Rassisten haben gefälligst ihre Einstellung zu ändern. Von jetzt auf gleich, von heute auf morgen. Als wäre das reine Kopfsache. Wie so oft verkürzen wir Zwischenmenschliches auf den Verstand. Aber wir sind nicht nur Gehirn, wir sind auch Bauch und Arsch.

Fremdenfeindlichkeit ist mir ein Rätsel. Warum, weiss ich nicht. Nicht so G, von dem hier die Rede ist. Ein treuer Freund, ein verlässlicher Nachbar, hilfsbereit, umsichtig. Trifft er jedoch auf eine Gruppe Ausländer, vorzugsweise bullige Araber mit dunklem Teint, Bart und Wollmütze, geht er auf Abstand, sein Gesicht versteinert sich, wird wortkarg. Sobald wir an der Gruppe vorbeigezogen sind, verzapft er migrationspolitischen Quark, wonach er auch sein Abstimmungsverhalten richtet. Er weiss, dass mich das stört, aber ich lasse ihn in Ruhe. Als Xenophiler müsste ich den Umgang mit ihm einstellen, müsste Rückgrat beweisen und zu meinen Werten stehen. Bis hierhin und nicht weiter! Oder ähnlich heldenhafter Unsinn.

Gerade unserer Freundschaft wegen ist mir aber klar geworden, dass G nicht anders kann. Bei aller vernünftigen Argumentation, die ich vorbringe, meint er jeweils: «Ja, schon, aber…». Dabei ist in Rechnung zu stellen, dass G intellektuell versiert ist und Wissenschaft betreibt. Gleichzeitig weist mein Freund eine gewisse Sensitivität auf, deretwegen ich seinen Rassismus missachte. Spielfilme, die ihn aufwühlen, geistern ihm auch dann noch durch den Kopf, wenn er am nächsten Morgen aufwacht, während ich solche Bilder in mir hervorkramen muss, selbst wenn ich «Es» gesehen habe oder «Shining». G wird ärgerlich, wenn er sich zu einem Film überreden liess, der ein von ihm besonders geschätztes Buch in Szene setzt, denn die Bilder überschreiben unwiederbringlich seine Vorstellungen bei der Lektüre. Die Versuchung, über ihn zu witzeln, besteht durchwegs, zumal ich etwa den «Hobbit» lesen und mir ansehen kann, ohne dass sich Bildproduktion und persönliche Vorstellung auch nur ansatzweise vermischten.

G hat mit weiteren Sensitivitäten zu tun: Die Konzentration fällt ihm schwer, wenn er fernen Strassenverkehr hört, er leidet immer wieder an Schmerzepisoden, die seinen Körper durchwölken, besonders seit Corona. Im Gegenzug geniesst er Farben und klassische Musik in einer Hingabe, die mir völlig entgeht.

Fremde also belasten seine Sensitivität, eben genau wie Vieles andere.

Sensitivität ist keine Kuriosität mehr, die Gesellschaft hat längst ihr Augenmerk darauf gerichtet. Dieser Umstand bringt mich zu der Annahme, es könnte der Fall sein, dass unter Rechtspopulisten, wie ich sie einmal nennen möchte, gehäuft Sensitive vorkommen, die stärker als andere von ihrem alltäglichen Leben gestresst sind, sodass sie rasch gegen Überfremdung politisieren. Damit bemühen sie sich, eine zusätzliche Drucksituation abzuwenden, die bestimmte Verantwortliche ihnen zumuten. Dabei handelt es sich zumeist um sozial orientierte Mandatsträger, womöglich Grobfühlige wie mich, die ständig Abwechselung und Veränderung benötigen, damit sie sich lebendig fühlen.

Rassismus und Politik gegen Überfremdung sind gewiss zweierlei Belange. Sie unterscheiden sich womöglich nach dem Grad an Sensitivität, die jemandem angeboren ist. Damit vermute ich lediglich eine Tendenz, es liegt mir fern, eine allgemeine Behauptung abzugeben.

Hingegen halte ich es für eine Herausforderung, Rechtspopulisten zu verstehen.

Rassismus hat, leider, eine natürliche Funktion. Meine Schwester, postmodern weltoffen wie ich, also nicht ganz dicht zur Umwelt, wehrte sich mit aller Kraft gegen einen Notarzt aus Bangladesh, der ihr die Nasengänge mit Tampons zustopfte, um den Schwall an Nasenbluten zu stoppen, der sie an den Rand einer Ohnmacht brachte. Sie weinte vor Scham, entschuldigte sich mehrfach bei dem Mann. Seit den Fortschritten der Neurobiologie darf sie sich entspannen. Nach neusten Befunden dieser Forschung lösen andere Rassen in allen Menschen eine nervliche Reaktion aus, ob sie das nun für wahrhaben wollen oder nicht. Das gilt auch für den sozialsten Gutmenschen unter uns, der sich denken lässt. Meine Nichte, die Bauer gelernt hat, berichtet sogar vom Mobbing unter Kühen. Eine fremdrassige Kuh wurde dauernd abgedrängt, aber sie verhielt sich auch tollpatschig, stand immer wieder mal mit beiden Vorderklauen im Sauftrog.

Das Leben sortiert seine Formen, Herden und Schwärme, Nester, Kokons, Baue, Schwangerschaften, damit sich etwas Bestimmtes entwickelt. Die gesamte Naturgeschichte lässt sich als Abfolge von Eizuständen beschreiben, die sich ineinander und auseinander entwickeln, wie etwa Emanuele Coccia es darstellt. Das Ei sortiert, schottet ab, lässt Leben draussen, damit Leben darin heranreift. Das spricht für konservative Politik, das spricht für Rechtspopulismus.

Aber kein Ei bleibt ganz.

Entweder es wird von innen her geknackt, wenn die Lebensform auf die Welt drängt, oder von aussen zur Ernährung. Und das spräche dann für progressive Politik, die Veränderungen anstrebt. Das Leben, scheint mir, setzt auf beides, auf Bewahrung wie auf Umordnung. Daher fällt es mir schwer, mich auf eine parteipolitische Ausrichtung festzulegen. Natürlich können wir unmöglich Rassisten entschuldigen, wenn ihre Überzeugung nervlich bedingt ist. Aufklärung und Zivilisiertheit erwarten, dass wir unsere Natur beherrschen. So bewahre ich Anstand gegenüber einer Frau, auch wenn sie nach Eisprung duftet. Umgekehrt spreche ich mich mit dem Hinweis auf eine gewisse Natürlichkeit für mehr Verständnis gegenüber Rechtspopulisten aus.

Denn Verstehen entschuldigt noch gar nichts.

Sollte es aber zutreffen, dass Sensitive unter Rechtspopulisten gehäuft vorkommen, dann verhärten wir bloss ihre Position, wenn wir sie beschimpfen und angreifen. Gerne empfehle ich stattdessen eine Sichtweise, die mir letzthin zugetragen wurde. Jemand hat nämlich festgestellt, dass es unter Hautfarben weder Schwarz noch Weiss gibt.

Sondern bloss Brauntöne.