Proust zu lesen ist für mich unverzichtbar geworden. Seine Suche nach der verlorenen Zeit nimmt kein Ende. Was jedoch habe ich von irgend einer Zeit, wenn es mir nur mit Mühe gelingt, ganz im Jetzt zu sein? Wie kann man zum Beispiel auf Ewigkeit hoffen, wenn einem das Jetzt entgeht? Wenn man nicht ganz zur Welt kommen möchte? Und was könnte das bedeuten: Ganz gegenwärtig sein? Vielleicht hilft es, wenn ich Augenblicke erinnere, an denen ich mir wie niemals sonst ganz gegenwärtig vorkam. Zum Beispiel während einer Schiessverlegung auf der Alp Selamatt.
Wir hatten uns in mehreren Wellen bis knapp unter den Berggipfel vorgearbeitet, womöglich der Selun, einer der Churfirsten, und wir waren auf einer Kuppe zu liegen gekommen, als uns auf einmal dicker Nebel einhüllte. An Schiessen war nicht mehr zu denken. Wie immer nutzte ich die Zeit zum Träumen. Vor mir klafften Wunden im Boden. Es roch nach frischer Erde. Die tiefen Furchen führten in Wellen vor mir her. Sie stammten von unseren Sturmgewehrschüssen, die wir wenige Minuten zuvor aus der vorherigen Stellung abgefeuert hatten.
Zeit verstrich. Jemand schimpfte, nun müssten wir die meiste Munition wieder ins Tal tragen. Ich hielt mein verbeultes Raketenrohr bereit, das später der deutschen Panzerfaust weichen würde. Der Gehörschutz sass fest, ich hörte meinen Atem, er ging langsam und bildete Dampf. Selbst bei Regen empfand ich mit Gehörschutz eine Art Häuslichkeit, die mich vom Geschehen um mich herum abschirmte. Die Übungsgehilfen an den Enden unserer Reihe warteten mit ihren weissroten Fahnen.
Unerwartet hellte es auf. Der Nebel sank schnell, sodass wir unverhofft an einem Meeresstrand lagen. Über uns wölbte sich ein Abendhimmel, blank und golden. Nur die Berggipfel ragten heraus und wir auf unserer geschundenen Alpweide. Der Horizont leuchtete ringsum, die Nebeldecke blendete. Alle genossen überrascht den Anblick, selbst die Bauern unter uns, die Befehlshaber genauso, die Offiziere, die Instrukteure und ihre Gehilfen. Ich hätte noch lange so verweilen können, wenn es an den Flanken unserer Reihe nicht zu krachen angefangen hätte. So drehte ich mich auf den Bauch und setzte das Raketenrohr an meiner Schulter an, um es für den nächsten Stoss bereitzuhalten. Der Befehl zum Schuss kam in der richtigen Reihenfolge, wie von der Übung vorgeschrieben. Für einen Wimpernschlag stieb Brandhitze auf mein Schild, das Rohr bäumte sich auf, es schleuderte mir die lockere Erde in den Mund.
Gegenwärtig sein? Mit allen Sinnen. Das wäre eine erste Antwort. Dann: Etwas Transzendentes, das Fernes mit meiner Gegenwart verbindet, wie das plötzliche Abendrot über dem Nebelmeer. Dann: Ekel kann mich von Erfahrungen abschneiden, die prägend sind, so notwendig er auch sein mag. Keine Wertung also. Und zur Wertung gehören auch die sofortigen Vergleiche, die wir ziehen: Zu Hause wäre es schöner, statt hier. Die ungewaschenen Körper, wie sie für Schiessverlegungen typisch sind, die Phantasien, die infolge Schlaflosigkeit durch die Köpfe knallen. Es könnte behaglicher sein. Entspannter.
Kein Vergleich also, keine Wertung, um ganz in der Welt zu sein.
Mit Erde im Mund.


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