In der Regel reden wir über Menschenmassen wie über Zombies. Diese gnadenlose Geringschätzung wirkt in politischen Gremien fatal, wenn sie verhandeln, wie mit Massenmenschen umzugehen ist. Wie wäre es, wenn wir Menschenmassen stattdessen als Schwarm ansprächen? Für Philanthropen klingt das immer noch voller Geringschätzung. Man fragt sich, warum genau. Immerhin ist in der Wissenschaft von Schwarmintelligenz die Rede.
Mein Vater grummelte öfter als oft, neunzig Prozent der Menschheit seien blöde. Und das nervte mich durchs Band. Meine pubertäre Aufregung legte sich erst, als mir klarwurde, dass mein Vater mit diesen Gegrummle mehr von sich selbst preisgab, als über den Gegenstand seines wohlerwogenen Urteils.
Ich denke, wir sind sogar gezwungen Menschenmassen und uns selbst darin als Herden zu sehen oder eben als Schwärme.
Um das Argument darzulegen, das diese Überzeugung stützt, muss ich weiter ausholen: In der Biologie unterscheidet der Umstand, ob eine Pflanze oder ein Tier domestiziert ist, über Verhalten und angezüchtete Beschaffenheit der Lebensform im Gegensatz zu ihren so genannt wilden Varianten. Domestizierung umfasst also Zucht und Zähmung zur Nutzung oder blossen Kohabitation. Nicht nur Menschen domestizieren andere Lebensformen, auch Blattschneideameisen halten Läuse, sie tragen sie sogar zu Stellen hin, an denen die Tierchen sich behaglich fühlen. So lassen sie sich ertragreicher melken. Domestikation bedeutet somit ein zweiwertiges Verhältnis, vergleichbar mit Täter und Opfer, das jedoch Gattungsunterschiede überschreitet. Demnach gehört die Lebensform, die domestiziert, einer anderen Gattung an als jene, die von ihr domestiziert wird. Sie isoliert sie genetisch von wilden Formen ihrer Art.
Was uns Menschen angeht, so wurden wir noch nie von einer Lebensform domestiziert, die einer anderen Gattung angehört.
Immerhin liegt auf der Hand, dass Menschen Techniken der Domestikation ebenso auf
Angehörige ihrer Art und Gattung anwenden, etwa bei Sklavenhaltung. Was den Rest angeht, unser zivilisiertes Benehmen, das laut Norbert Elias aus einem jahrhundertewährenden Prozess hervorgegangen sein soll, so ist dabei leichterhand von Selbstdomestikation die Rede. Man ist rasch geneigt, diese Bestimmung zu teilen, schliesslich empfinden die meisten Menschen ihre Art der gesamten Natur für enthoben, heute eher als Katastrophe, denn als verantwortliche Krone der Schöpfung wie ehemals. Selbstdomestikation jedoch widerspricht der begrifflichen Bestimmung von Domestikation, die einen gattungsfremden Akteuren voraussetzt. Menschliches Leben mag Lebensformen züchten und zähmen.
Streng genommen ist es dabei selber wild geblieben.
Jedenfalls hat kein gattungsfremder Akteur uns domestiziert. Im Bereich Fantasy gibt es zumindest die Annahme, Ausserirdische hätten uns geformt und geprägt. Die These von der Selbstdomestikation als Zivilisationsprozess wird umfangreich widerlegt durch den Kulturanthropologen Hans Peter Duerr. Scham zum Beispiel zeigt sich auch unter Eingeborenen, sie ist keine zivilisatorische Errungenschaft. Ebenso der Umgang mit Intimität, mit Nacktheit, mit Gewalt und Obszönität, dieser verhält sich unter so genannt Zivilisierten seit je genau gleich wie unter angeblich Wilden.
Biologisch gesehen sind wir bei aller Zivilisiertheit noch heute undomestizierte Wilde, so widersinnig das klingen mag.
Im Einzelfall lehnen wir das ab, bekommen wir es jedoch mit Menschenmassen zu tun, sind wir augenblicklich bereit, ihnen wildes Verhalten zu attestieren. Die biologische Wildheit, in der wir tatsächlich leben, also undomestiziert von einer gattungsfremden Art, legt jedoch nahe, die Zivilisiertheit unter uns anders zu bewerten.
Zum Beispiel als Schwarmintelligenz.
Der Triebverzicht, der wesentlich zur Zivilisiertheit gezählt wird, lässt sich auch in Herden beobachten, nicht nur bei Muttertieren. Rangniedere Tiere unterlassen Fortpflanzung, der harten Strafen wegen wie Verbannung aus der Gruppe. Der einzelne Phänotyp ordnet sich auch in der Natur seiner Herde unter, passt sich ein in den Schwarm.
Der Physiker Gerd Gantheför sieht im menschlichen Verhalten überall Herdenverhalten bestätigt. Menschen lässt sich somit haufenweise Herdenintelligenz zuschreiben. Wie ungern wir das hören! Dabei sind die Verhaltensweisen in Herden oder Schwärmen als rational zu qualifizieren.
Ihre Ökonomie bringt jeweils ein Optimum hervor, das allen Beteiligten zukommt.
Als nichts von dumpfblöder Gleichschaltung, von feiger Drückebergerei. Das schwierige Verhältnis zwischen Nähe und Abstand charakterisiert das Verhalten in Herden, sicher aber in Schwärmen. Dieses Problem treibt auch uns Menschen um. Wir benötigen Nähe zueinander, da wir noch heute als Gruppe überleben, aber auch dringend Abstand voneinander, da Menschen, sobald ihr Lebensraum enger wird, sich gegenseitig erniedrigen, als verschafften sie sich eine Art Lufthoheit in dichter Bedrängnis. Überdies geht es bei uns Menschen wesentlich um kulturelle Evolution. Das instinktive Gruppenverhalten nimmt vielfältige Züge an: Nationen, Ethnien, Identitäten, Ideologien, religiöse wie weltliche, sie alle fixieren eine mittlere Normalität, genau wie im Knäuelpunkt eines Schwarms, ein normales Verhalten, das sich eigentlich mühelos als Schwarmverhalten, als Herdenbenehmen ausmachen lässt.
Politikern ist zu empfehlen, dass sie Menschenmassen als intelligent voraussetzen. Ihnen sei dazu ein abschliessendes Argument ans Herz gelegt, das zwar auch meinen Vater ungerührt liess. Denn selbst ein Gandhi, eine Marie Curie, ein Lady Di, ein Einstein, ein Konfuzius oder welche Person auch immer sich als unverzichtbar Kulturschaffende finden lässt, sie alle sind aus Menschenmassen hervorgegangen.
Wie denn sonst?

