weisst du, was das bedeutet? Das heisst, dass wir, ob wir das nun wollen oder nicht, auf die Grundrechte anderer keine Rücksicht nehmen. Warum sollten wir? Niemand hat je unser Anspruch auf Grundrechte bei unseren Mördern eingefordert. Mir ist sehr wohl bewusst, dass wir ihnen dadurch ähnlich werden. Und die Bezeichnung dafür kommt mir nicht über die Lippen. Dazu kommt die Einsicht, dass wir Juden nur in einem rein jüdischen Gemeinwesen sicher sind. Auch dies lesen wir aus der Geschichte unserer Verfolgung. Bis zur Unkenntlichkeit angepasst überlebten wir mit anderen Völkern vermischt, und immer kam es früher oder später zu Hass. In Europa, in Asien. Nur die Neue Welt liess uns gedeihen. Nun sind wir mit Geldern ausgerüstet, die es uns gestatten, die Wüste hier zu begrünen. Aber es gibt auch im Amerika keine Garantie für uns, dass die Verhältnisse sich nicht über Nacht gegen uns wenden könnten. Das heisst, Bruder Araber, wir können hier niemals einen gemeinsamen Staat bewohnen.»
Der Palästinenser wirft ein: «Dabei ist es nicht das erste Mal, dass ihr bei uns Zuflucht sucht. Es gab kaum Hass zwischen uns.»
«Aber es wird ihn geben. Unsere Völker werden vor Hass ineinander verkrallt sein. Denn es gibt überall Menschen, die mit aller Härte zuschlagen wollen oder ein solches Vorgehen unterstützen. Nur das rein Jüdische, versammelt an einem Ort, geborgen in einem einzigen Schutzraum ist die einzige Garantie für unser Überleben. Diese Reinheit hat keine rassistische Bewandtnis, sie ergibt sich sachlogisch aus unserer Geschichte. Der Staat Israel ist als Arche zu verstehen. Auch die Shoa ging vorüber wie jedes Morden. Nun herrscht Ruhe, bis es irgendwann wieder anheben wird. Die Frage ist nicht, ob sondern wann. Diese Überzeugung teilen meine Familie und meine Ahnen seit jeher. Wisse, Araber, wir werden kommen wie Hochwasser. Von allen Seiten. Wir fluten das Land vom Meer bis zum Fluss. Nicht aus Grossmachtsgelüsten, sondern damit Platz genug sein wird für all die Juden, die vor der nächsten Hasswelle fliehen, wo auch immer diese losgetreten wird. Sie wird rollen, und sie wird der Shoa gleichkommen oder diese gar übertreffen, wie immer man sich das vorzustellen hat. Unsere Geschichte, unser klinisches Wissen über den Hass gegen uns lässt uns keine Wahl. Dazu kommt, dass die bewusste Ignoranz, von der ich sprach, auch unsere Mörder erfassen wird. Das Abendland, beschämt und blockiert vor Schuld, wird uns gewähren lassen. Zur Zeit lösen sie weltweit die Kolonialverträge auf, damit die einheimischen Völker sich endlich wieder selbst bestimmen. Nur hier werden sie diese Papiere weiterhin für gültig erachten, denn die Gelegenheit ist zu günstig, damit wir in dieses rechtliche Vakuum hinein unseren Staat gründen. Aber ich bitte dich, zu verstehen: Wir werden hierher geschoben. Aus Todesangst. Aus mehrfach in Tiefen der Geschichte gestapelter Traumatisierung. Mich schickten sie von Jerusalem hierher, damit ich meine Familie, meine Verwandtschaft hier aussähe. Damit das reibungslos gelingt, wird die schuldbewusste Weltöffentlichkeit dich und dein Volk bewusst ignorant für staatenlos erklären. Und sie werden euch das Besitzrecht an diesem Land absprechen, obwohl jedes Recht in Gewohnheit gründet. Niemand setzt sich für euch ein, genau wie bei uns damals, auch wenn die koloniale Schutzmacht, die am vergangenen Weltkrieg erschöpfte, euch wie Untermenschen behandelt. Sogar der Völkerbund traut euch keine Selbstverwaltung zu, verhandelt nur mit euren Stammesfürsten, die sich einen Deut scheren um dich und dein Volk, über das sie feudale Führerschaft beanspruchen. Diese rassistische Vorarbeit des europäischen Abendlandes nützt uns freilich beim Aufbau des Staates hier, den wir dringend benötigen, damit wir vor der nächsten Hasswelle zu Abertausenden hier Platz und Schutz finden. Entschuldige, wenn ich das immer wieder in Erinnerung rufe, aber es ist zu wichtig, um zu verstehen. Diese Abendländer christlicher Abkunft, die sich anmassen, Anwälte der Menschenrechte zu sein, unsere Mörder wohlgemerkt, sie nennen euch Sandneger hinter vorgehaltener Hand. Es ist die Scham ihrer beispiellosen Täterschaft, die uns gewähren lässt. Ihr werdet Gerichtshöfe für Menschenrechte um Hilfe ersuchen, aber sie werden euch bewusst ignorant jedes Gehör verweigern. Aus schuldbeladener Rücksicht auf uns. Das Hochwasser, von dem ich rede, schwemmt euch aus dem Land. Oder ihr ertrinkt darin, setzt ihr euch zur Wehr. Und das wird passieren, da euch niemand hört. Die bewusste Ignoranz wird zur Folge haben, dass eure Gewalt nur Terror sein wird und nichts anderes. Man wird euch zu Wölfen erklären und zum Abschuss freigeben. Daher bitte ich dich von Herzen, verlasse dieses Land. Verlasse deine Heimat. Auf dich wartet nirgends ein Keimling von Hass. Es gibt Brudervölker genug, die euch aufnehmen. Du schüttelst den Kopf? Das habe ich befürchtet. Ich weiss, deine Kinder wachsen hier auf, deine Ahnen sind hier begraben. Du wirst also nicht gehen. Nun müsste ich vor dir auf die Knie fallen und dich anflehen, dass du fliehst, aber mein Volk hat sich so oft auf die Knie geworfen und wurde doch nicht verschont. Als wären wir verdammt zu Schuld. Schon der Gründer unserer Bewegung für einen jüdischen Staat notierte in sein Tagebuch, man müsse die ansässigen Araber irgendwie aus dem Land schaffen. Das bedeutet, es wird Widerstand geben. Das heisst, wir werden unsere bewusste Ignoranz hochtrainieren müssen. Sie wird zu einem Stachel reinster Abwehr. Unsere junge Volkssaat soll hier endlich gedeihen. Jeder Keim von Schädling wird sofort ausgemerzt. Denn Rückkehr bedeutet für uns Hass und Tod, zwar der Möglichkeit nach, aber die Geschichte unseres Leids spricht dazu eine klare Sprache, sie lässt sich nicht ausdeuten, wie man gerade Lust hat. Bei kleinster Gegenwehr werden wir euch vertreiben. Nur der Wind wird durch die Dörfer heulen, die ihr gegründet habt. Damit unser Ruf und unser Gesicht bei dieser Schande gewahrt bleibt, erinnern wir uns daran, dass wir auserwählt sind, dass wir Opfer sind und dass ihr minderwertig seid. Das sind die Leitlinien, die es uns erlauben, die bewusste Ignoranz gegen euch aufrecht zu erhalten. Und das Abendland wird das stumm zur Kenntnis nehmen. Unsere ersten Industrien werden keine Araber beschäftigen. Wir werden Gesetze erlassen, die bewusst ignorant eure Grundrechte beschneiden, denn ihr seid staatenlos und keiner hört euch. Wer immer Steine gegen uns wirft, kommt in Beugehaft, ohne Verfahren, egal welchen Alters, wir verhören jeden ohne Beistand. Wir werden euch verbieten, eure Häuser zu erneuern. Verlasst ihr euer Heim für ein paar Monate, wird es mit Grund und Boden in den Besitz des jüdischen Staates übergehen. Und die Nachkommenschaft unserer Mörder wird dazu schamhaft schweigen. Wir werden diejenigen von euch, die zur Flucht ausserstande sind oder sie verweigern, zusammenpferchen, einzäunen und mit Mauern abschneiden, damit wir vor eurem Hass sicher sind. Und irgendwann werden eure Wölfe ausbrechen, sie werden unter uns Wehrlose meucheln, egal welchen Alters, und sie werden unsere Kleinen stehlen, denn wir halten ja eure Kinder in Schutzhaft. Und sie werden sie in euer besetztes Gebiet entführen. So zwingt ihr uns, dass wir euch vor Augen einer Weltöffentlichkeit auslöschen. Viele Völker haben ein anderes auf dem Gewissen. Warum nicht auch wir? So zwingt ihr uns in den Sumpf, wie eure Wölfe rufen, aber ihr werdet unter uns liegen. Denn viele von euch opfern sich lieber, als dass sie unsere bewusste Ignoranz, die brutal wird und entwürdigend für euch, weiterhin erdulden. Eure Wölfe werden sich willentlich unter euch mischen, was jedoch weltweit geächtet sein wird. So werden wir umso entschiedener auf euch feuern und euch unter Trümmern und Phosphor begraben, wie es der Plan eurer Wölfe auch vorsieht. Sie wissen genau, dass das immer neu verletzte Volk sich immer verbissener gegen weitere Verwundung zur Wehr setzen wird. Um jeden Preis. Mit allen Mitteln. Unter strikter, das heisst pflichtbewusster Missachtung der Grundrechte. Mit bewusster Ignoranz. So werdet ihr weltweit eine neue Hasswelle gegen uns auszulösen versuchen, damit sie euch befreit.»
Die beiden schweigen. Der Palästinenser erhebt sich und spricht zum jüdischen Siedler: «Komm, lass uns zusammen zum Gott Abrahams beten und dann essen. Wie früher. Noch ist nichts davon geschehen, was du voraussagst. Mag sein, dass ihr mich und meine Familie vertreibt oder gar tötet, da ihr eine Todesangst leidet, von der ich keinen Begriff habe. Trotzdem bemitleide ich dich und dein Volk. Denn so, wie es scheint, werdet ihr keine Ruhe finden.»


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