Ich wusste es: Höhlenbewohner gibt es noch heute. Aber nun schliessen sie sich in Kellern ein. Einzelgänger dieser Art sind offenbar gar nicht so selten. Diese Form von Rückzug sollte man heutzutage als ein Sozialverhalten würdigen.

Ulrich Seidl, ein Filmemacher, von dem ich keine Sekunde seiner Arbeiten verpasse, fördert atemberaubend stilisiert zutage, was da unter Böden eingestülpt abgeht:

Eine Rentnerin steigt über ein blank geputztes Treppenhaus in ihren Keller hinab und holt aus einer Schachtel aus dem Regal eine Baby-Puppe, die sie aufnimmt, als wäre es Morgen, und sie herzt und herumträgt und ihr, bevor sie geht, ein Schlaflied singt. Die Frau ist bei Verstand. Das zeigt sich daran, dass sie die Kellertür nach Betreten hinter sich abschliesst.

Ein passionierter Jäger brät sich ein Wiener Schnitzel aus dem Fleisch einer Warzensau. In seinem Schiesskeller übt er mit Kameraden. Er weist sie an, sie sollten den Finger gestreckt halten, mit dem sie den Abzug betätigen, sobald sie in Bereitschaft sind. «Finger! Finger! Finger!» mahnt er, damit richtiges Verhalten sich automatisiere.

Altherren sitzen zwischen Fundstücken des Dritten Reichs und kippen Stamperl und Spritza, bis die Zunge lallt. Sie fordern ihr Recht auf Heldentum ein, selbst an der Seite einer Gattin, die zunehmend verblüht. Und sie brüllen: «Einen Meter vor, einen Meter zurück, einen Meter runter, einen Meter hoch», als besängen sie diesen Kellerraum, der sie in seinem Geviert angenehm einschliesst.

Dürrenmatt schreibt zum Minotaurus, das Labyrinth schütze die Menschen vor dem Wesen, aber auch das Wesen vor den Menschen. Diese Personen verhalten sich sozial, weil sie andere mit ihrer Eigenart nicht unnötig vor den Kopf stossen. Umgekehrt versteht es sich von selbst, dass sie mit ihrem Rückzug Abscheu vermeiden und harte moralische Urteile. Beide Lesarten treffen zu. Welche für die jeweilige Person gilt, weiss nur sie selbst. Warum bevorzugen wir denn nicht einfach die erste Lesart? Und zwar grundsätzlich.

Aufwertung durch Umwertung.

Wie es sich für einen radikalen Humanismus gehört: Diese Leute schützen andere vor sich selbst. Das ist mehrdeutig zu verstehen. Im Übrigen sagt es auch über mich aus, welcher Lesart  ich den Vorzug gebe. Die Frage lautet: Wer bin ich, wenn ich diese Menschen so oder so sehe?

Eine Prostituierte hat entschieden ein Leben voller Demütigung als Kassiererin hinter sich gelassen. Ein Mann, sonst ordentlich berufstätig, lässt sich im Keller als Sklave von seiner Herrin Gewichte an die Hoden hängen. Seine Lustschreie verhallen dumpf und ungehört. Und die Masochistin liebt es gefesselt zu sein, weil sie von ihrer Freiheit und damit von ihrer Verantwortung erlöst wird. Nur unter Nadelschmerzen könne sie den Kopf leeren und ihre Seele baumeln lassen. Sie berichtet von Misshandlungen, die sie als Kind erlitt und später als Frau.

Vielleicht ist ihr Masochismus nur ein Ausweg, indem man geniessen lernt, was nicht abzuwenden ist. Was wir unserer Gegenwart, unserem Leben eigentlich schuldig sind.

Eine Umgangsform somit.

Im Sinne eines radikalen Humanismus’ gilt es, Schmerzlust als Umgangsform, als persönliche Ökonomie, als Selbstökonomie zu würdigen. Ulrich Seidl zeigt, in seinen Worten, wie Menschen mit ihren Unzulänglichkeiten zurechtkommen. Die Beispiele stehen, gerade weil sie als Extreme stilisiert sind, ebenso für milde Fälle, wie sie unter uns wohl zuhauf vorkommen. Seidl gestaltet Ikonen intimster Ökonomie.

Menschen, die „aus was herauskommen müssen“, wie er sagt.

Dafür steigen sie in den Keller.