In Sachen Weltpolitik bevorzuge ich die Sichtweise oder Lesart, die grösstmöglichen Abstand zur Sache hält. Das heisst nicht, dass sie die beste Wahrheit liefert. Im Gegenteil, sie räumt mehr aus, als sie einbezieht. Der Grund ihres Vorzugs liegt darin, dass sie am meisten Menschlichkeit garantiert, weil sie Freund und Feind wechselseitig überblickt. Zum Beispiel so: Der Syrienkrieg sei genau genommen ein Erdgaskrieg, bekommt man zu hören. Entweder sind es Sunniten oder Shiiten, denen der Bau der Pipeline gelingen wird. Sie soll aus dem Raum Katar durch Syrien nach der Türkei und Europa führen. Europa bildet einen Sog an Nachfrage, weshalb wir ungewollt das Leid der Syrer mitverschulden.

Diese Lesart der Dinge greift über enggestellte Fragen wie der Rolle Asads oder nach dem Unterschied zwischen Rebell und Terrorist vor Ort hinaus. Zu bedenken ist, dass solche Sichtweisen gefällig einleuchten, weil sie die Sachlage vereinfachen.

Nun gibt es eine weitere Lesart, die auch diese Theorie übersteigt. Demnach lagern im so genannten Randland der Kontinentalgruppe Asien, Europa und Afrika die meisten Rohstoffe. Dieser Lesart zufolge verspricht der Zugriff darauf eine weltweite Vormachtstellung. Dieses Randland umfasst ein Gebiet, das sich «von Skandinavien über Mittelosteuropa, die Türkei, die arabischen und vorderasiatischen Länder und Indien bis hin nach Indochina, Korea, Ost- und Nordchina» erstreckt. Dabei handelt es sich um Lebensräume, in denen die meisten Kriege nach 1945 geführt wurden: Korea, Vietnam, Nahostkonflikt, Golfkriege, die Spannungen zwischen Pakistan und Indien. Nicht zu vergessen Afghanistan, seit Langem.

So überrascht es nicht, dass die Vereinigten Staaten diese Theorie 1943 zur «geopolitischen Staatsräson» erhoben. Sie liegen denn auch sehr weit abgelegen von diesen Quellen an Rohstoffen. Was Wunder, wenn sie unter dortigen Einheimischen zündeln, vielleicht sogar die Völker aufeinanderhetzen, wie es der Fall scheint, damit man sie dazu aufruft, sie mögen beherzt eingreifen und Ordnung schaffen wie im vergangenen Jahrhundert mehrfach geschehen. Indem sie aber derart Brände legen und Winde säen und Stürme ernten, wie gesagt wird, verhindern sie, dass Stammesführer oder vergleichbare Schwergewichte, wie Kulturwächter oder selbst ernannte Kalifen, westliche Völkerschaften erpressen. Immerhin empfahl Saddam Hussein Hitlers «Mein Kampf» unbedingt zur Lektüre.

So gesehen leisten die Vereinigten Staaten Drecksarbeit für uns.

Gäbe es die Sorge dieser Erpressbarkeit nicht, wären die Wüsten schon lange mit Spiegeln für Solarkraft besetzt. Bei all dem Blut, das in diesem Randgebiet bisher geflossen ist, darf man gar nicht daran denken, die Theorie von der weltweiten Vormachtstellung durch Kontrolle dieser Region könnte falsch sein. Sie kann aber sehr wohl falsch sein! Doch sie wird ernst genommen. Sicherheitshalber, vielleicht weil keine bessere Theorie zur Hand ist. So gibt es Völker, die nach ihrer Empfehlung vorgehen, während andere sich vor denen schützen, die ihr so angriffslustig folgen.

So betrachtet erhält die verzwickte Sachlage Sinn: Die Verhältnisse, die derzeit im Raum Nahost und Schwarzes Meer chaotisch wirken, unterscheiden sich grundsätzlich kaum von einem Gerangel am Wasserloch wie vor Jahrtausenden.

Der Westen gegen den Islam? Unter anderem. Das würde die Geschehnisse in der Türkei erklären, die in dieser Spannung zu zerreissen droht. Wie ein kranker Mensch sucht sie Schutz bei ihren Wurzeln, die osmanisch sind. Die Verwestlichung unter Attatürk scheint denn doch zu frisch aufgepfropft.

Vielleicht ist es als ein Zeichen hoher Dringlichkeit zu begreifen, wenn die Vereinigten Staaten einen besonderen Rüpel aus ihren Reihen in diesen Konflikt schicken, der zum Beispiel bei den Sauds Säbeltänze vollführt. Womöglich ziehen auch wir Europäer Nutzen daraus, dass er auf diplomatische Feinheiten keine Rücksicht nimmt. Ein Vorteil vielleicht sogar für den Westen insgesamt, wenn er lieber mit Machthabern unter eine Decke kriecht als mit Vertretern demokratischer Ordnungen.

Überhaupt vertritt er einen Schlag von Menschen, die auch in Europa auf Erdrutschsiege hoffen. Ein Bodensatz an Volk, das sich von zentralisierenden Körperschaften wie Hochfinanz oder Instrumenten der Globalisierung und sonstig gut vernetzter Eliten über den Tisch gezogen fühlt. Zurecht, wenn man 2008 bedenkt. Aber auch dieser Rüpel hängt in den Zügeln von Interessensgruppen wie der Rüstungsindustrie. Warum sollte ausgerechnet er, anders als seine Vorgänger, nun mehr Freiraum geniessen?

Weltherrschaft also. Einmal mehr wird sie angestrebt, den Stab über alle anderen zu brechen. Damit man als Herrenrasse darübersteht? Dieser Zweck erscheint vielen zutreffend. Ich glaube weniger daran. Zwar gibt es viele, die solche Zielsetzung fassen. Deshalb lassen sie sich leicht zum eigentlichen Zweck anschirren und einspannen.

Und dieser eigentliche Zweck wäre?

Weltherrschaft verspricht vielleicht Grösse in verschiedener Hinsicht. Gewiss aber garantiert sie maximalen Schutz vor allen anderen, wenn möglich endgültig.

Diese Lesart halte ich moralisch für ausschlaggebend. Denn sie zeigt den Gegner in Angst.

Dabei lehrt die Geschichte, dass Menschen genau dann gefährlich werden, wenn man sie beherrscht, es dauert einfach seine Zeit. Im Übrigen hat noch keine gesellschaftliche Ordnung der Zeit standgehalten. Kein Grossreich, kein Bündnis, vor allem keine Diktatur haben bis heute überlebt.

Manche Bekenntnisse, die wir tapfer zur Verbesserung der Welt einsetzen, stossen in diesem Weltkonflikt aufeinander: Der Liberalismus, der Traditionalismus, der Wahhabismus, der Sunnitismus und Shiitismus, die Orthodoxie verschiedener Richtungen, jede Form radikaler Zuspitzung.

Vielleicht sind sie weiter nichts als das neue alte Gebläff rund ums Wasserloch.