Allein bin ich zur Welt gekommen, allein werde ich sterben. Allein, das heisst: Eins mit dem All. Nichts Menschliches kann mir fremd sein, auch nichts Natürliches. Alles Menschliche alles Natürliche ist mir urtiefst vertraut. Zwischen Geburt und Tod liegt mein Leben. Keines sonst. Ich habe es weder gewählt noch mich davon losgesagt. Was immer ich tue, sind Taten und Untaten, sind Unterlasssungen des Lebens selbst. Mein Leben, sofern es meines ist, steht im Dienst am Leben überhaupt.
Zwar gehöre ich Gruppen an, die mich versorgen. Sie machen aus, was man für meine Identität hält. Ich lebe mit ihnen, ich bringe mich ein und werde sie, wie die meisten, bis aufs Blut verteidigen. Identität ist Gift. Gruppen zersetzen die Menschheit. Noch. An ihren Rändern wirkt die rechtsfreie Selbstbehauptung so barbarisch, so tierisch ist wie seit je. Da mag die Gruppe sich selbst für noch so zivilisiert halten. Ich will keiner Gruppe angehören, auch wenn es unvermeidlich ist. Ich gehöre dem Leben. Nicht umgekehrt. Dieses Leben bringt Verwundung und Schuld. Beides nehme ich auf mich. Ohne Zorn und ohne Reue. Ich bin Nahrung, und ich verzehre Nahrung, ich raube Wohnraum und nenne es privat. Ansonst töte ich nichts und niemanden, nur damit ich sicher lebe. Denn so fügte ich anderen zu, was ich selbst abwehre.
Notfalls verlösche ich in Anstand und Würde.
Warum denke ich so? Wie kommt das? Dank einer Reihe von Zufällen hat mich das Leben zu einer besonderen Weltsicht gebracht. Von meiner jetzigen Warte aus fällt mir der Glaube schwer an das schlechthin Böse, das mit Stumpf und Stiel auszurotten wäre. Das müssen wir anders sehen. Ich halte es für ein Missverständnis. Von der Gruppe war die Rede.
Das Böse ist ein wirksames Mittel, um die Gruppe, die mich nährt, vor anderen zu sichern. Denn das Böse ist keine Gegenkraft zum Guten, sondern einfach nur Leben, das sich selbst in die Quere kommt.
Leben prescht nicht nur vor, es wird auch geschoben. Und wer Böses bekämpft, verübt Böses. Das liegt daran, dass ihm alle Mittel gestattet sind. Die Weltsicht, die ich darlege, habe ich mir nicht aus den Fingern gesogen, sie hat sich ergeben. Sie stützt auf Wissen ab. Von Gott wird hier nirgends die Rede sein, es sei denn als Orientierung für eine Lebensform, die mit mehr Denke beschäftigt ist, als sie zum unmittelbaren Überleben braucht. Die Geschichte von zwei Urmenschen geht nicht auf, da die gesamte Menschheit aus Inzest hervorgegangen wäre. Das bereits schmale Erbgut zweier Personen würde zusätzlich ausdünnen, es wäre nicht lebensfähig. Mir leuchtet die Vermutung ein, dass Leben eine Eigenschaft der Materie darstellt und sozusagen ausbricht, wenn die Bedingungen stimmen. Das sollte auch nicht mehr schwerfallen, denn seit der Quantenphysik hat die Materie ihre traditionelle Düsternis verloren, finde ich. Religionen mögen Menschen verbinden und ihnen Halt geben, sie verbinden sich um keinen Preis miteinander, sondern meiden sich wie Wurzelspitzen. Sie verkennen, wie gleich sie sind, in die Unterschiede verbissen, die Kleinlichkeiten sind gemessen am Ganzen. Also taugen Religionen nichts zu einem Weltfrieden. Selbst Buddhisten sind in der Lage, Andersgläubige auszuhungern, von denen sie sich bedroht fühlen.
Leben will bestehen. Es breitet sich aus. Vom Wasser auf das Festland, in vulkanische Schlünde, unter schwimmendes Eis, in Höhlen mit Schwefelgas, wo das gleiche Leben Schwefelsäure verarbeitet wie wir Sauerstoff. Will Leben auch zukünftig bestehen, muss es den Planeten verlassen, bevor er in der Sonne verglüht oder neben ihr erkaltet. Seine planetarische Abdrift bedeutet, dass es lernt, den zahllosen Supernoven auch fernerhin zu entfliehen, die in Zeitraffer gedacht den gesamten Kosmos durchfunkeln. Das Leben hat Jahrmillionen Zeit dafür, aber es hat nicht alle Zeit der Welt. Die Anzeichen für seine Abdrift von der Erde liegen auf der Hand. Sonden umrunden den Mars. Nach zehn Jahren Weges ist Philae auf einem Kometen gelandet. Das Teleskop Hubble leuchtet kosmische Tiefen aus. Die amerikanische Bundesbehörde für Raumfahrt und Flugwissenschaft NASA nennt in ihrer Zielsetzung unter anderem die ‚Ausdehnung von Leben nach draussen‘. Auch Private zeigen zunehmend Interesse an diesem Projekt.
Angenommen diese Abdrift sei keine problematische Allüre menschlichen Lebens, das zu viel versteht von der Welt, als fürs blosse Überleben nötig wäre. Angenommen für eben diese Abdrift hätte das Leben uns Menschen genauso hervorgebracht, wie wir eben sind, ob uns das passt oder nicht. Die planetarische Schwerkraft ist zu überwinden. Dazu braucht es die nötige Technik mitsamt ihrer Technologie, es braucht Sprache zur Verständigung, Mathematik und andere Symbolordnungen, Wissenschaft, Ingenieurswesen. Sozusagen alles, was wir als kulturelle Evolution ansprechen. Die Geschichte von der Abdrift erklärt, warum es sie gibt. Leben könnte ja bakteriell fortbestehen, wozu das ganze Kulturzeugs? Auf Stufe Einzeller würde das Leben Meteoriteneinschläge überstehen, aber keinen Sternentod.
Für manche klingt das enorm reizvoll, andere halten es für Schwachsinn. Mir geht es vorerst um die Schlussfolgerungen, die aus dieser Vermutung zu gewinnen sind. Für die planetarische Abdrift des Lebens ist es erforderlich, dass eine Unmenge an Energie gebündelt und kanalisiert wird. Dies wiederum setzt einen politischen Willen voraus, dies zu leisten, indem dafür gesorgt wird, dass überschüssiges Vermögen umverteilt und eingesetzt wird. Dazu wiederum ist viel Überzeugungsarbeit erforderlich, eine Übertreibung hier, eine Beschwichtigung da. Je nach Aussendruck wird dieser Wille zur Ideologie geschärft und zugespitzt, wie es während des Kalten Krieges der Fall war, der erste Hüpfer zu dieser Abdrift gleichsam ausgeschwitzt hat.
Nur wer sich in seinem Fortbestand bedroht fühlt, bündelt Energie als Waffe zur Verteidigung. Je grösser die Menschengruppe, die abzuwehren ist, desto wirksamer die Waffe. Die ersten Familien öffneten sich gegenseitig zwingend zum Brauttausch. Die Verschmelzung dann von Familien zu Sippen, von Sippen zu Stämmen, von Stämmen zu Völkern und diese zu Staatenbünden wie heute erfolgte nie ohne Konflikte, bei der bestimmte Gegner wechselseitig als Teufel gebrandmarkt und bekämpft wurden. Dabei kommt sich bloss Leben in die Quere. Raketentechnik wird als senkrecht eingesetzter Flammenwerfer erklärt. Das verdeutlicht ihre kriegerische Herkunft. Schwarzpulver und Feuerwerk wurden zunächst militärisch genutzt, also zur Verteidigung, sprich zur Abwehr des schlechthin Bösen. Wer auf Rache sinnt, Hass streut und eine angriffslustige Politik betreibt, wer den Teufel erwartet und dann selbst wie ein Teufel dagegen wütet, steht unwissend und unbewusst im Dienst am Leben hin zu seiner Abdrift vom Planeten. Die Person mag noch so sehr davon überzeugt sein, sie befinde sich auf einer Mission für das Gute. Das Böse, das sie bekämpft, ist für das Leben Mittel zu diesem einzigen Zweck. All ihr Patriotismus, den sie eingesetzt hat, die Verklärung des Eigenen und gleichzeitige Entwertung des Anderen, die sie gleistet hat, ihr Verteidigen und Herabwürdigen, ihr ganzes Idealisieren und Infamisieren, ihr Hochloben und Niedertreten sind nur unbewusste Vorgänge im einzigen Bewusstsein des Lebens auf seine Abdrift hin, sind bloss Scheinziele und daher zweitrangig nach dieser einzigen Zwecksetzung. Das sollte uns bescheiden machen. Hier setzt das Umdenken ein, um das es mir geht. Der Hass, den diese Person aufwendet, dient zwar der Sicherung des Eigenen, trägt jedoch bloss dazu bei, dass Energie gebündelt wird, vorerst als Waffe gegen die gefährliche Gruppe, der dieser Hass gilt. Später wird diese Energie für die Abdrift zur Verfügung stehen.
Damit wäre alles Nötige gesagt.
Natürlich kommen Einwände. Warum soll die Ausdehnung des Lebens genauso zwingend sein wie Selbsterhalt und Fortpflanzung? Zufall oder nicht? Wenn Entwicklungslinien völlig anders verlaufen, jedoch zum gleichen Resultat führen, wie die völlig verschiedene Flügelbildung bei Vögeln einerseits und bei Flughunden oder Fledermäusen andererseits, dann ist die Wahrscheinlichkeit zu dieser Übereinstimmung sehr gering, aber nicht so gering wie die Wahrscheinlichkeit, dass Leben überhaupt aus toten Stoffen entsteht. Das Leben will fliegen, das Leben will sehen. Die Sehfähigkeit hat sich bei Wirbeltieren und Weichtieren wie dem Oktopus auf völlig verschiedenen Wegen entwickelt. Zufall? Absicht?
Ob aus Zufall entstanden oder als Projekt mit Absicht und Zielsetzung, das Leben nutzt den Zufall, das steht fest. Es streut Möglichkeiten. Zum Beispiel was das Erbgut anbetrifft. Doch wozu? Und mit welchem Willen? Was soll das für ein Wille sein? Es klingt nach verstaubter Denke, wenn von einem Willen des Lebens die Rede ist. Das mag sein, aber wir müssen uns damit abfinden, dass Leben etwas ist, das zumindest Absicht hervorbringt. Andernfalls müssten wir das Verhalten eines Jägers unverständlich finden, wenn er seiner Beute auflauert. Oder wir müssten unsere eigenen Absichten infrage ziehen, sofern wir anerkennen, dass wir mit der Natur eins sind. Eine andere Sichtweise kommt für mich je länger desto weniger in Frage, doch Menschen finden sich sogleich dem Leben überhoben, was seine besonderen Gründe hat. Dennoch müssen sie sich die Frage stellen, wie es kommt, dass ihr Fettklumpen namens Gehirn Absichten hervorbringt. Zumal wir über dieses Gewebe von Natur aus verfügen und nicht aus Eigenleistung. Die Lebensformen, in die sich das Leben vereinzelt, verfolgen klarerweise Absichten, was den Schluss nahelegt, dass auch das Leben an und für sich Absichten verfolgt. Die Instanz, die etwas hervorbringt, ist seinem Produkt punkto Möglichkeiten in der Regel überlegen. Und was wäre das, ein Etwas, das keine Absichten verfolgt, aber Absicht in den Lebensformen hervorbringt, in die es sich milliardenfach vereinzelt? Der Wille des Lebens, dass es fortbesteht, über Sternentode hinaus, und sich daher kosmisch ausbreitet, warum oder wozu auch immer. Dazu ist auch mittels meiner These keine Antwort zu erwarten. Wer Mühe damit hat, dass auch nur sinnbildhaft von einem Willen des Lebens die Rede ist, mag sich auf die Tatsache beschränken, dass es sich ausbreitet, ob willentlich oder nicht.
Das Böse ist noch einfacher zu begreifen, es ist nicht nur Leben, das sich bei seiner Ausdehnung in die Quere kommt. Zudem ist es einer natürlichen Ökonomie geschuldet. Leben ernährt sich von Leben. Ernährung geschieht nicht ohne Gewalt. Reisszähne, Kaumuskeln, Mahlwerk. Dann die Säure, die alles Lebendige in Kleinstteilchen zerätzt, damit es zu körpereigenen Stoffen umgebaut wird. Man gewinnt den Eindruck, das Leben erwischte so zwei Fliegen mit einer Klatsche, indem es die Lebensformen sich verspeisen lässt, statt mit viel Aufwand Organismen und Nahrung getrennt voneinander hervorzubringen. Diese Gewalt wäre überflüssig, hätte die Natur Nahrung als üppigen Schaum hervorgebracht, der vorhanden wäre, wie eben Wasser zum Durst löschen, ein besonderes Mineral, das wie Rost den Dingen anhaftete, von wo es mühelos weggeäst würde, ohne dass dieser Schaum darauf aus wäre, sich mit allen Mitteln gegen die Lebensform zu verteidigen, die dringende Auffrischung ihres Körpergewebes benötigt. Darin liegt eine Ökonomie, die wir mühelos verstehen. Die Neurobiologie hat klar gemacht, dass in jedem gewalttätigen Übergriff, selbst im Angriff etwas grundlegend verteidigt wird. Wir gehören dem Leben. Und das herkömmlich Böse ist nur die Hälfte der Wahrheit.
Wie alles Leben fördern wir seine Ausbreitung in unserem Fall über den Planeten hinaus. Ein Gegenargument zu dieser These geht davon aus, dass der Kosmos, in den wir vorstossen sollen, unbewohnbar sei. Für uns Menschen gewiss, wir benötigten besondere Häfen oder Städte, aber das übrige Leben, das wir notwendig mit uns führen werden, als Nahrung etwa, besonders das Leben auf bakterieller Stufe wird Lücken finden, sein Erbgut zur Anpassung an die dortigen Umstände spielen lassen.
Für viele ist die Einheit von Mensch und Natur problematisch. Viele Kritiker hängen an der natürlichen Sonderstellung des Menschen, damit sie in der Lage sind, Gier und Ausbeutung als Katastrophe und Gefahr für den Planeten abzuurteilen. Dabei verhält sich jede natürliche Art ausbeuterisch. Meeresschildkröten würden ganze Felder von Seegras ratzekahl weiden, gäbe es bestimmte Haie nicht, deren Gebiss sich besonders eignet, ihren Panzer zu knacken. Viele Aussteiger, Umsteiger und Gutmenschen sind vom Menschen als Naturkatastrophe überzeugt. Aber ich halte es für ausgeschlossen, dass die Natur eine Art hervorbringen soll, die sie insgesamt bedroht. Auch wäre zu begründen, warum Mutter Natur, die sonst überall so toll schafft und wirkt, ausgerechnet beim Menschen Fehler begeht. Wir haben uns nicht gewählt. Wir haben uns nicht geschaffen, sondern die Natur, das Leben. Es hatte alle Tricks der Evolution angewandt, damit diese Intelligenz zur Welt kommt. Wir Menschen, die wir diese Energie zur Abdrift bündeln und kanalisieren, verkörpern selbst eine unerhörte Ballung an Energie. Unser Gehirn erzeugt aufs Gramm gerechnet weitaus mehr Energie als ein Stückchen Sonne. Das ist nicht unser Werk. Und die Natur errechnet einen bestmöglichen Wert zwischen dem Menschen als Frühgeburt und der unnatürlichen Verbreiterung des weiblichen Beckens, damit diese gewaltige Hirnschale mitsamt Inhalt aus tierischem Eiweiss und Fett geboren wird. Ausserdem ist uns eine Art Lymphsystem angeboren, das überschüssige Wärme aus dem Kopf ableitet, wir litten sonst andauernd Hitzuschläge von innen. Als Menschenkind durchlief jeder und jede von uns eine überlange Betreuungszeit, wenn man die Zuwendung zum Nachwuchs in der übrigen Natur zum Vergleich nimmt. Es heisst, je mehr eine Lebensform von seiner Umwelt einbezieht, desto mehr bringe sie zum Ausdruck. Das bedeutet, je mehr Intelligenz in diesem Sinn ein Lebewesen aufweist, desto mehr Fürsorge benötigt es zu seinem Fortbestand. Die grössere Freiheit bedingt mehr Abhängigkeit von anderen, so widersprüchlich das klingt.
Ja, wie steht es um unsere Freiheit innerhalb der planetarischen Abdrift? Aus Sicht der Meisten schiebe ich wohl die Verantwortung auf das Leben ab, statt die Freiheit zu verteidigen, die uns Menschen verantwortlich macht. Im Alltag mag diese Überlegung aufgehen. Wir wählen Möglichkeiten und verantworten, was daraus folgt. Doch zwischen Menschengruppen herrscht eine besondere Natur, die niemand im Alleingang stoppt oder zähmt. Gewaltige Geschiebe sind am Werk, die niemand einfach so in den Griff bekommt. Sie steigen aus mehrschichtigen Tiefen von Geschichte und Natur. Das Leben dringt voran, weitet sich aus, aber es wird auch geschoben dabei. Das ist im Blick zu behalten. Das heisst, auch wir werden geschoben. Die Sichtweise von der planetarischen Abdrift verhilft dazu, dass ich Andere als Geschobene begreife. Deswegen brauche ich sie nicht als Teufel zu bekämpfen.
Freiheit und Verantwortung sind auch im Alltag allzu begrenzt, um dafür zu sprechen, wir wären deswegen der übrigen Natur enthoben. Sehr oft ist es der Fall, dass uns für eine bestimmte Absicht verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Nüchtern schätzen wir ab, überlegen Folgen, doch sobald wir dann eine Wahl treffen, kommen Gefühle ins Spiel, wie die Wissenschaft vermeldet. Kein Entscheid ohne Gefühl! Und Gefühle hat niemand unter Kontrolle. Also ist die persönliche Verantwortung erschwert, also setzt meine Wahl bloss ein Geschiebe fort, das in die Zukunft drängt. Wo auch sollte diese Freiheit in den Lebensprozessen auftreten, die uns ausmachen, mit denen wir notwendig beschäftigt sind? Wir hätten Bewusstsein, heisst es. Doch die Wissenschaft hat die Bedeutung von Bewusstsein längst bis tief in die übrige Natur ausgedehnt. Was soll das für eine Freiheit sein, wenn mein Gehirn, ohne dass ich davon weiss, gewisse Eindrücke vorsortiert, siebt und filtert und mir nur eine Auswahl ins Bewusstsein durchstellt? Ich weiss nicht einmal, was mein nächster Gedanke sein wird. Denn wüsste ich ihn, wäre er schon da. Wer einen tollen Einfall hat, mit dem er Probleme löst, bildet sich viel auf die Freiheit ein, die er dabei empfindet. Das ändert nichts daran, dass ihm der Einfall zustösst, denn er ist ausserstande, ihn vorauszusehen. Wir unterliegen unseren Gefühlen beim Entscheiden, wir haben keine Ahnung von der neuronalen Vorsortierung unserer Eindrücke, wir sind ausserstande, unsere eigenen Gedanken vorauszusehen, also stossen sie uns zu, stossen uns auf wie Rülpser. Trotzdem beanspruchen wie Freiheit für uns. Sie müsste wie ein göttlicher Funke ohne jede Voraussetzung aus dem Nichts heraus unser Verhalten zünden. Dem widerspricht die Wissenschaft als Leitmacht der Moderne mit ihrem Weltbild von der durchgängigen Verkettung der Dinge in Ursache und Wirkung, in Grund und Folge. Und selbst in dem Fall, wenn uns gleichwertige Möglichkeiten zur Wahl stehen, so sind es nicht nur Gefühle, die den Entscheid prägen. Es ist überdies das Leben, das uns die Zwecke diktiert: Selbsterhalt, Versorgung, Anerkennung, Wirkmächtigkeit.
Deshalb gehören wir dem Leben und nicht umgekehrt. Wir wählen vielleicht Möglichkeiten, die Zwecke sind uns vom Leben auferlegt.
Freiheit hat politische Bewandtnis. Sie meint ein bestimmtes Verhalten unter Menschen, nämlich dass ich andere ihr Leben führen lasse. Sie hat nichts damit zu tun, was sich in uns abspielt. Nichts im menschlichen Innenleben ergibt Sinn, wenn danach gefragt wird, inwiefern wir frei darin sind. Zum Beispiel darin, ein Geschlecht zu haben. Erbgut, Gehirn, Gefühle, die Belange der Gruppe, der man angehört. Dies alles sind Geschiebe des Lebens, die wir mitmachen, in die wir einsortiert sind. Wir glauben, wir hätten die Natur in uns überwunden, als sprössen Vernunft und Kalkül zum Wohl aller wie sublimer Schaum auf dem Morast von Natur und Geschichte. Der Verstand beruhigt, meint man, ermöglicht Sachlichkeit, lässt uns die Dinge zum Wohl aller richten. Dabei wühlt er die Gefühle hoch, pflügt sie um und löst Panik aus, wühlt mentale Schlacken auf, verhindert oder erschwert Heilung und Vergessen, indem er aus dem Stehgreif Gefahren errechnet, die noch gar nicht gegenwärtig sind.
Also verbindet uns der Verstand noch inniger mit roher Natur. Und das spricht erneut dafür, dass wir dem Leben gehören. Auch wer die persönliche Freiheit als politisches Programm beschwört, dem geht es letztlich um die blanke natürliche Todesangst, die uns alle zu einer spättierischen Lebensform macht, sofern es die Sicherung der Gruppe anbetrifft. Selbst die kulturelle Evolution ist mitten im Frieden bis in die feinsten Verzweigungen von Feindschaft durchsetzt, von Konkurrenz und Wettbewerb, überall gilt es, irgendwelche Teufel zu bekämpfen. Auch Ideologien liegen miteinander im Wettstreit. Da gibt es hieb- und stichfeste Argumente, ganze Schulen stellen ihre Fronten, angebliche Beweisführungen werden in der Luft zerpflückt. Ideologien schärfen sich im Widerstreit, spitzen sich zu. Auch in der kulturellen Evolution geht es um Selbstbehauptung, um Meinungshoheit, um Ausweitung der Gültigkeit einer Ansicht, als wären es Fressgründe. Man könnte sagen, eine Ideologie, ob religiös oder weltlich, beansprucht einen bestimmten Geltungsbereich, etwa in der Art, wie ein Stamm seine Fressgründe sichert. Durchkämmt eine fremde Horde diesen Bereich, wird sie brutalst attackiert, ob nun seinerseits aus Not vertrieben oder infolge sonstigen Mangels an Sicherheit und Rohstoffen. Geraten fremde Kleintiere in ihre Fänge, kastrieren sie sie oder köpfen sie und lassen sie angefressen liegen, auch wenn es sich um Artgenossen handelt. Unter solchem Druck bilden sich im Stamm die Hierarchien deutlicher aus. Die Leittiere beissen Untergebene an ihren Platz zurück, wenn sie in die Weite schweifen, oder sie verstossen sie ohne Erbarmen, sollten sie sich heimlich paaren. Bei Ideologien findet unter Druck Vergleichbares statt. Aus diesem Widerstreit, zuletzt zwischen freiem Markt und Umverteilung kommt es zu ersten technischen Anstrengungen zur Abdrift. Also gehört der Werdegang der jeweiligen Ideologie, ebenso ihre Zuspitzung im Kampf notwendig zu diesem Weg des Lebens weg vom Planeten. So kocht und gärt der gesamte Kulturbetrieb seit Jahrhunderten in Richtung planetarischer Abdrift. Die Technologie ist da, die Schubkraft beruht auf Kernspaltung oder deren Fusion. Es heisst, in wenigen Jahren würden Private sich um die Abdrift kümmern, aus immensem Reichtum und aus Neugier, aber immerhin zur Rettung des Planeten.
Die Kehrseite von Freiheit jedoch ist nicht bloss Verantwortung, die uns zu besseren Menschen macht, wenn wir sie ernst nehmen.
Wer Freiheit hochhält, will auch Haftbarkeit.
Wähle frei, und du wirst, nach Bedarf, sogleich gebunden. Wer Haftbarkeit braucht, benötigt Sicherheit. Einmal mehr. Wir gehören dem Leben. Mit Haut und Haar, wir stecken bis zum Hals in seinem Geschiebe. Das zeigt sich zuletzt daran, wie Gehirnforscher neuerdings den freien Willen erklären. Demnach soll die Art, wie man mich in den ersten Jahren meines Lebens behandelt hat, darüber entscheiden, ob und wie entschlossen ich mich freiwillentlich den Notwendigkeiten als eigner Sache annehme, die alle angehen. Der freie Wille wird also dadurch bestimmt, wie man erzogen wurde. Also erneut eine erbärmliche Abhängigkeit, die sich unmöglich unter Menschen verallgemeinern lässt.
Was auch immer es sei, wozu wir fähig sind, wir tun dies kraft unserer Natur. Und die haben wir uns nichts selbst gegeben. Die meisten befürchten wohl, das Weltbild von der Abdrift entfessele Raubbau und Anarchie. Dabei zeigt es, dass dem technischen Ja zu Möglichkeiten ein moralisches Nein gegenübersteht, das genauso natürlicher Herkunft ist. Beides ist planetarischen Ursprungs, beides hat eine Funktion auf dem Weg des Lebens hin zu seiner Abdrift. Das technische Ja beschleunigt, das moralische Nein bremst ab. Diese Balance bewirkt, meine ich, dass die Dinge reifen. Nichts darf sich überstürzen. Die Abdrift soll aus keinem Power-Play erfolgen, sondern wird sorgfältig aus einem Wechselspiel von Fortschritt und Krise ausgeschwitzt. Dazu sind mehrere Konflikte erforderlich. Die These erklärt, warum Kriege nicht aufhören.
Viele stören sich an der Synthetik, zu der wir in der Lage sind. Mikroplastik, Medikamente. Ihretwegen fällt es ihnen schwer, Mensch und Natur als eins zu sehen. Synthetik, das heisst: Wir filtern Kleinstbestandteile aus der Natur und bauen sie anders zusammen: Leider handelt es sich dabei keineswegs um eine menschliche Besonderheit. Auch die Natur kennt Synthetik in der genannten Bestimmung: Ein Nestbau ist so gesehen die unnatürliche Verschränkung reissfester Halme und flauschiger Stoffe. Ein Graulaupenvogel filtert Schneckenhäuschen aus der Umwelt, er häuft sie an zu seiner Balz. Honig ist deshalb synthetisch zu nennen, da er von Bienen aus Pollen, Speichel und Magensäften gefertigt wird. Synthetik gehört zur Einheit der Natur.
Das Weltbild von der planetarischen Abdrift erlaubt, die Dinge anders zu sehen, auch wenn sie nur als Vermutung daherkommt. So erklärt zum Beispiel die Ausdehnung des Lebens die besonderen Eigenarten unter uns, die durchaus problematisch sein können. Die Verzweigung in Arten dient dieser Ausbreitung zunächst in planetarische Räume mit unterschiedlichen Anforderungen. Dazu stellt Leben ein immenses Erbgut bereit. Dasselbe betrifft die Ausbildung von Eigenarten innerhalb der Spezies. Eigenarten unter uns mögen Abweichungen von der Norm bedeuten, die uns auch Schwierigkeiten bereiten. Niemand hat seine Eigenart gewählt. Daher besteht kein Grund, dass man sein Leben persönlich nimmt. Diese Eigenarten sind als Anpassung des Lebens in Bereitschaft zu verstehen. Das heisst, je nach Veränderungen der Umwelt, die möglich sind, bei der die Norm ihren Schwerpunkt verschiebt oder gar gebrochen wird, kommen unter uns wie in jeder Gruppe bestimmter Lebensformen andere Eigenschaften zum Tragen. Füchse mit kurzen Schnauzen überleben besser in Städten, sie haben die nötige Beisskraft zum Öffnen verriegelter Abfälle. Das Leben bringt die krudeste Typologie an Individuen hervor, auch wenn die Umwelt nicht sofort darauf passt. Das Erbgut hält dazu einen überreichen Vorrat an Möglichkeiten bereit. Das Leben streut Möglichkeiten, als funktionierte es wie Hormone, die überallhin verteilt eben nur dann ansprechen, wenn Bedarf besteht. Geborene Eigenarten sind Anpassungen des Lebens aus Vorsorge und auf Vorrat. Somit anerkenne ich die schwierigsten Eigenarten unter uns als vom Leben beabsichtigt, auch wenn ich sie nicht verstehe, auch wenn mir die Umweltveränderung schleierhaft bleibt, auf die diese Eigenart vorweg Antwort gibt, auf die sie passen würde, so problematisch sie mir auch vorkommt. Ich nehme eine an, einfach so, und spreche der Eigenart Sinn und Funktion zu.
Auch bei der kulturellen Evolution in ihrer fein ausgefächerten Zerstrittenheit ist mit Umwelten zu rechnen, die sich rapide verändern. Dort kommt es eher zu bockiger Verhärtung, statt zum Umbau des Denkens. Wer die Ansicht von der planetarischen Abdrift einnimmt und fortdenkt, erkennt in jeder Ideologie, dass sie menschliches Denken als Ausdruck eines Energieüberschuss sortiert und ausrichtet, der die Kraft der Sonne im Verhältnis übersteigt. Ausserdem nimmt jede Ideologie, ob weltlich oder religiös, etwas ernst. Sie führt auf ein Anliegen zurück, das mit der gleichen Welt zu tun hat, in der wir alle leben. Wer also die Ideologie bekämpft, muss dieses Anliegen anerkennen und eine andere Antwort darauf finden. Weder der Kapitalismus noch der Kommunismus haben zu der Energiebündelung geführt, die der Abdrift zum ersten Mal nützlich scheint, sondern die ideologische Verhärtung dazwischen, die natürliche Angst vor Herrschaft und Entmündigung durch die andere.
Auch Ideologien haben ihre Eigenarten.
Wer die Sichtweise von der planetarischen Abdrift des Lebens vertritt, sieht sich ausserstande, die eine Eigenart, ob körperlich oder ideologisch, der anderen vorzuziehen, sie heilig zu sprechen, während die andere verdammt sein soll, diese Eigenart als krankhaft abzulehnen, jene als besonders anregend zu überhöhen. Sie alle haben Sinn und Funktion innerhalb des Lebens, auch wenn wir das nicht auf Anhieb sehen. Leben greift auf eine Art Vorwissen zu, eher eine Ahnung davon, welche Umweltveränderungen in diesem Kosmos möglich sind. Das Erbgut und die unendliche Kombination ihrer Elemente bezeugen dieses Vorwissen. Auch ist die Tatsache von Sternentoden in eine Art Gedächtnis eingeschrieben, das ich dem Leben zusprechen muss, wenn ich seine Abdrift befürworte. Wer das abwegig findet, stellt sich die Frage, wie es kommt, dass sein Klumpen Fleisch namens Gehirn auf gespeichertes Vorwissen zugreift. Er weiss es nicht.
Das Leben streut Möglichkeiten, es streut Zufall. Wo Leben sich kreuzt, steigert sich sein Selbsterhalt zur Bündelung von Energie für die Abdrift ins Kriegerische. An dieser Stelle ist einem Missverständnis vorzubeugen. Man könnte leicht dem Eindruck verfallen, ich würde Kriege befürworten und die Ausbeutung des Planeten, die wir selbstverständlich begehen. Der Ruf nach immerwährendem Frieden erschallt seit Jahrhunderten, offenkundig ohne Erfolg. Krieg als äusserster Konflikt bereitet uns die Hölle auf Erden. Religionen und Ideologien stehen in einem Konflikt zueinander, der sich mit natürlichen Brutalitäten vergleichen lässt. Ihr Anspruch ist ebenso radikal und ausschliessend wie die Tötung von Lebewesen. Manche schütteln den Kopf darüber, dass solche Barbareien noch immer möglich sind. Als läge es an ihnen, zu bestimmen, wann damit fertig sei. Leider zeigt sich im Rückblick, dass Krieg das Zusammenleben unter Menschen auffrischt. Kriege vergleichen sich mit Flächenbränden, die das vernetzte Leben in Wäldern komplett erneuert. Friede führt leider zu einer Entfremdung unter Menschen, die anders leben, anders denken. Das geht unweigerlich Hand in Hand mit einer Leidvergessenheit aus Zeiten des Krieges, die dazu führt, dass die Bereitschaft zu neuen Konflikten wächst. Es heisst, nur im Krieg wird die Leidfähigkeit des Gegners offensichtlich. Heutige Politik sind auf dem Sofa gross geworden. Genau wie ich. Nicht schmerzliche Erfahrung hat sie erzogen, sondern Theorien als Ersatz für Erfahrung.
Das Missverständnis wäre dies, dass Krieg und Leid verherrlicht, wer die planetarische Abdrift befürwortet. Doch das stimmt nicht. Wie könnte ich als leidensfähige Lebensform befürworten, dass andere leiden? Wenn schon der Verstand ein gewisses Einfühlungsvermögen garantiert, dann muss es das Leiden Anderer betreffen. Die These, die ich vorstelle, zeigt die Dinge bloss aus Sicht des Lebens als solchem. Das ging mir auf, als ich eine Schar Raubfische einen Schaum von Krill vollständig vertilgen sah. Das Leben steht immer auf beiden Seiten, aufseiten der Opfer wie aufseiten der Täter. Das gilt auch für Kriege unter Menschengruppen. Und ob das Leben auf egoistischem Weg fortbesteht, oder dank Zusammenarbeit und Rücksichtnahme, was auch in der übrigen Natur zu beobachten ist, das dürfte für das Leben selbst einerlei sein. Wir sind es uns gewohnt, den Egoismus zu verurteilen. Der Altruismus, den wir predigen, aber genauso taktisch zum Einsatz bringen wie simple Grundsätze sonst, ist weiter nichts als ein Egoismus auf Stufe Gruppe. Unsere Moral ist nicht die Moral des Lebens. Sein Egoismus besteht darin, sich auszubreiten. Dazu dürfte ihm jedes Mittel recht sein. Wir sind Spielbälle und Dienstleute in diesem Prozess, selbst Schwerreiche in ihrer Suche nach dem perfekten Rettungsboot. Sollten wir das wirklich einsehen, beruhigt sich der Blick auf Fremde, die uns meist ungewollt bedrängen und so unsere Lebensweise in Zweifel ziehen.
Jede Lebensform wird dadurch in ihrem Sinn und Zweck bestätigt, dass sie zur Welt kommt. Ob sie eine Mehrheit stellt, spielt dabei keine Rolle. Die Sorge um Mehrheit bedeutet Sorge um Vorherrschaft. Aber auch Herrschaft ist eine Gangart des Lebens seiner Abdrift hin. Wir befürchten Herrschaft, wir befürchten die Gleichschaltung, die damit einhergeht. Zentralisierung, Diktatur. Sobald eine Gruppe bestimmter Lebensformen unter Druck gerät, teilt sie sich in Herrschaft und Befehlsempfänger. Die Gruppe hierarchisiert sich. Die Mitglieder an ihren Rändern sind verarmt zu halten, damit man sie notfalls dem Gegner opfern kann, ohne dass die Gruppe unterzugehen droht. Eine Art Sollbruchmasse. Demokratie scheint bloss für Frieden gemacht, aber auch dort gilt ein Diktat, nämlich der Befehl der Mehrheit aller. Ein Gemeinwesen unter Druck kann unmöglich alles debattieren. Auch ist zu vermeiden, dass eine Gesamtstrategie, einmal gefasst, nicht andauernd in Frage gezogen wird. Wir befürchten Gleichschaltung. Hierarchisierung ist uns fremd. Alles unter einen Befehl! Wenn man aber das Leben einfach machen lässt, schaltet es sich von selbst gleich. Wichtiger aber ist, die planetarische Abdrift gelingt nur, wenn alles immer wieder unter einen Befehl gezwungen wird.
Oder alles unter einen Himmel, wie man in China sagt.
Wir gehören dem Leben. Mehr noch, wir sind geborenes Leben selbst. Zu Beginn hätte diese Aussage nichts gebracht, nun fühlt sie sich anders an. Wollte man aus der planetarischen Abdrift eine Religion begründen, dann wäre keine Priesterschaft möglich, die vermittelt. Oder man könnte das Leben nicht anbeten, da wir selbst Leben sind. Wir meinen, wir hätten ein Gehirn, wir hätten ein Unbewusstes irgendwo in uns. Mein Leben: Ein sonderbarer Besitzstand, bei dem zwischen Besitzer und Besitz kein Unterschied besteht. Als Sachgut müsste es von mir ablösbar sein. Daher gehöre ich dem Leben, nicht umgekehrt. Seitdem Stammzellen bekannt, sind alle Vergleiche von Leben mit einer Mechanik null und nichtig. Diese mechanische Ansicht ist allerdings erledigt, seitdem Stammzellen bekannt sind. Die befruchtete Eizelle teilt sich wie bekannt in Stammzellen, die für sämtliche organischen Funktionen bereit sind. Jede organische Ausbildung, die darauffolgt, führt zu jedem Zeitpunkt des Lebens auf Gewebe zurück, das für sämtliche Organfunktionen angelegt ist. Diese ungewisse Ganzheit besteht in jedem Organ ausgedünnt fort. Als Person bin ich mit meiner Gehirnrinde genauso identisch wie mit tieferem Gewebe. Das Gewebe meines Mittelhirns hätte ebenso Grosshirn werden können wie umgekehrt. Das alles könnte man sagen, aber es ist mir keine Lesart dafür bekannt.
Also bin ich genau so viel Schlaf, wie ich feudaler Herr meiner selbst bin.
Und zuletzt der Tod. Dank der These von der planetarischen Abdrift lässt sich auch der alte Schnitter anders verstehen. Nach neuster Forschung bedeutet der Tod keine Gegenkraft zum Leben, sondern eine seiner vielfältigen Einrichtungen. Der Tod gehört dem Leben, nicht umgekehrt. Denn es gab Leben, bevor es den Tod gab. Als alles mit allem in Austausch stand. Wie immer man sich diese ursprüngliche Verfasstheit von Leben vorzustellen hat, man gelangt unweigerlich zum Schluss, dass es einen bestmöglichen Weg einschlug, indem es den Tod einrichtete.
Und wenn wir uns vor Augen führen, dass wir dem Leben gehören, mehr noch, dass wir Leben verkörpern, verbunden mit allem Lebendigen und mit aller Vergangenheit über Stammzellen, aus denen wir erstlich und letztlich bestehen, dann gilt, dass wir als geborene Einzelform an der gleichen Instanz teilhaben, die den Tod einrichtet. Inder sagen, das Leben verkörpere eine Art kosmisches Ursubjekt, mit dem ich wie alle jederzeit übereinstimme. Der Tod gehört also dazu. Unser Vertrauen in den Tod hängt davon ab, ob wir dem Leben vertrauen. Was mich geboren hat, lässt mich sterben. Es ist die gleiche Instanz. Mehr noch, als vollständige Einzelform von Leben, mit Wachstum, Stoffwechsel und Fortpflanzung, habe ich Anteil an dieser Instanz.


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