Ayan Rand predigt den Egoismus. Ihre bekennende Gefolgschaft spottet über Empathie. Diese Leute haben sich bis in Präsidentenämter erpressbar gemacht dank Honigfallen, in die sie auf ihren pervers egoistischen Ausschweifungen getappt sind. Nun stiften sie weltweit Unfrieden. Als blosses Werkzeug. Auf Befehl.
Ayan Rand geniesst in Übersee Kultstatus. Die gebürtige Russin hat schlicht zu viel an Kommunismus abbekommen. Bei dieser Extremform einer Gesellschaft lässt sich immerhin sagen, dass auch dort keineswegs Empathie für das Menschenleben im Spiel ist. Geführt von diesem erlittenen Extrem sucht die Autorin fast natürlicherweise Erlösung in der libertären Überzeugung als blosses Gegenextrem. Altruismus nach Vorschrift wie im Kommunismus wird zu einem sanktionierten Laissez-Faire des menschlichen Egoismus. Einerlei, wie die Gesellschaft gestrickt ist, ob sie Umverteilung oder Privatbesitz über alles oder den Glauben an Gott oder an die Wissenschaft in ihre Mitte stellt, ein Blick in die Geschichte zeigt, dass eine Extremform früher oder später vom Mittelfeld einer Gesellschaft weichgespült und einverleibt wird.
Verzicht auf persönliche Entfaltung zugunsten der Gruppe prägt die Menschheit seit je. Ein unverhohlener Aufruf zu mehr Egoismus oder überhaupt zu Egoismus dürfte bis dato unbekannt gewesen sein. Empathie ist für jede Gruppe unverzichtbar. Will ich, dass es mir gut geht, muss ich prüfen, ob es dem Nachbarn gutgeht. Verzicht bis zu einem gewissen Grad an Selbstentfaltung hat die soziale Marktwirtschaft eingerichtet gehabt, doch die Liberalisierung hat diese Vorzüge erledigt, als wollten die Reichen nach einem Jahrhundert der Umverteilung infolge zweier Weltkriege endlich nach ihrem Gusto schalten und walten. Verständlich also, wenn Ayan Rand vom einen Extrem ins andere fällt, um ihre Sache bestmöglich auszugleichen. Das passiert laufend in der Geschichte. Ihre Anhänger, die heute zum Verkommensten gehören, was die westliche Kultur noch zu bieten hat, gehen schlüssig aus der nordamerikanischen Siedlerkultur hervor, wo man im Gegensatz zu den Spaniern im Süden jede Berührung zu Indigenen als teuflisch mied. Unter ihnen waren Gebete üblich, sinngemäss wie folgt:
«Lass mich ein guter Mensch bleiben. Aber sorge dafür, dass ich im richtigen Moment ohne Skrupel bin.»
Folglich baten sie um punktuelle Empathielosigkeit. Punktuell gegen Bären, gegen Indigene, gegen mühsame Nachbarn, Migranten wie sie, aber aus einem anderen Land stammend, von dem wenig bis gar nichts gehalten wurde. Nicht schon wieder Schweizer, sollen New Yorker gegen Ende des 19. Jahrhunderts ausgerufen haben, als ein weiteres Schiff anlegte. Sie gründeten Neu Glarus, Neu Bern oder Helvetia in West Virginia. Der Siedler wünscht Empathielosigkeit zugunsten seiner Familie, versteht sich. Dann gilt die Kehle aufzuschlitzen als mindeste Pflicht. Einfühlungsvermögen ist da fehl am Platz. Man führe sich einen Krieger vor Augen, der mitten im Gemetzel von Empathie gegenüber dem Feind eingeholt wird. Solche Rührseligkeit ist allenfalls engsten Gruppenmitgliedern vorbehalten.
Wenn allerdings Elon Musk von Empathie als Schwäche spricht, wünscht er eine andere Form von Empathielosigkeit. Statt Aggression gegen den äusseren Feind meint er Ignoranz gegen Schwächere. Liberale und Libertäre, zumeist Anhänger der Ayan Rand, stossen sich an der Rücksichtnahme auf schlechtergestellte Mitglieder der Gruppe, die Unterstützungsgelder aus Töpfen abzieht, die man lieber für eine transhumane Zukunft eingesetzt sähe oder was immer dieser Elite so vorschwebt. Weiter betrifft diese Empathielosigkeit, die Musk meint, Völker mit verarmten Menschenmassen. Die Frage, was mit ihnen anzustellen sei, da sie unter anderem das Klima belasten, lässt sich auch in den Epstein-Papieren nachlesen.
Diese Menschenmassen stehen dem Egoismus einer schwerreichen Elite im Weg.
Empathie bedeutet, dass ich die Belange eines fremden Lebens wahrnehme, auch wenn ich sie selber nicht spüre. Ein Zeichen von Intelligenz also. Alle bringen genügend Leidenserfahrung mit, um eine fremde Not hochzurechnen. Wer Einsamkeit kennt, vollzieht sie bei anderen nach, ebenso, wer ein Jahr ans Bett gefesselt und daher auf Pflege angewiesen war. Aus der Antike ist ein Konzept des menschlichen Lebens überliefert, dass hilft, Empathie deutlicher zu fassen. Eine Lebensform, heisst es da, verfügt über eine Einbezugskraft, dank der sie Belange der Umwelt begreift, sowie über eine Kraft zum Ausdruck, wenn sie das Erkannte in ihr Verhalten einbezieht. Menschliches Leben scheint diese Ränge quantitativ anzuführen. Dabei besteht folgende Formel:
Je mehr eine Lebensform einbezieht, desto mehr bringt sie zum Ausdruck. Erfahrungsgemäss bedeutet das aber auch, dass eine solche Lebensform in ihrem Aufwachsen umso mehr auf Betreuung angewiesen ist.
Durch andere. Durch die Gruppe.
Jede Zuwendung, die jemand bekommt, um gesund aufzuwachsen, bedeutet Altruismus durch andere. Wer nun der Ayan Rand anhängt, muss immerhin diese Betreuung verdanken und alles, was sie von der Gruppe erhalten hat, um sich überhaupt verständlich zu machen. Ausserdem gilt die Einsicht, dass nach diesem antiken Konzept die Ablehnung des Altruismus streng genommen auf verminderte Intelligenz schliessen lässt.
Denn wer die Belange anderer missachtet, bezieht weniger von seiner Umwelt mit ein und bringt dadurch weniger zum Ausdruck.
Ein kultureller Rückschritt also.
Ayan Rand beschwört die Vernunft, die Ratio, als Richtschnur korrekten Tuns, was für sich genommen nichts Besonderes bedeutet. Einmal mehr unser Verstand, dieses jüngste, zarte Gewächs einer Evolution, die aus urzeitlichem Geschiebe wirkt. Auch Inder beschwören die Silbe „Ohm“, da sie den Kopfbereich öffnet, aber gewiss nicht den verhockten Steiss. Ich sehe nicht, wie Vernunft zwangsläufig dazu führt, dass man den Egoismus befürworten muss. Das Gegenteil trifft eher zu, scheint mir. Kant zum Beispiel erwartet immerhin von uns allen eine gewisse Empathie in die Gesamtgesellschaft, der wir unser Überleben verdanken, indem wir uns ihrer Themen, die alle betreffen, als persönlicher Sache annehmen.
Aber diese Verhältnisse waren Ayan Rand zu ihrer Zeit wohl schon verkorkst genug, von zu viel Ideologie verzerrt und verfärbt.
Also musste ein Gegenextrem her, das diese neue Unübersichtlichkeit einfach überschrie: Eben die bis dato empörende Lehre vom Egoismus.

