Der gängige Vorwurf gegen die USA, es ginge ihnen nur um Rohstoffe, übersieht eine wichtige Kehrseite. Andererseits bereitet es mir Sorgen, wie man amerikanische Werte, die ich teile, mittlerweile durchsetzt. Ganz einfach deshalb, weil diese Durchsetzung amerikanische Werte bricht.
Verwandte aus New York bestätigen meine Bedenken. Ihr Land sei nicht mehr das gleiche wie früher, meinten sie bei ihrem letzten Besuch vor zwei Jahren. Demokratie, liberaler Pluralismus, Trennung von Staat und Kirche, insgesamt das Recht auf Selbstbestimmung. Diese Werte sind für mich unverhandelbar geworden. Schliesslich bin ich amerikanisiert aufgewachsen. Imbissketten begeistern mich nicht sonderlich. Meistens lasse ich sie links liegen. Andere Völker stören sich daran, dass unter westlichem Einfluss ihre Tradition schwindet. Die Scheidungsrate steigt, Verwandtschaften zerfallen. Alles Religiöse, das die Menschen zusammenhielt, wird zur Privatsache herabgewürdigt. Angeblich hat die Bündnisordnung USA von den über zweihundert Jahren ihres Bestehens nur zwanzig davon am Stück in Frieden verbracht. Entweder gab es Widerstand gegen ihre Werte und es gibt ihn noch.
Oder aber die USA leben vom Krieg.
Wie so oft dürfte beides zutreffen. Im Zuge des Zweiten Weltkrieges machten die USA die Erfahrung, dass sich das Inlandprodukt bis zu vervierfachen lässt, wenn man in einen Krieg verwickelt ist. Vorausgesetzt allerdings, dieser findet im Ausland statt. Zwar geht der Staat dabei bankrott, aber er erntet nach dem Krieg erhöhte Steuerbeträge von der Privatwirtschaft, die ihn beliefert hat. Aus dieser Sicht wird die libertäre Forderung nach einer minimalen Funktion von Staat innerhalb der Gesellschaft verständlich, denn so bleiben auch die fiskalischen Einnahmen beschränkt.
Wie auch immer sie das bewerkstelligen, die USA setzen Menschenrechte durch. Weltweit. Das sollte grundsätzlich dankbar stimmen. Und das tut es auch. Eine Diktatur um die andere fällt dank amerikanischer Raffinesse, die Fehlverhalten nutzt, daraufhin erst wirtschaftlichen Druck erzeugt, dann militärisch vorgeht: Das deutsche Kaiserreich, der Nationalsozialismus, die Sowjetunion, arabische Potentaten. Nun Russland, morgen China. Für mich war immer klar, dass die übrige Welt sich gegen die persönliche Freiheit sperrt, die uns Amerikanisierten zugesichert ist. Umso eher finden wir, dass die USA sich heldenhaft dafür ins Zeug legt. Für uns und eigentlich für alle, wie es die Menschenrechte vorsehen. Ihre Allgemeingültigkeit ist längst verbrieft. Mein Vater war als Kind im Zweiten Weltkrieg von den amerikanischen Soldaten beeindruckt, die kaugummikauend durch Zürich flanierten, während ihr Sieg über die strammen Nazis näherrückte.
Der Sturz von Diktaturen hat unter anderem zur Folge, dass der Handel mit dem jeweiligen Volk anständig wird. Welche Demokratie, und schon gar nicht die USA in ihrer revolutionären Selbstüberzeugung, möchte schon reinen Gewissens eine Diktatur als Handelspartner gesund erhalten. Nach dem 1. Weltkrieg schlugen die USA sogar vor, alle Kriegsschuld auf Null zu setzen, damit auch mit Deutschland eine glänzende Handelspartnerschaft in Gang käme. Sein Aufschwung erfolgte spät über die Schuldenordnung mit Frankreich und England.
Dennoch verstehen sich die USA nicht als Freunde. Auch geht es ihnen nur bedingt um ein allgemeines Gutmenschentum. Vielmehr verfolgen sie Interessen, wie Kissinger immer wieder präzisierte. Jemand erklärte im Netz, die USA umarmten dich zwar, sodass du um deine Rippen besorgt seist, bei leiser Kritik jedoch vermissten sie schmollend die nötige Dankbarkeit ihrer globalen Leistung gegenüber, und bei offener Kritik schliesslich kämen geheimdienstliche Papiere auf den Tisch. Woher diese Unfreundlichkeit? Für soziale Wärme sind die USA ja nie bekannt gewesen. Das liegt daran, dass sie den Inbegriff des Privaten bedeuten, was klar aus ihrer jungen Geschichte hervorgeht. Die ersten Siedler führten nach knapp bestandener Überfahrt ein hartes Leben gegen Bären, Einheimische und andere Siedler. Zunächst gab es weder Polizei, noch Feuerwehr noch medizinische Versorgung. Wer immer Nordamerika besiedelte, war auf sich allein gestellt. So versteht es sich von selbst, dass diese Siedler und ihre Nachfahren kein Einsehen haben, sie müssten die überschüssigen Werte ihrer hart erkämpften Wirtschaft an Minderbemittelte umverteilen. Jede staatliche Zentralisierung wie Nationalbank oder die Einrichtung der Bundessteuer erscheint ihnen notwendig als schleichender Kommunismus, der ihnen letztlich schadet. In diesem Zusammenhang ist zu bedenken, dass die Geschichte der USA auch innenpolitisch eine Blutspur durchzieht, nämlich die schleichende Ausrottung Einheimischer. Angesichts dieser düsteren Tatsache gerät man ins Grübeln darüber, ob der Wert der Freiheit des Menschen und seiner Selbstbestimmung, der uns als absolut, also frei von jeglicher Bedingung beigebracht wird, womöglich, sprich je nach Situation anderen Werten untergeordnet bleibt, die eher politischer Art sind.
Seit Gaza ist die Doppelzüngigkeit der USA in Sachen Menschenrechten offenkundig geworden. Der barbarische Angriff auf Israeli durch die Hamas sowie auf ukrainische Zivilisten durch die Russen brandmarkten die USA sogleich als versuchten Völkermord, ohne erst eine juristische Abklärung zu bemühen, legten jedoch zweimal ihr Veto gegen einen Waffenstillstand in Gaza ein, weshalb weiterhin der Tod arabischer Zivilisten in einem beispiellosen Ausmass in Kauf genommen wurde und wird, unabhängig davon, welche politische Notwendigkeiten dieses kollaterale Morden rechtfertigen.
Die Situation belegt, dass Menschenrechte auch für die USA keineswegs allgemeingültig gelten oder universell, wie man sagt. Es ist nur zu hoffen, dass sie mit ihrer Enthaltsamkeit in Gaza damit keinen Präzedenzfall schaffen, der möglichen Konfliktpartnern zeigen soll, dass sie auch in Zukunft andernorts zu dieser Doppelmoral in der Lage wären. Vielleicht sind die USA in den letzten Jahren in einem Ausmass unter Druck geraten, wie wir als Anhänger einer verblühten Postmoderne es kaum für möglich halten. Israel gilt den USA als ihr Aug und Ohr in Nahost, mehr noch als Brückenkopf, was eindeutig ein militärischer Begriff ist. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs jedenfalls gilt in den USA die Staatsdoktrin des Rimlands oder Randlands, die davon ausgeht, dass die weltweit meisten Rohstoffe in einem Randgebiet Asiens zu schürfen sind, das von Osteuropa über Nahost, Indien und Indochina bis hinauf nach Japan verläuft. Der geografische Bereich somit, in dem die genannten Diktaturen angesiedelt sind oder waren, die sozusagen auf diesen Rohstoffen hockten, ohne dass sie die USA mit leichter Hand daran teilhaben liessen. Wenn wir diese Doktrin beachten, wird auf einmal greifbar, wie abseits die USA von diesen Schürfgründen liegen, wie verzweifelt sie wohl ihren dortigen Einfluss aufrecht erhalten. Aus Sicht von uns Amerikanisierten verhindern die USA, dass diese Diktaturen uns über die Lieferung von Rohstoffen erpressen. Das war eines der wesentlichen Argumente gegen Saddam Hussein. So gesehen kommt man unweigerlich zum Schluss, dass das allgemeine Menschenrecht den USA als Schlüssel dient, womit sie diese Diktaturen knacken und so die Kontrolle über die Rohstoffe erlangen. Was nun aber gilt, ob der amerikanische Hunger nach Rohstoffen die zahllosen Kriege lostritt, die die USA führen, oder ob das daran liegt, dass sie die Menschenrechte für uns und für alle gegen Finsterlinge durchsetzen, hängt davon ab, wie ich die Argumente dazu gewichte.
Wie so oft, so auch hier dürfte beides zugleich der Fall sein. Aber wir haben Mühe, dies auf einmal zu begreifen. Dabei lässt sich das wie folgt verbinden: Es gibt Idealisten, denen es nur um die Befreiung zur Selbstbestimmung geht. Entweder spannen sie jene Rohlinge vor ihren Karren, die ausschliesslich auf Wirtschaft aus sind. Oder diese bedienen sich umgekehrt bei jenen Idealisten mit ihrer hartnäckigen Schwärmerei für das Wohl aller, um die Böslinge zu knacken, die unberechenbar auf Öl und Erdgas sitzen. Beide Kräfte sind eng ineinander verzahnt.
Wie will man überhaupt ein menschliches Gemeinwesen schlüssig beurteilen, wenn es immer aus solchen und solchen besteht?
Die zunehmende Nervosität der USA zeigt sich meines Erachtens an einer Art Sündenfall, der Ende des vergangenen Jahrhunderts passiert sein dürfte: Ein ehemaliger CIA-Agent erklärte, ihr Auftrag hätte immer darin bestanden, über Tatsachen zu informieren, die den gegnerischen Einflussbereich beträfen.
Irgendwann aber hiess es, sie sollten von nun an dort Tatsachen schaffen. Sachliche Aufklärung verkehrt sich zu Manipulation. Wie soll das gut gehen?
Demnach schaffen die CIA Gründe, die die USA als Anwalt für Menschenrechte notwendig zum Eingreifen veranlassen. Die Diktatur wird entmündigt, erst wirtschaftlich, dann militärisch, am besten wird sie ganz beseitigt. Und man bleibt dort sicherheitshalber stationiert, damit der Rohstofftransfer abgesichert und das Bedürfnis des jeweiligen Volkes nach Diktatur diszipliniert bleibt. Das Menschenrecht als Schlüssel hat den USA ausgedient. Sie haben diese Möglichkeit vor aller Welt verspielt, seitdem sie die Welt, wohl ungewollt, mit ihrem Willen zur Doppelmoral bekannt gemacht haben.
Bleibt ihnen also nur die Gewalt. Was niemand hofft.
Die Regierungen meinen, wir hätten gefälligst zu kuschen. Wir hingegen meinen, sie hätten gefälligst bestmögliche Versorgung sicherzustellen. Meines Erachtens reicht es nicht mehr aus, wenn man diese zwiespältige Vorgehensweise, wie sie die USA seit Jahrzehnten verfolgen, einfach mit Raffgier und imperialer Dominanz erklärt. Zwar ist die notorische Überheblichkeit weltpolitischer Mandatsträger schwer nachvollziehbar, die sie gegenüber der Menschenmassen an den Tag legen, die ihnen anvertraut sind. Regierungen blicken entweder ängstlich oder aber mit Geringschätzung auf sie. Diese Masse lässt sich ausdauernd kneten, sie ist hart im Nehmen, ihr Zerreisspunkt lässt lange auf sich warten. Wird er jedoch überreizt, wird sie zum reinsten Geschiebe, walzt alles nieder. Die Arroganz der Mächtigen gegenüber der Masse an Menschen wird von daher einsichtig, dass Politiker sich umso weiter aus dem Fenster lehnen, je weiter ihr Mandat reicht. Wer Ämter mit weltpolitischer Verantwortung bekleidet, riskiert in jedem Fall Kopf und Kragen. Und wenn auch nur der persönliche Ruf zeitlebens ramponiert wird. Diese Machthaber sagen zu uns: „Euer Vorwurf, es ginge uns bloss um Rohstoffe, ist genauso ignorant, wie wir uns euch gegenüber verhalten. Das hat verschiedene Gründe: Die Menschheit ist überall angewachsen. Das Gerangel am Wasserloch nimmt also zu. Auch die Ansprüche steigen mit zunehmender Freiheit. Freiheit meint Wahlfreiheit. Das heisst, man muss über Alternativen verfügen, damit ein Entschied frei und selbstbestimmt gefällt wird, nach persönlichem Geschmack und Gutdünken. Diese Vielfalt zu garantieren, ist teuer und enorm aufwändig und erfordert mehr Schutz als früher. Dies wiederum bedeutet einen hohen Verbrauch an Ressourcen, die heranzuschaffen sind. Bei aller Kritik an uns, den USA, sollte ins Auge fallen, dass die jeweilige Regierung eine Unmenge an bedürftigen Riesenbabys zu bedienen hat, die bei der kleinsten Unterversorgung in Geschrei ausbricht. Das gilt für den Westen allgemein. Man stelle sich die Reaktionen vor, würde hierzulande das Internet lahm gelegt oder der Strom fiele aus, am besten mehrtätig. Oder die Regale in den Supermärkten leerten sich zusehends. Oder Freizeitparks gingen zu wegen Energiemangels.“
Bevor wir die USA mit Kritik eindecken, sollten wir unsere eigene Energiefresserei, unser Appetit auf Selbstbestimmung einer Prüfung unterziehen. Man kann einsichtig dafür argumentieren, dass das Syriendebakel und die Katastrophe von Gaza sich letztlich aus einem Gerangel um Erdgasfelder erklären, sprich im Donbass aus einem Gerangel um Adern voller Lithium. Und alles ist gemäss Planung auf Europa als Abnehmer ausgerichtet.
Zu uns nimmersatten Konsumenten von Rohstoffen. Uns Energiefressern.


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