Offenbar geht einmal mehr der Wunsch nach einer Macht um, die durchgreift.  Psychologisch gesehen mag dieser Wunsch einsichtig sein. Das ändert nichts daran, dass er sich als irrational erweist, wenn man genau nachsieht, wie Diktaturen entstehen und vergehen.

Besonders unter Populisten sind Stimmen verbreitet, die ein Durchgreifen für hochdringend finden. Für die Überlegungen hier ist der Hinweis von Bedeutung, dass jemand, der politische Wünsche anmeldet, das Wohl der gesamten Gesellschaft im Auge hat. Andernfalls wäre sein Engagement kaum ernst zu nehmen. Stammtische sterben aus. Gewiss ein Verlust an Lebendigkeit, auch wenn kaum jemand das Gebrüll vermisst, das dort gerne ertönt. Wenn es zum Beispiel heisst, man soll diese oder jene Bande einfach an die Wand stellen. Das klingt beinah nach der Sehnsucht auf Erlösung: Reinen Tisch machen. Durchgreifen. Farbe bekennen. Den Sack zumachen. Draufhauen. Dieses martialische Getue fordert streng genommen die Aufhebung der Gewaltenteilung. Denn sollte jemand erfolgreich durchgreifen, dürfen ihm kein Gericht und keine parlamentarischen Beschlüsse und schon gar keine freie Meinung im Wege stehen, die öffentlich verlautet wird.

Zum Glück setzen sich Diktaturen nicht sofort durch. Aber es passiert immer wieder in der Geschichte. Noam Chomsky betont, diktatorische Systeme wollten nur eines: Beherrschen und kontrollieren. Der Wissenschaftler und Intellektuelle jüdisch-amerikanischer Herkunft schult die Menschen im kritischen Denken, damit Massnahmen solcher Ordnungen zunehmend ins Leere greifen. Überzeugte Demokraten sind bestrebt, Diktatur zu verhindern. Also lohnt sich auch ein Blick auf ihre Entstehung: Notrecht rechtfertigt Diktatur. Wenn ein Land von einem Orkan oder einer Epidemie heimgesucht wird, wäre es sachlich verfehlt, zu warten, bis das Parlament zusammenkommt und über das zweckmässige Vorgehen debattiert. Die Regierung nimmt das Heft in die Hand. Ohne Wenn und Aber. Allerdings sind ihre Massnahmen parlamentarisch zu prüfen, nachdem der Notstand beendet ist. Je nach Fall gehört es zum Notrecht, dass die Regierung die Grundrechte beschneidet. So etwa die Bewegungsfreiheit bei Naturkatastrophen oder, gerade wenn es um Konflikte geht, die Meinungsfreiheit.

Die Person am Stammtisch wittert einen Notstand, der endlich korrigiert gehört. Aber auch wenn sie ihre Fäuste schwingt, gehört sie zur Mehrheit an Wehrlosen, die der Weltpolitik schutzlos ausgeliefert sind. Dies weist auf die Tatsache hin, dass keine Diktator sich durchsetzt, ohne dass eine Mehrheit von Schutzlosen dies zulässt. Demnach erklärt sich die Diktatur, zumindest in ihrer Entstehung, als eine Art Demokratie aus Reflex, ohne Abstimmung.

Dabei steht fest: In Verhältnissen einer Diktatur bevormundet also eine geringste Minderheit die Mehrheit.

Das schafft Probleme, sofern die Diktatur über die Lösung des Notstands hinaus erhalten bleiben soll. Der Mensch vom Stammtisch übersieht, dass er die Instanz, die durchgreifen soll, nur deshalb befürwortet, da er annimmt, ihr Vorgehen entspreche auch genau seinen Interessen. In einem menschlichen Gemeinwesen aber gibt es unterschiedliche Interessen, die einer bestimmten Minderheit für unverhandelbar gilt, auch wenn sie sich zuwiderlaufen. Menschen wachsen in Umständen auf, die so unterschiedlich sind, dass sie notwendig bestimmte Interessen verfechten, die diesen Umständen Genüge tun oder sie abbauen helfen, während sie gegenläufige Interesse bekämpfen. Diese Vielfalt an Interessen zeigt sich unter anderem daran, dass sich Verbände und Parteien ausbilden, die sich zum Teil spinnefeind sind. Die einen pochen auf Meinungsfreiheit, andere möchten sie beschnitten sehen, da sie überfordert sind. Regulierung oder Deregulierung beruht auf Debatten, bei denen auch in Friedenszeiten die Fetzen fliegen. Dasselbe gilt für heisse Themen wie Bevormundung oder Gleichberechtigung, Zuwanderung oder Abschottung, Tradition oder Fortschritt, Liberalisierung oder Umverteilung. Eine Diktatur auf Zeit stolpert früher oder später über die Schwierigkeit, dass ein Diktator vom ersten Tag an, da er seine Entscheide einer ganzen Mehrheit anbefiehlt, notwendig bestimmte Interessen beschneidet oder gar vor den Kopf stösst.

Eine Diktatur bedient unmöglich alle Interessen zugleich.

Anders gesagt: Eine Minderheit bringt sich selbst in Gefahr, wenn sie eine Mehrheit an Interessen brüskiert. So ein Gebilde an Gesellschaft hatte noch nie Bestand in der Geschichte. Denn vom ersten Tag an schafft sich ein Diktator Feinde, da er notwendig gegen höchst bedeutsame Interessen arbeitet. Also wird er bereits ab dem zweiten Tag damit beschäftigt sein, sich gegen diese Feinde abzusichern. So verhärten sich die Fronten, bis es der Diktatur um nichts anderes mehr gehen wird als um ihr eigenes Fortbestehen. Und das wird sie gleichsetzen mit den Bedürfnissen der Gesellschaft selbst.

Also zum Wohl aller, wie sie immer behauptet. Diese Behauptung gehört zu ihrem Überleben.

Spätestens vom dritten Tag an jedoch hat sie die Anliegen der Gesellschaft aus den Augen verloren, die sie voller Hoffnung zugelassen hat. Jede Diktatur führt also notwendig in widrige Umstände, da sie als Minderheit die meisten Interessen übersieht, beleidigt oder verbietet.

Daher ist der Wunsch nach Diktatur irrational, sofern einem das Wohlergehen der gesamten Gesellschaft am Herzen liegt.