Die künstliche Intelligenz Alpha Zero schlägt Meister im Go-Spiel, dem fernöstlichen Schach. Das sorgt für allgemeine Bestürzung, wie damals, als Deep Blue Schach-Meister schlug. Warum eigentlich? Mittlerweile sind wir daran gewöhnt, dass Computer Schachmeister schlagen. Das chinesisch-japanische Go hingegen gab weiterhin Anlass zur Hoffnung, der Computer werde doch hinter dem Menschen zurückbleiben, denn das Spiel ist viel abstrakter und bietet im Vergleich zum Schach exponentiell mehr Möglichkeiten an Spielzügen, die in Rechnung zu stellen sind, sprich an Setzungen von Steinen, die auf ihrer Kreuzung solange verbleiben, bis sie als Punkt gezählt werden oder als Opfer vom Brett genommen, sobald die Freiheiten um sie herum vollständig von gegnerischen Steinen belegt sind. Deep Blue hat unlängst auch dieser Hoffnung ein Ende gesetzt. Mit etwas Umdenken lässt sich der allgemeinen Bestürzung Abhilfe schaffen.

Zum Beispiel so: Im Gegensatz zum Schach geht es beim Go nämlich weniger um Sieg nach Punkten, also nach Anzahl eroberter Freiheiten. Seine Funktion ist auch religiöser Art, indem Schwarz und Weiss als bekannte Urkräfte des Daoismus eine wolkige Ordnung bilden, mit Feldern, die am Schluss der Partie auf einzigartige Weise ineinander verschränkt sind. Dabei spielt keine Rolle, wer mehr Freiheit erobert hat. Aus dieser eher mythisch-ästhetischen Sicht kann mich Alpha Zero keinesfalls beunruhigen. Dieses Argument jedoch läuft wohl auf eine Art Geschmackssache hinaus, es wird also kaum stichhaltig sein. Weiter fällt mir auf, dass Alpha Zero zwar Go-Meister schlagen mag, im Gegensatz zu ihnen jedoch ist es ausserstande, einen Kuchen zu backen. Auch ist es völlig ausgeschlossen, dass es sich seinen Anwendern aus ungeahnten Gründen unverhofft verweigerte, etwa aus dem plötzlichen Anliegen heraus, dass es nicht länger Menschen beleidigen möchte. Es sei denn, es wurde dahingehend programmiert, aber das wäre immer der Fall, wenn es um Computer geht, während Menschen oft die einzigen sind, die über ihre tiefsten Beweggründe so Bescheid wissen, wie Programmierer über die Ordnung ihrer Algorithmen. Auch über sich selbst stellt Alpha Zero nur dann Reflexionen an, wenn die nötigen Schlaufen in die Befehlsstruktur eingebaut sind. Überhaupt ist Alpha Zero von Menschen geschaffen worden, sprich konstruiert wie Vieles andere. Evolutionistisch betrachtet handelt es sich bei Computern um keine eigenen Phänotypen, wie wir einer sind oder die Spinne an der Decke über mir, sie zählen vielmehr zum erweiterten Phänotypen Mensch. Genau so, wie das Nest einer Amsel zum erweiterten Phänotypen Amsel gehört. Dieser holprige Ausdruck bezeichnet die Veränderungen, die eine Lebensform, also der einzelne Phänotyp an seiner Umwelt nachweislich vornimmt.

Die gesamte Computerisierung, insbesondere die Künstliche Intelligenz gehören folglich zum erweitern Phänotypen Mensch.

Ohne Mensch kein Alpha Zero .

Eigentlich müssten uns die gleichen trübsinnigen Bedenken bereits beim Anblick einer Kopiermaschine heutigen Typs befallen. In wenigen Minuten spucken diese Geräte einen ganzen Stapel an mehrseitigen, doppelbedruckten Broschüren aus. Der Kopierer ist uns in dieser Hinsicht hochüberlegen, aber das stört uns kaum, denn sonst ist die Maschine strohdumm. Alpha Zero und Kopiermaschine sind hoch spezialisierte Einrichtungen, was ihre Fähigkeiten anbetrifft.

Wir Menschen aber sind Generalisten von Fähigkeiten. Wenn uns Alpha Zero nachdenklich stimmt, dann begehen wir den Fehler, dass wir uns mit Spezialisten vergleichen, die uns betreffs ihrer bestimmten Fertigkeit notwendig überlegen sind. Oder fühlst du dich von einer Waschmaschine beleidigt, die rascher und sauberer arbeitet als du je von Hand?

Damit begehen wir ein leibhaftigen Kategorienfehler. Eine Unsitte, die wir gerne fremden Kulturen oder vergangener Überzeugung zum Vorwurf machen.

Daher besteht aus meiner Sicht keinerlei Grund zur Beunruhigung.