Der friedliche Alltag ist keineswegs friedlich. Sehr oft machen wir uns Ignoranz zum Vorwurf. Wer sich in einer bestimmten Angelegenheit eine Unschärfe oder gar Blindheit leistet, wirkt überheblich. Ignoranz kommt also arrogant daher. Wir sehen die Sache richtig und vollständig, die anderen einseitig und falsch. Diese Selbstgewissheit wirkt ihrerseits überheblich. Das liegt womöglich daran, dass auch uns eine Ignoranz anhaftet, die uns entgeht, wenn wir Arroganz beanstanden. So zum Beispiel bei einem Stück Kunst am Bau in Berlin.
An einer Fassade in Kreuzberg prangt die übergrosse Gestalt eines Jugendlichen mit Kapuzenpulli. Die Hände sind zu Fäusten in den angenähten Taschen gesteckt. Der Jugendliche steht vornübergebeugt, er wirkt belastet, wie man es oft an Bahnhöfen oder in Stadtparks antrifft. Anstelle eines Gesichtes flattern Vögel aus der Kapuze, so als nutzten sie sie als Nest. Wie Webervögel, die zumeist über Wasser hängende Nester bauen. Die gemalten Vögel jedoch weisen ein unnatürlich buntes Gefieder auf, das gewiss einen deutlichen Kontrast zur düsteren Figur bewirken soll. Die Idee besticht, sie bringt einen zum Schmunzeln. Eine depressive Szenerie wird mit Lebensfreude aufgehübscht.
Beim Näherkommen fällt jedoch auf, dass jemand mehrere Beutel mit roter Farbe auf die Vögel geworfen hat. Es ist leicht anzunehmen, dass Passanten über diese mutwillige Verwüstung einer gutgemeinten und sorgfältig ausgeführten Kunst am Bau den Kopf schütteln. Wer so etwas tut, kann nur ignorant sein. Und Ignoranz meint hier wie gewohnt Überheblichkeit. Dabei wird übersehen, dass die Figur mit der Kapuze von dieser Schändung verschont blieb. Der Angriff galt also nur den bunten Vögeln. Der Beweggrund dafür dürfte demnach weniger in reiner Bosheit liegen, wie man gerne einfach so annimmt. Wer die Farbbeutel geworfen hat, empört sich seinerseits daran, dass jemand ebenso ignorant und überheblich die tiefe Trauer dieser Kapuzenfigur mit ein paar bunten Strichen einfach übertüncht. Die Darstellung mag so kunstvoll ausgeführt sein wie sie will, sie erweist bestimmten Menschen keinerlei Respekt, die sich von der Gesellschaft abgekoppelt fühlen. Nach neustem Kenntnisstand beschränkt sich Traumatisierung nicht mehr nur auf schockartige Erlebnisse, sondern trifft diagnostisch auch dann zu, wenn gewisse soziale Belange ausbleiben, die für Menschen wichtig sind, wie Zustimmung, Anerkennung und so fort. Dennoch erachten viele von uns die bedrückende Situation als selbst verschuldet, in der sich die Figur mit der Kapuze befindet. Eine blanke Unterstellung, die ihrerseits ignorant ist und somit ohne Respekt.
Denn wir wissen nie über die Hintergründe des jeweiligen Falles so Bescheid, dass unser Urteil sachlich und angemessen ausfiele.
Überall herrscht also ignorante Arroganz. Es fällt mir schwer, dabei eine Vernunft am Werk zu sehen, die sich unablässig von einer inkompetenten Gesellschaft enttäuscht sieht. Das Ganze riecht eher nach Anthropologie. Man weiss, je enger Menschen zusammenleben, desto eher fangen sie an, sich gegenseitig zu erniedrigen. Vielleicht ist Arroganz bloss ein Vorgeschmack davon. Am besten begreift man sie als Methode intimer Ökonomie. Etwa so:
Wer die Nase hochhält, atmet frische Luft über den zwischenmenschlichen Sümpfen, in denen er steckt.
Bis zum Kinn.


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