Ein unverstellter Blick auf Andy Warhol hilft dazu, dass wir Queers und Dragqueens jenseits des Diktats politischer Korrektheit verstehen. Das setzt voraus, dass man die natürliche Funktion von männlicher Homosexualität sachlich einsieht. Und diese Einsicht bedingt, dass wir Natur und Mensch als Einheit begreifen. Eine Sichtweise, um die wir nicht herum kommen, meiner Meinung nach.
Der Künstler Andy Warhol wird interviewt, er antwortet wie gewohnt sanft, aber ohne viel Ausdruck. Wie immer verhält er sich gedämpft und vorsichtig. Ein junger Mann mit Wollmütze, der neben ihm steht, wird kurz nach seiner Herkunft gefragt. Vom Mars komme er, krächzt er in die Aufnahme, mit überzeichneter Mimik, mit übertriebener Gestik. Ein surrealer Freak der zweiten, dritten Stunde, der den frischen Zeitgeist der Sechziger hinter sich weiss. Dieser junge Mann hat gewiss Gründe, sich so zu geben. Tatsache aber ist, dass Warhols Verhalten keineswegs freakig zu nennen ist.
Es ist nämlich schlechterdings echt.
Schwul von Geburt her und ausserstande, diese Eigenart an sich zu verbergen, wuchs er unter verarmten slowakischen Einwanderern in Pittsbourgh auf. Das Milieu war brutal rassistisch und genauso brutal homophob. Warhol fand keine Freunde, seines Benehmes wegen, er litt daran, mitzuerleben, wie andere einander ins Vertrauen zogen. Dank seiner Begabung zum Zeichnen schmeichelte er sich ein, wie es heisst. Die Siebdrucke, für die er berühmt geworden ist, stehen in der Tradition orthodoxer Ikonografie, die ihm über seine Mutter aus frühen Tagen vertraut war. So gesehen wird Warhol durchaus etwa mit einem Andrej Tarkowsky vergleichbar. Was wir an Warhol als Pop-Art feiern, bedeutet eigentlich bloss eine besondere Fortführung orthodoxer Ikonografie.
Wer Homosexualität und Transgenderismus als blossen Fimmel ablehnt, kann natürlich mit diesen Ausführungen wenig anfangen. Da gilt es also, weiter auszuholen: Unter der Schülerschaft der Berufsmaturanden, die ich als Fachlehrkraft beschulte, gab es nebst Homosexuellen auch solche, die sich in ihrem angestammten Geschlecht unwohl fühlten. Im Umgang mit ihnen erlebte ich diese Unklarheit mit. Über längere Zeit. Auch schien mir, dass sie darüber trauerten, eine Andersartigkeit bewältigen zu müssen, die an vielen vorbeigeht. Die These, wonach der so genannte Queer-Wahn auf linker Hirnwäsche beruhen soll, kann ich unmöglich bestätigen. Eine natürliche Funktion von Homosexualität nun sollte in aufgeklärten Gesellschaften geläufig sein. Der Umstand, dass sie unter Tieren vorkommt, mag auf Zufall beruhen. Mittlerweile anerkennt die Wissenschaft, dass Sex aus Spass auch in der übrigen Natur reichlich gepflegt wird, ohne dass die Wahl des Geschlechts dabei eine Rolle spielt. Immerhin soll dieses Vergnügen weit über hundert Arten betreffen, soweit man weiss.
Ein stärkeres Argument jedoch liefert die Funktion männlicher Homosexualität zur Verminderung von Aggression zum Beispiel in einem Rudel. Alles, was mit Fortpflanzung zu tun hat, überwiegt die Selbsterhaltung einzelner Lebewesen, denn Fortpflanzung liegt im Egoismus der Gruppe. Unter anderem gilt selbst unter Insekten, dass der Stärkste sich fortpflanzt. Das Leittier wird ausgemarcht, es begattet die Weibchen, während die übrigen Rüden untereinander diesen starken Trieb ausleben, ohne dass sie Nachkommen zeugen, die schwächer sind. Allerdings könnten sie das Leittier jederzeit herausfordern und nicht nur dann, wenn es Schwäche zeigt.
Homosexualität verhindert diese ständige Aggression. Damit sichert sie das alltägliche Überleben des Rudels.
Der Einwand ist klar: Warum sollten wir das Vorkommen von Homosexualität unter Menschen dadurch rechtfertigen, dass sie als Eigenschaft der Natur belegbar ist, wenn wir andere natürlichen Wesenszüge, wie etwa die Tötung behinderter Nachkommen klarerweise als zwar natürlich, aber unmenschlich ablehnen? Dazu beachte man die starken Argumente, die für eine Einheit von Natur und Mensch sprechen. Zusammengefasst weisen diese darauf hin, dass wir Menschen uns in Fähigkeit und Eigenart nicht selbst hervorbringen. Egal, wie diese uns zusetzen mögen. Im Übrigen ist die Liste der Eigenschaften lang, die wir mit der übrigen Natur teilen, die Liste mit menschlichen Besonderheiten hingegen kurz. Da stehen zumindest zwei Beispiele: Die technische Verbesserung von Geräten bis zur Maschine und künstlicher Intelligenz sowie das kontextunabhängige Erkennen und Erinnern. Ob diese Eigenschaften uns völlig aus der Natur entlassen oder ob sie uns davon nur graduell unterscheiden wie alle übrigen Lebensformen, bleibt strittig.
Stärker jedoch wiegt für mich in der Argumentation für die Einheit mit der Natur diese Trauer von Homosexuellen und Transgendern und wie nachhaltig sie damit beschäftigt sind. So etwas erfindet man nicht einfach so und hält es über Jahre durch.
Zeitlich gesehen darf man den feminin-schwulen Warhol durchaus als eine der ersten Dragqueens anerkennen: Perücke, Schminke. Zurückhaltendes, feminines Verhalten. Ausserdem hat er Transen und Dragqueens in einer Serie porträtiert, die wenig bekannt geworden ist. Homosexualität nun hat verschiedene Facetten. Gewisse Schwule werfen ihre Körper wie Ringer in Saunen und in Dunkelkammern, während andere auf Rücksichtnahme und Zärtlichkeit angewiesen sind. Für diese femininen Schwulen, wie ich sie unbeholfen bezeichne, bleiben nicht nur die Saunen verschlossen, sondern zu jener Zeit wie allen Homosexuellen auch die bürgerliche Familie als Lebensmöglichkeit. Dazu kommt, dass ein Outing ausgeschlossen war: Homosexualität stand in den USA bis in die Sechziger unter Strafe, in gewissen Staaten bis zur Jahrtausendwende. 1973 wurde sie zur Krankheit erklärt. Als Werbegrafiker kam Warhol früh in Kontakt mit der Pop-Art der 50er-Jahre. Irgendwann übertrug er diese Ausdrucksform auf seine eigene Person.
Der Freak bot einen Ausweg aus dieser beengten Situation. So wurde Warhol für viele andere zum erlösenden Vorbild.
Als eine Ikone eben.


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