Nur einmal wurde ich sexuell belästigt, von einem beleibten Griechen, den ich gerne Sokrates nenne, denn er blieb förmlich, aber drängte beharrlich auf Abfuhr seiner Fülligkeit, ohne dass er übergriffig geworden wäre. Diese Erfahrung ist einschlägig genug.

Knapp dreissig und noch etwas verwirrt vom Leben, daher mit attischem Bart, man hielt mich für griechisch, ich fand mein Äusseres damals eher jüdisch, machte ich Zwischenhalt in Athen auf dem Weg nach Delphi. Ich nahm das erstbeste Hotel unmittelbar beim Bahnhof. Die Zeit zu überbrücken suchte ich grüne Flächen auf der Stadtkarte, in der Annahme, es handele sich um Parks wie in Rom, in denen man sich ausstreckt und Bücher liest. Die Örtlichkeit war aber wild zugewachsen, keine Liegewiese unter dem hohen Schattendach von Pinien, es roch wie im Zoo. Trotzdem ging ich ein paar Schritte einen Weg entlang, die Welt ist ja immer interessant. Dabei kam ich an einer Bank vorbei, auf der ein dicker Grieche sass, mit Glatze, von weissem Haar umkränzt, ebenfalls mit Bart, seiner weiss, leichte Kleidung, Strandlatschen. Aus Gewohnheit nickte ich ihm grüssend zu. Kaum war ich an ihm vorbei, erhob er sich und hakte sich bei mir unter. Rasch begriff er, dass ich kein Griechisch sprach, er wechselte auf Französisch, was ich erwiderte, eigentlich aus Gewohnheit, beinah aus Reflex. Und so gab ich sogar Antwort auf seine Fragen, woher ich käme, wo ich wohnte. Beim Bahnhof sei es aber sehr gefährlich, betonte er väterlich oder brüderlich oder wie immer diese Zuneigung in dieser Angelegenheit zu qualifizieren ist. Dabei rieb er mir die Schulter, als wollte er mich in Schutz nehmen. Auf die Frage, wozu ich hier sei, gab ich immerhin zur Antwort, ich sei wegen der Kultur hier und nur ihretwegen, aber das schien ihn gar nicht zu interessieren.

Irgendwann wurde mir klar, dass ich auf eine Art Baby-Strich für Männer geraten war, ich hätte aufspringen sollen, trotzdem war ich völlig blockiert. Bei der nächsten Bank schlug er vor, dass wir uns setzen. Ich machte mit, beinah mechanisch. Da unterbreitete er mir sein Anliegen, ein Hotelzimmer zu zweit, für ein, zwei Stunden, er bezahle für alles, auch mich wolle er fürstlich entlöhnen, keine Frage, denn, so ergänzte er:

«J’ adore l`art passif», und fuhr mir dabei mit der Hand in den Schritt.

Ich sollte also obendrein den aktiven Part übernehmen, den männlichen sozusagen, l`art activ somit, aber diese Unterscheidung dürfte heutzutage nicht mehr so überzeugend sein. Offenbar war meinem Sokrates entgangen, dass mich sein Griff, der zwar sanft, aber zielsicher erfolgt war, mich in keiner Weise erregte. Nur einen kurzen Moment lang ging mir durch den Kopf, was eigentlich dagegen spräche, einmal einen alten, übergewichtigen Herrn zu besteigen, wer weiss, was das mit einem macht. Aber woher sollte ich die dazu nötige Standfestigkeit nehmen, fragte ich mich beinah zeitgleich. Mein Körper jedoch sprach ohnehin eine gegenteilige Sprache:

Ingesamt steif. Dort, wo erwünscht, schlaff.

Der Grieche wurde leicht ungeduldig, was er zum Glück nur im Tonfall zum Ausdruck brachte. Er schlug vor, wir sollten wieder spazieren, was mich erleichterte, und ich behalf mir aus dieser Situation, indem ich von Platon zu labern anfing, wofür er mich erst lobte wie ein Kind, dann aber zunehmend ärgerlicher wurde, da er bemerkte, wie ich auswich. Schlussendlich kamen wir aus dem stinkenden Dickicht, der Blick ging in die Stadt, der Grieche entdeckte ein Museum oder Ähnliches und er zischte mich an:

«Vas y, voilà la culture. Vas y! », und er zog davon.

Noch nie hatte ich so lungenfüllend eingeatmet wie in diesem Moment. Im Nachhein machte mich seine herrische Enttäuschung doch etwas stolz, wenn man bedenkt, zu welchen Phantasien ich ihn veranlasst hatte, wenn auch unfreiwillig. Allerdings gab es noch einen anderen Grund für seinen Ärger, denn streng genommen hatte ich mich unaufrichtig benommen.

Und das ist genau der Punkt, warum heute klargestellt wird, kein Nein bedeute noch lange nicht ein Ja, wenn es um das Einvernehmen zu sexuellen Handlungen geht. Als Kind wäre ich schon davongerannt, als der Alte mich ansprach. Zunächst nickte ich ihm zu aus Höflichkeit, was er als Bestätigung missverstand, immerhin war das ein Ort, der in seiner Funktion vorbestimmt war, als Strich eben, oder wie man das nennen mag. Ein Ort jedenfalls, in den sich kaum ein Tourist verirrt, ausser ich kontemplierender Idiot, der ich gerne in abseitigen Gegenden herumschweife, da mich blödsinnigerweise das ganze Leben interessiert und nicht nur seine Filetstücke.

Für mich ist seither klar geworden: Wenn eine Frau nicht sofort Nein sagt, oder überhaupt eine Person, liegt das womöglich daran, dass sie zu anständig, zu gut erzogen ist.

Aber es ist nicht einfach die Höflichkeit, die einen blockiert, sondern das Schuldgefühl, das mit ihm eng zusammenhängt.

Die Schuld nämlich, falsche Zeichen gesendet zu haben.

Wenn also jemand nicht Nein sagt, beruht das auf einem anerzogenen Fehlverhalten.