Der Zeitpunkt, ein Kind abzustillen, kennt verschiedene Antworten, die sich spinnefeind sind.
Das so genannte Kontinuumskonzept nach Jean Leadloff erlaubt dem Kind, die Brust zu suchen, solange es danach ein Bedürfnis hat. Das kann Jahre dauern. Die Autorin zehrt von Beobachtungen unter Indigenen. Sie stellte fest, dass dort die Kinder praktisch nie quengeln. Auch in späteren Jahren eilen sie zur Mutter, werfen sich an ihre Brust für ein paar Momente und rennen wieder davon.

Irgendwann tun sie es nicht mehr. Für immer.

Diesen Kindern wird ein besseres Selbstgefühl bescheinigt. Sie rennen den Erwachsenen nach, nehmen fünf Schritte, wenn diese zwei tun, stündlich entkräftet. Aus meiner Sicht erklärt das nebenbei, warum Kinder auf Fett und Zucker ansprechen und der mehrheitlichen Tendenz nach Gemüse verabscheuen. Den Erwachsenen hinterhertappen, ein Schluck Milch hier, ein paar Züge Trost da am vertrauten Muttergewebe, wenn etwas arg schief läuft. Heute sind sie, planmässig abgestillt, der halbpräsenten Aufmerksamkeit von Erwachsenen ausgesetzt, die sie auf dem Spielplatz untätig umringen. Im Mittelalter schlief die Bauernfamilie in einem Sack, jenseits von Einsamkeit und Heimlichkeiten, wie sie die ersten Bürgerkinder heimsuchen, die nach adeligem Vorbild in eigenen Betten in je eigenen Zimmern abgesondert schlafen.

Körperliche Nähe als Kontinuumskonzept unter Menschen bringt rasche Heilung. Eine Schülerin mit Fleischwunde vom Turnbarren hörte sofort auf zu schreien, als die Freundinnen sich eng zu ihr setzten. Ihre tränennassen Augen begannen sogar zu leuchten. Körperliche Nähe wäre eine Heilungsmethode, die in unseren Breitengraden ausser Frage steht, da Berührungen bei uns ihre strikte Bedeutung haben. Eng liiert oder eng verwandt, nur unter diesen Vorzeichen sind Berührungen zulässig. Schon vor Jahren wurden jedoch Kuschelpartys in Manhatten angeboten. Ein frühes Kontinuumskonzept für Erwachsene. Auch die Hugs sprechen für dieses Bedürfnis, die man in Städten von Wildfremden verabreicht bekommt.

Gegner geben zu Bedenken, die Lust der Mutter am Stillen könne mit den Jahren übergriffig werden. Dazu meine ich: Was die Mutter empfindet und was nicht, ist allein ihre Sache. Aus den nämlichen Kreisen ertönt ferner das Ansinnen, Gebärende müssten auf das Angebot eines Kaiserschnitts verzichten, falls keine Not bestände. Nur so würden sie zu richtigen Müttern. Auch chronische Schmerzen etwa bei Krebs gelten in diesen tief religiösen Kreisen als heilsam und erlösend, ihre Betäubung wäre demnach Sünde. Sollten diese Ansichten zutreffen, was ich bezweifle, dann weiss ich immer noch nicht, wie ich von einem anderen Menschen verlangen kann, dass er ein Leiden durchsteht, einen drückenden Engpass bewältigt, von dem ich völlig unbetroffen bin.

In Augen vieler bedeutet das Kontinuumkonzept schlicht Verwöhnung. Auch dafür gibt es gewiss Belege genug. In solchen Fällen, wenn Verwöhnung beklagt wird, erinnere ich mich gerne an René Spitz und die Indianerstämme, die er genauer beschrieben hat: Der eine Stamm hielt nichts von Verwöhnung. Zum Beispiel soll die Schwangere gebückt gehen, damit das Kind im Bauch ausserstande ist, an der Wirbelsäule der Mutter anzulehnen, während der andere Stamm der Schwangeren und später das Baby Entlastungen aller Art entgegenbrachte, Säfte, Massagen, Umarmungen, was weiss ich. Der springende Punkt dabei ist, der einzige nämlich, der aus evolutiver Sicht entscheidend ist:

Beide Stämme haben über Generationen überlebt.

Folglich sind beide Methoden als zweckmässig zu betrachten. Nun hat man die Wahl.