Öffentlich über Rauschkultur zu reden, könnte heute nicht verfehlter sein. Bei der weltweiten Anspannung, bei der vollendeten Liberalisierung, die nur rationale Entscheide kennt, sollte man das tunlichst vermeiden. Es sei denn, man dämonisiert oder verachtet Rauschkulturen wie üblich. Das wäre mir zu langweilig, zu feige. Meine Ausführungen hier sind also zum blossen Privatgebrauch gedacht. Ich für mein Teil nahm letzthin Belehrungen des Tequila entgegen. Und keine lautete: Hör bloss damit auf!
Die Antike kennt einen Gott des Rausches, Dionysos, den Verdunkler und Verwischer von Ordnungen, den Verunschärfer, den Durcheinanderwerfer. Dieser steht gleichberechtigt neben Apollon, der beständig Licht aussendet, um Ordnungen zu behüten. Auch in Indien sind alle erdenklichen Kräfte, ob sie bauen oder zerstören, ob sie klären oder trüben, gleichberechtigt im grossen Ganzen einbezogen. Nur das Christentum hält aus dem heiligen Ganzen verbannt, was bestehende Ordnungen gefährdet. Nietzsche beklagt in seinem Gesamtwerk diesen Mangel, indem er das Dionysische in Christentum und Aufklärung rücküberführt.
Jede Kultur, das zeigen die Traditionen, gestand den Menschen ein Ventil zu, sich ab und zu gehen zu lassen. Als Dorfschullehrer zog ich mit Freunden der Schweizerischen Volkspartei unter Applaus der dortigen Bevölkerung auf Ross und Wagen durch den Maienblust, mit Kasten Biers und Schnäpsen zwischen den Sitzen. Wer die Rauschkultur als schädlich und minderwertig ausgrenzt, erstarrt frühzeitig in kalt berechnender Nüchternheit. Die Geschichte zeigt, solche Gemeinwesen verwässern von aussen oder sie zerbröseln nach innen. Die Natur macht es vor: Es gibt keinen Haltepunkt, alles verändert sich, wächst, gedaiht, wird geschändet, zerfällt, vermodert, löst sich auf, wird umgebaut. Kein Ei bleibt je ganz.
Anlässlich einer Party, als ich, angeregt durch ein wunderbar intimes Gespräch meinen Kopf mit weissem Perlwein schäumen liess, kreuzten Hände mein Gesichtsfeld, von denen ich wie von selbst Salz leckte, während der raffinierte Saft der Agave in mehreren Schüssen meine Blutbahnen flutete. Unkundig mit diesem Geist versank ich in einer Umnachtung, die dazu führte, dass ich durch Tanzende torkelte, zwischen Stühlen Platz fand und mich mehr als einmal der planetarischen Schwerkraft in einem Schwung hingab. In der folgenden Schwärze entging mir, flankiert und gestützt, viel Fürsorgliches auf dem Weg zum Uber, dieser entliess mich ohne mein Wissen auf dem Verkehrsknotenpunkt nahe meiner Zürcher Wohnung. Ich erwachte im Gestrüpp, zerkratzt von verholztem Gewächs und mit Blut an der Nase. Später erinnerte ich mich an eine Staude Brennessel, die unvermittelt vor meinen Augen stand, ich gewärtigte die Gefahr, machte mir aber Mut in Gedanken, ich müsse eben jetzt da durch. Offenbar befand ich mich auf einer Mission. Gewiss suchte ich die Party, die mir abhandengekommen war, sowie meine Gesprächspartnerin, deren Namen ich mehrmals rief. Dabei kamen mir ein Schuh und das Handy abhanden, sodass ich ohne jede Kontaktmöglichkeit in Nacht und Schweigen zurückblieb.
Eine irre Peinlichkeit, die man sonst tunlichst verschweigt, gerade in meinem fortgeschrittenen Alter, doch der Geist des Tequila nahm mich in seine Lehre. Etwa in der Art:
«Nun hast du die Orientierung verloren, du Jungfrau in meinen Händen. Die reinste Unschuld, was deinen Tequilakonsum betrifft. Es wurde auch Zeit, das du die Orientierung verlierst, ist ja bloss für ein paar Stunden. Hoffentlich begreifst du die Chance, die dir damit gegeben ist. Bestimmt erinnerst du dich an die Situationisten im 19. Jahrhundert, von denen du immer so begeistert laberst. Sie führten sich Substanzen zu und schwärmten kreuz und quer durch fremde Städte mit dem eindeutigen Vorsatz, die Orientierung zu verlieren. Ihre Absicht bestand darin, dadurch ihr Denken aufzufrischen, die Dinge anders zu sehen, sich anders zu erinnern, denn die Vergangenheit lesen und erzählen wir immer gleich. Deine Umnachtung, dein mehrfacher Zusammenbruch, dein läppisches Herumirren mit nur einem Schuh und ohne Handy haben dich in die Lage gebracht, dass deine Vorurteile Risse bekommen, die sich Jahr für Jahr abgesetzt haben wie Tuff an dir. Es ist zu hoffen, dass sie ganz zerbröseln und Platz bieten für einen frischen Blick auf deine Umwelt. Alles wurde erschüttert: Deine Fettschicht an Gewohnheiten, nun geknetet und durchwabert, auch sie die immer gleiche tägliche, stündliche Zustopfung, nun schützt sie nicht mehr. Dein immer gleicher Umgang mit bestimmten Erfahrungen, angeblich bewährt über Jahre, aber diese Überzeugung haftet an alle, die so linear leben wie du. Deine Vernunft, eingerastet, festgefahren. Die Kalibrierung deines Wertesystems hat sich verschoben, hängt in Schieflage. Nun hast du genug deine Entscheide nach dem immer gleichen Kalkül gefällt, nun hast du dich genug von dieser Welt in deiner biodivers-phäno-geno-typischen Art isoliert.
Deine Erschütterung besteht darin, dass dein bewährtes Leben punktgenau zu diesem Zusammenbruch geführt hat. Die Panne ging schlüssig daraus hervor. Vielleicht beschuldigst du jemanden, die Person habe billigen und am besten leicht vergifteten Fusel in Umlauf gebracht. Damit könntest du retten. Oder du lässt einsickern, dass etwas mit deinem bisherigen Leben nicht stimmt. Also bist du gezwungen, es anders zu sehen.»
Am nächsten Morgen fand ich Schuh und Handy.
Mitten in Zürich.
Unter freiem Himmel.


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