Faknews sind vielen ein Grund zur Sorge. Die Fakten kommen uns abhanden. Aber die Menschheit besteht seit je trotz übelster Irrtümer.

Damals, als es noch keine Wissenschaft gab, zu Zeiten des Präfaktischen also, sollen die Menschen mehr schlecht als recht mit ihren falschen Wahrheiten gelebt haben. Mag sein. Die Quellen überliefern das nicht zwingend. Und ein Blick auf uns selbst, wie wir eher recht als schlecht mit Fakten leben, die für erhärtet gelten, legt ebenso nahe, dass wir wenig Grund haben, die Vergangenheit als rückständig zu bedauern.

Nun hat uns das Postfaktische eingeholt. Fakenews gefährden die Demokratie. Man soll über die Dinge richtig Bescheid wissen, damit ein politischer Entscheid gefällt wird, der die Gesellschaft voranbringt. Dabei hängt der Anspruch, richtig Bescheid zu wissen, bereits von einer politischen Entscheidung ab. Ein Arbeitnehmer mit wenig Rücklagen findet staatliche Umverteilung richtig, ein selbständig Erwerbender den freien Markt. Beide nehmen notfalls Rückhalt bei Fachleuten, die sich trotz spezialisiertem Wissen widersprechen.

Wenn nun jemand Fakten sogar entstellt, damit seine Politik sich durchsetzt, wird der Vergleich mit dem natürlichen Unwissen von früher schwer nachvollziehbar. Aber in beiden Fällen habe ich als Mitglied einer Demokratie keine Möglichkeit, die Richtigkeit  zu überprüfen, ob es nun um Fakten geht, wissenschaftlich auf Zeit erhärtet, oder um Faknews.

Irgendwie gehe ich damit um, mehr recht als schlecht, wie es Menschen seit je tun. Meistens wähle ich, was meine Interessen bestätitgt, ob Fakt oder Fake. Also habe ich schon vorweg entschieden.

Man überlege sich die hemdsärmelige Psychologie, die den einen oder anderen Schweizer 1971 dazu veranlasste, gegen das Frauenstimmrecht einzulegen. Nur allzu gern halten wir seine Stimme für rückständig und daher als Beispiel für gesunde Demokratie unbrauchbar. Damit wäre jedoch erbärmlich blossgelegt, wie undemokratisch unsere Gesinnung tatsächlich ist. Voltaires bekanntes Diktum in dieser Sache sollte uns geläufig sein. Genauer jenes, das ihm zugeschrieben wird.

Solange die Mehrheit die Minderheit bestimmt, sehe ich für die Demokratie keine Schwierigkeit mit Fakenews. Denn sie dient gewiss keiner Wahrheitsfindung, sondern schlicht der politischen Stabilität.

Was kümmert uns also das Postfaktische, wenn wir doch Wahrheit schon immer so drehen und wenden, bis sie unseren Interessen dient? Überhaupt, wie war es denn zu Zeiten des Faktischen um Wahrheit bestellt? Interessant ist, dass Wissenschaftler gar nicht von Wahrheit reden. Sie meinen, Wahrheit sei Juristen vorbehalten. Oder Pfaffen. Stattdessen erwägen Wissenschaftler mehr oder weniger Wahrscheinlichkeit. Wir meinen, das Faktische, also die Befunde der Wissenschaft, möge die Dinge richten. Aber welche Wissenschaft darf es sein? Selbst Naturwissenschaft erneuert sich laufend selbst. Das nennt sich Falsifizierung. Eine Wahrheit bedeutet eine These, die solange zutrifft, bis sie widerlegt wird. Derzeit werden im Politbetrieb, im Pressewesen und an Hochschulen im Sekundentakt irgendwelche Studien beigezogen, die dies und das beweisen. Dabei bleibt die Möglichkeit ihrer Widerlegung einfach ausgeblendet.

Wir mögen als Idioten dastehen, wenn eine scheinbare Wahrheit widerlegt wird, die uns am Herzen lag. Aber wir sind mit Sicherheit durchwegs Idioten der Möglichkeit nach, selbst dann, wenn wir uns auf Fakten berufen. Denn was wir als Tatsache ins Feld führen, zerbröselt vielleicht unter künftiger Wissenschaft zu Fake.

Im Übrigen: Welche Wissenschaft darf es sein? An Hochschulen geht der Konstruktivismus um. Nach dieser Lehre gilt jede Wahrheit für erfunden. Fakenwes und Konstruktivismus vertragen sich also bestens. Wozu die ganze Aufregung? Auch republikanische Politiker wie Reagan liessen sich vom Konstruktivismus begeistern. Im Wahlkampf versprach er, dafür zu sorgen, dass in Schulkantinen mehr Gemüse aufgetischt wird. Als Regierungschef an sein Versprechen erinnert soll er auf die pünktliche Lieferung von Ketchup verwiesen haben.

Ketchup als Gemüse. Wieviel Wahrheit, wieviel Fake steckt darin? Leibhaftiger Konstruktivismus ist es allemal.

Der Konstruktivismus ist Studentenfutter aus den Achtzigern, das von heutigen Dozenten täglich wiederkäut wird. Man hält ihn oft und gern für Wissenschaft. Dabei bedeutet er bloss eine bestimmte Umgangsform mit Wissenschaft. Eine Methode. Die Ansicht aber, dass Wahrheiten nur bedingt gültig sind, hat Wurzeln, die im Übrigen bis auf die griechischen Sophisten zurückgeht. Was für ein Jammer. Fakenews haben sogar Tradition. Immerhin trat Platon gegen die Sophisten an, aber seine Ausführungen über Wahrheiten, die umfassend sind und Bestand haben, unterscheidet sich kaum von der Rede über Götter. Platon, eine Leitfigur abendländischen Denkens, eine Lichtgestalt auch des Christentums.

Das Faktische ist vielleicht eher ein Wunschbild. Eine Sehnsucht nach Bestand und Sicherheit.