I`m not a big believer in identity. […]

The burdon of identifying ourselves is to much.

Tilda Swinton

Musil erzählte vom «Mann ohne Eigenschaften». Mir schwebt der Mensch ohne Identität vor. Notfalls verteidigen wir unsere Identität wie eine Horde ihr Wasserloch oder ihre Futtergründe. Mit allen Mitteln, sprich: Bis aufs Blut. Geht es um Identität, kennen wir keine Gnade. Daher ist nur ein Mensch zum Frieden befähigt, wenn er am besten gar keine Identität beansprucht.

Alles Moralische verlangt letztlich von mir, dass ich auf meinen Vorteil verzichte, dass ich zugunsten anderer handle. Das nennt sich Altruismus. Nun hat sich längst herausgestellt, dass diese noble Rücksicht auf Menschen beschränkt gilt, die zur gleichen Gruppe gehören wie ich. Das betrifft religiöse Gruppierungen genauso wie säkulare oder weltliche, wie es früher hiess, also Nationen oder Vertreter, die ganze Menschenbilder oder Weltanschauungen verfechten, Psychoanalytiker, Marxisten, die Linke, die Rechte. Das geht sogar ins Feine: Liberale, Liberalisten, Libertäre, Libertinisten. Auch in der Kunst verhälts es sich so. Was unkundige Hörer kaum zu unterscheiden vermögen, etwa Techno und Minimal Electric, bedeutet für Vertreter dieser Strömungen Tag und Nacht. Der Unterschied, der für sie besteht, hindert an einer Zusammenarbeit unter ihnen.

Hanno Sauer bestätigt, dass Moral, die uns altruistisches Verhalten abverlangt, weiter nichts bedeutet, als der Egoismus einer Gruppe. Vielleicht ist jede Moral, die sich selbst als vernünftig begreift,  weiter nichts als der Überlebenstrieb eben dieser Gruppe. Denn wird sie tödlich bedroht oder in Frage gestellt, erlaubt ihre Moral als Gruppenegoismus jedes Mittel dagegen. Auch jene, die sie innerhalb der Gruppe verbietet. Sogar Aushungern gilt dann als Methode für zulässig, ja sogar für geboten, wenn andere Mittel versagen. Das geschieht gerade jetzt. Zu dieser Barbarei sind sogar Buddhisten fähig, wie in Burma gegen Muslime. Nur so wird verständlich, warum zum Beispiel katholische Priester Kanonen segnen, warum zu einem heiligen Krieg aufgerufen wird. In beiden Fällen sind dabei Wortführer tätig, die es sonst strikt untersagen zu töten. Auch fremdes Gut plündern oder Frauen vergewaltigen, wird innerhalb der Gruppe geächtet, jedoch als notwendiges Übel in Kauf genommen, wenn die eigenen Kräfte die Entbehrungen des Kriegs heldenhaft auf sich nehmen, damit die Gruppe überlebt. Angeblich soll auch das alttestamentarische Tötungsverbot im Gesamtzusammenhang nur so deutbar sein, dass es lediglich anweist, keine Angehörige israelischer Stämme umzubringen. Getötet wird ja sonst munter im Alten Testament.

Grundsätzlich sehe ich von dieser Doppelmoral gegen Feinde keine menschliche Gruppierung ausgenommen. Das empört viele, die ihre Moral für allgemeingültig halten, auch wenn sie von denen offenbar verkannt wird, die sie bestreiten. Und sie betonen die Vernunft ihrer Moral, weshalb ihre Gegner, die sie ablehnen, an mangelnder Intelligenz leiden müssen. Diese bornierte Haltung zeigt, wie sehr wir unserer Gruppe verhaftet sind.

Jede Moral ist vernünftig, wenn man die umweltlichen Erfordernisse in Rechnung stellt, die eine Gruppe für ihren Fortbestand zu erfüllen hat. Der Verhaltenscodex einer Religion hat im Einzelnen meist sachlogische Bewandtnis. In Verhältnissen der Wüste mit dürftiger Möglichkeit zur Hygiene macht es Sinn, sich zu beschneiden, andernfalls erlitten die Frauen nach einer Zeugung einen Infekt infolge intimer Verschmutzung. Und das würde auch das Kind und damit den Fortbestand der Gruppe gefährden. Am besten droht die Strafe eines richtenden Gottes, der das genau Vernünftige in diesen besonderen Umständen anbefiehlt und Alternativen als Lästerung verdammt. Auch unter säkularen Überzeugungen kommen Bannurteile vor, Freundschaften zerbrechen, Beleidigungen, Missgunst, Verhärtung gegen Zweifler, alles das kommt auch da vor. Dabei ist kein Weltbild wasserdicht gegen Argumentationen, jedes ist angreifbar, ob es nun philosophisch gestrickt ist oder wissenschaftlich. Genauso lässt sich jede Religion spielend anzweifeln, ebenso die Konfessionen, in die sie sich aufspalten. Auf Nietzsche, glaube ich, geht der Vergleich zweier Völker zurück, von denen das eine seine Toten kremiert, ihre Beerdigung aber als Gotteslästerung tabuisiert. Beim anderen Volk verhält es sich genau umgekehrt, da wird die Kremation als Tabu unter göttliche Strafe gestellt. Diese Völker sind sich deswegen spinnefeind. Sie lassen sich von oberflächlichen Eindrücken leiten wie simple Naturwesen, statt dass sie das Gemeinsame herauslesen. Zum Beispiel sind beide Völker darauf angewiesen sind, dass man gewisse Verhaltensweisen mit einem Tabu belegt, während ihre heiligen Gebote bloss Dringlichkeiten zum Überleben berücksichtigen, die zufällig bestehen, wie klimatische Verhältnisse, Bedrohungslagen, auch regeln sie den Umgang untereinander, man tue dies, man unterlasse das, damit die Gruppe zusammenbleibt.

Wenn zwei wegen solcher Unterschiede sich in die Haare geraten, etwa wenn sie debattieren, wie hoch ein Grabstein sein soll und sich bei gegenteiliger Meinung Freundschaft und Umgang quittieren und sich den Teufel an den Hals wünschen, dann sehe ich keinen Unterschied mehr zu Hunden, die sich auf der Strasse ankläffen.

Unter anderem verkennen sie, dass sie alle in der Auffassung übereinstimmen, was ein guter Mensch sei.

Identität als Gruppenzugehörigkeit schimmert überall durch, wo wir uns über Regelwerke streiten, wenn es darauf ankommt. Sei es in moralischen Dingen oder über politische Belange. Kein stichhaltiges Argument vermag diesen Starrsinn zu brechen. Warum auch? Menschen überleben bisher nur in Gruppen. Auch heute bedeutet ein Leben ohne Bürgerrecht bekanntlich eine grausame Unsicherheit.

Mir scheint, wir sind mehr Natur, als wir uns zugestehen. Mein instinktiver Lidschlag funktioniert einwandfrei, auch meine Darmperistaltik, die meiner Kontrolle zum Glück völlig entzogen ist, erfüllt ihr natürliche Aufgabe wie seit eh und je. Und überhaupt schlägt das Herz, ohne dass wir diesem faustgrossen Stück Fleisch einen weiteren Schub verpassen und dazu vielleicht sogar den Wecker stellen, um uns daran zu erinnern.

Warum also sollten ausgerechnet unsere Überlebensinstinkte abgestorben sein?

Der urtümliche Selbsterhalt, genauer der Gruppenerhalt, jedenfalls dieser rohe Naturimpuls durchdringt als Identität mit Anderen genauso roh und instinktiv alles, was wir mit kultureller Evolution ansprechen: Religion, Konfession, Nation, Menschenbilder, Weltbilder.

Deshalb lobe ich mir den friedfertigen Menschen ohne Identität, der da sagt: Meine Heimat ist der Planet und fertig. Ich bin Mensch und fertig. Besser noch:

Ich bin planetarisches Leben und weiter nichts.