Seit einigen Jahren höre ich «Alles gut» beinah täglich, früher nie. Mir scheint, diese rasche Beschwichtigung lässt sich mit einem Reinigungsspray vergleichen. Ich halte sie für einen zuverlässigen Gradmesser, der die allgemeine Überlastung in der heutigen Lebenswelt anzeigt. Jemand entschuldigt sich nervös, die Person ist überzeugt, sie habe einen groben Fehler begangen. Das «Alles gut» vonseiten des Andern, der davon betroffen ist, entlastet auf Anhieb. Das wäre gewiss ein erfreuliches Zeichen in unserer Arbeitswelt, wenn dabei nicht auffiele, dass diese Beschwichtigung genauso hektisch vorgebracht wird. Sehr oft könnte man der Person, die mit «Alles gut» beruhigt, ihrerseits eine leichte Nervosität unterstellen. Die rasche Beruhigung geschieht nach meinem Geschmack auch etwas überfreundlich. Beruhigt wird nicht aus Ruhe, sondern aus einer leichten Anspannung heraus. Wie soll das gehen?

Jedenfalls nehme ich auf beiden Seiten eine leichte Hektik wahr. Vielleicht wird mit «Alles gut» weniger von einer Schuld entlastet, als eher ein beschwerliches Gespräch zwischen Tür und Angel abgewehrt. Man möchte auch nicht, dass sich jemand noch fünfmal entschuldigt, obwohl die Sache geklärt ist. «Alles gut» hiesse dann, ich habe noch anderes zu tun, ich mag mich jetzt gerade in kein Wenn und Aber, in kein endloses Möglicherweise einlassen. Grob gesagt steht dieses Instant-Wohlwollen im Verdacht, dass es sich davor hütet, auf Einzelheiten einzugehen. «Alles gut» bedeutet, die gesamte Situation wird sofort mit Wohlwollen besprüht, statt sie zu scannen. Das wäre ihre Sprayfunktion. Folglich handelt es sich eher um eine Abwehr, eher um ein Bekämpfen, statt einer Zuwendung.

Dennoch scheint es von Herzen zu kommen.

Von einem Herzen jedoch, dem seinerseits jede Entlastung willkommen ist. Wie sein Gegenüber hütet es sich vor Schuld, die sich in den fein durchregulierten Strukturen heutiger Lebenswelt rasch anhäuft oder unerwartet aufblitzt: Ein Email zu beantworten vergessen. Ein falsch eingetragener Termin. Keine sofortige Reaktion auf eine Anfrage, ihre Einstufung als dringend missachtet. In der Dichte an Kommunikationsmöglichkeiten einen Kanal vernachlässigt. Wichtige Unterlagen übersehen, da man sich auf dem Bildschirm nur an den waagerechten Reitern orientierte, statt ebenso an den an der Seite senkrecht aufgelisteten Themenbereichen.

Eine Welt voller Optimierung. So viele Fehler, so viel Schuld.