Die besten Innovationen, zu denen Luhmanns Systemtheorie zweifellos gehört, belastet irgendwann die Gesellschaft, wenn man sie inflationär zur Anwendung bringt. Luhmann würde sich im Grabe umdrehen. Ein Werkzeug, zumeist der Linken, spielt der Rechten in die Hände, die daran Misswirtschaft am Volksvermögen brandmarkt.
Systeme sind Ordnungen, die sich gegenseitig stören oder irritieren, sodass sie aus dieser Spannung heraus ihre eigene Bestimmung, ihre eigene Funktion auffrischen und notfalls befestigen. Im Fachjargon heisst das: Systeme differenzieren sich aus, sie werden sich wechselseitig zur Umwelt, die störend wirkt, sodass sich jedes System immer wieder neu reproduziert. Das klingt nach Biologie, und von dort stammt diese Denkweise auch. Luhmann hat sie bloss wirkmächtig in die Soziologie überführt, zumindest prominente Teile davon. Wie viele andere halte ich Luhmanns Systemtheorie schlicht für genial. Eine Brille, die sich beliebig verfeinern oder vergröbern lässt, sobald man sie auf einen Gegenstandsbereich richtet, der wenigstens belebt sein muss.
Von einer Beamtin der Europäischen Union, die für die Verständigung unter nationalen Grenzregionen zuständig ist, weiss ich, aus erster Hand somit, dass die Luhmannsche Systemtheorie als Werkzeug täglich zur Anwendung kommt. Das geniale Raster wird kurzerhand auf den kompliziert belebten Gegenstandsbereich gelegt und überall dort, wo Systeme sich zwangsläufig koppeln und daher besonders anfällig sind auf Störungen, wird ein Amt eingerichtet, das seinen unverzichtbaren Blick nur darauf gerichtet hält. So zum Beispiel die Schnittstelle zwischen Schule und Mittagstisch, zwischen Forstleuten und Tourismus, zwischen Privatvereinen und lokalen Behörden. Die besoldeten Mandatsträger dieses Amtes geben sogleich Formulare aus, die wie jede Bürokratie früher oder später für unverzichtbar gilt. Je nach Bedarf, der anfällt, wird das Amt mehrfach geteilt, was seine Bedeutung untermauert.
Im Falle des Lehrberufs sieht es so aus, dass eine schiere Menge beamteter Spezialisten die Lehrkraft mit ausgeklügelten Aufträgen eindeckt, ohne dass auf ihre Erfahrung Wert gelegt würde. Lehrkräfte hört man nicht an, noch heute gelten sie als Ferientechniker mit Hang zu Eigenbrötlerei. Höchstens der Form halber wird ihre Einschätzung öffentlich eingeholt, obgleich die politischen Entscheide zumeist in die eine oder andere Richtung schon gefällt sind. Lehrkräfte überblickten eigentlich die Situation im Schulzimmer, gleichsam an der Front, wo alles zusammenkommt, der systemische Irrgarten, in dem sie sich hektisch bewegen, diese raffinierte, aufwändige Bürokratie, die sie atemlos hält.
Systemisches Denken verführt auch dazu, dass man das gesellschaftliche Leben auf den kleinsten Inch hin erfasst und durchreguliert. Das lässt sich an den Kompetenzen im Lehrplan 21 ablesen, denn die meisten enthalten Aufzählungen: Die Kinder sollen dies und das dort so und so beherrschen, hier aber so und so, und wiederum dort und dort so und so. Hätte nie gedacht, dass ich einmal einen solch stupiden Satz von mir gebe. Liest man diese sprachlich hässlichen Texte von diesem Blickpunkt aus, wird eine Hektik spürbar, vielleicht eine Verpflichtung, vielleicht eine Art Sorge, dass ja sämtliche Belange eines Gegenstandsbereich in der jeweiligen Kompetenz erfasst sind.
Vielleicht wird man sich in naher Zukunft über dieses systemische Misstrauen wundern.
Als läge alles in unserer Hand.

