Die Bildungspolitik sorgt an Schulen für eine Gleichschaltung, die aus freien Stücken sogar weiter getrieben wird. Das macht den Lehrberuf besonders für Kreative ungeniessbar. Das sollte sie nicht weiter verwundern, im Vorfeld zum Lehrplan 21 war ja von Harmonisierung die Rede gewesen. Diese Durchnormierung führt dazu, dass heutige Schule zunehmend an Imbissketten erinnern.

Natürlich gab es früher schräge Vögel unter Lehrkräften. Ein Musikverrückter sah sich berufen, die Kinder, die ihm anvertraut waren, Woche für Woche singend und tanzend zu einem besseren Leben zu führen. Bei meinem Lehrer wurde dafür die Bibelstunde immer länger. Fast täglich impfte er uns mit einem schlechten Gewissen, bis er sich als Prediger nach Afrika absetzte. Auch ist mir ein theaterbegeisterer Kollege in Erinnerung, der seine Klassen andauernd szenisch lernen liess.

Von Individualisierung keine Spur.

Dennoch vermisse ich heute den so genannten Freak-Faktor. Gleichschaltung ist ein böses Wort. Immerhin sorgt die Bildungspolitik für gesamteuropäischen Anschluss. Damit aber hat es sich, wie mir scheint. Zahllose Ämter geben zahllose Vorgaben aus. Zum Glück kommt das Wenigste davon im Schulzimmer an. Dabei spielt wohl mit eine Rolle, dass die Bildungspolitik sich hütet, die Umsetzung ihrer Vorgaben wirklich zu prüfen, denn das wäre viel zu kostspielig. Und die Schule geriete bei dieser Kontrolle, die in Unternehmen wenigstens im Ansatz üblich ist, zu einer Art Polizeistaat.

Die freiwillige Normierung an heutigen Schulen beginnt harmlos bei den Zäunen, die in Regenbogenfarben gemalt sind. Landauf landab sind sie vor Kindergärten und Schulhäusern aufgestellt, die eine Unterstufe beherbergen. Ob diese Lebendigkeit auch im Umgang zwischen Kindern und Erwachsenen besteht, garantiert ein bunter Zaun allein noch nicht.

Landauf landab zitieren Schulen auf der Startseite ihrer Homepage heitere Aussagen der Kinder über den Schulbetrieb. Dabei lässt man die Schreibfehler zwischen den Redezeichen netterweise stehen. Auch dies steht für eine lockere Verspieltheit, die an heutigen Schulen längst erledigt ist. Eine Dozentin der Pädagogischen Hochschule besuchte hintereinander mehrere Diplomlektionen. Sie lobte die technische Perfektion, die tadellose Planung, die raffinierte Rythmisierung, jedoch gab sie zu bedenken, im Verlaufe des ganzen Morgens hätten weder Kinder noch Lehrkräfte auch nur einmal gelacht.

Ein weiteres eher harmloses Beispiel findet sich in der Tatsache, dass in Skilagern landauf landab immer öfter Casino-Abende stattfinden, bei denen die Kinder adrett gekleidet zu erscheinen haben. An den Schulzimmertüren entdeckt man vermehrt ausgemalte Kopiervorlagen, die von Pinterest gezogen wurden. Überhaupt wird diese Plattform rege für den Zeichenunterricht genutzt. Zwei drei Mausklicks, und die Stunde ist servierbereit. Auch die Schulfotografie hat sich neusten Standarts angepasst. Sie lassen Kinder einzeln aus Schachteln mit offener Seite herausgrinsen, statt sie aufrecht und steif vor einer Tapete abzulichten. Dabei nehmen die Kinder unterschiedliche Haltungen ein. Vom schlichten Schneidersitz bis zu akrobatischen Verrenkungen, sodass einige kopfüber oder völlig schräg in der Schachtel stecken. Das macht einen fröhlichen und dynamischen Eindruck.

Geschenke zu Neujahr oder auf Schulschluss hin, mit denen Mitarbeit verdankt wird, die eigentlich ohnehin schon entlöhnt wäre, bestehen zunehmend aus regional handgefertigten Ökosachen wie Apfelringe, Salzstangen, Brotaufstriche. Allerdings darf der Einkauf nicht zu teuer sein, schliesslich gilt unternehmerisches Denken. Auch aus anderen Gründen findet sich im Geschenkkorb keinerlei Alkohol mehr, dafür ein Shorley mit Rabarbergeschmack.

Viele Lehrkräfte nutzen Lehrmittel, bei denen als gesichert gilt, dass sie die Vorgaben des Lehrplans erfüllen. Wer auf sie abstützt, steht auf der sicheren Seite. Niemand verbringt gerne Stunden mit der Anlyse von raffiniert ausformulierten Kompetenzen, die in möglichst sparsamen Sätzen möglichst viel an umweltlichen Eventualitäten abdecken sollen. Daher setzen sich zum Beispiel die Lehrmittel durch, die ausdrücklich die darin beschriebenen Komptenzen bedienen. Die einstige Lehrmittelfreiheit, die früher für Vielfalt sorgte, wird dadurch wie von selbst zurückgenommen.

Auch die pfannenfertigen Angebote für Sonderwochen, wie Zirkusse oder Musicalgruppen, sind vorweg den Kompetenzen angepasst. Mit zehntausend Franken Steuergelder für eine Woche hat man auch gleich die aufwändige Abstimmung auf Kompetenzen etwa punkto Bewegung oder Gestaltung handlich eingekauft.

Man muss fair sein: Gleichschaltung oder Durchnormierung sind gewiss nichts Neues. Wer die alten Bahnhöfe entlang der Seetallinie von 1900 vermisst, muss anerkennen, dass auch diese normiert waren. Mit kleinem Brunnen an der Ostseite, mit Beamtenwohnung über der Schalterhalle, auch die öffentlichen Toiletten am genau gleichen Ort.

Die Spannung zwischen Norm und Abweichung beschäftigt uns seit Menschengedenken. Leidenschaftliche Abweichler müssen sich damit abfinden, dass Gleichschaltung nicht nur unter Zwang, sondern auch freiwillig geschieht. Selbst in der Natur kommt sie vor.

Indem wir uns bemühen, dass wir dem mehrheitlichen Verhalten, also der Norm entsprechen, legen wir vielleicht eine Art menschliches Herdenverhalten an den Tag.

Aber das beisst sich mit unserer Auffassung von Freiheit.

Das Herdenverhalten beleidigt unsere Souveränität. Was Schulen angeht, so sind mir Sitzungen in Erinnerung, wo man das Herdenverhalten sogar bewusst organisierte. Ging es um die Einführung eines Schulbusses oder um die Frage, ob und wieweit man Eltern in Projekte einbeziehen soll, wurde zuallererst souverän und lösungsorientiert danach gefragt, wie andere Schulen dieses Problem bereits gelöst haben. Und das ist nur vernünftig.

Ebenso vernünftig ist es, wenn Herdentiere sich dem Verhalten aller anpassen. Herdenintelligenz ist als Ausdruck weniger gebräuchlich.

Hingegen ist viel von Schwarmintelligenz die Rede. Warum sollte es so etwas auch unter uns Menschen nicht geben?