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Mindhunter

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Leider wird es keine dritte Staffel zu «Mindhunter» geben. Jede Episode war ein Leckerbissen nach der Rezeptur eines David Fincher. Gleichwohl ist aus meiner Sicht das Wichtigste gesagt, auch wurde die Manson Karte bereits gespielt.

Wie es in der Psyche eines Serienmörders aussieht, weiss nur die Person selbst. Erst wurde in diesen Menschen der Leibhaftige selbst vermutet, der mit allen Mitteln zu bekämpfen ist. Von Thomas Mann, glaube ich, stammt der Ausdruck Kernbösewicht. Eine christlich romantische Verirrung, wie mir scheint, der mit Wissenschaft durchaus beizukommen wäre. Mit diesen Tätern zu reden, sie allenfalls zu berühren, galt für brandgefährlich, hingegen stand zu Gebot, sie wegzusperren, sie im besten Fall auf dem elektrischen Stuhl zu rösten. Gewiss, ihre Verbrechen sind abscheulich. Dennoch hat eine Wissensgesellschaft, sofern sie ihrem eigenen Anspruch gerecht werden will, auch hier genauer hinzusehen.

In der Serie «Mindhunter» erleben wir den Wechsel von der biblischen Sichtweise gegenüber sequenziellen Triebtätern zu einer wissenschaftlichen, die auf direkter Befragung von solchen Monstern beruht, die bereits einsitzen. Statt das Böse schlechthin dingfest zu machen, suchen die Ermittler neuerdings Stressoren, damit verstanden wird, ob und wie stark die Täter selbst unter Druck geraten sind. Dieser Kulturwechsel, der sich auch in anderen Bereichen der Gesellschaft beobachten lässt, verläuft nicht ohne Konflikt, nicht ohne persönliche Prägung des jungen Agenten Ford alias John E. Douglas, bei der ich mir gewünschte hätte, seine innere Logik würde sich im Verlaufe weiterer Staffeln derjenigen seiner Triebtäter angleichen. Auf jeden Fall ist er es, der zum ersten Mal von sich persönlich erzählt und so das Monster zum Sprechen bringt, da es sich wertgeschätzt fühlt.

Bei diesen Befragungen erfahren wir, dass bei manchen Tätern auch Scham eine Rolle spielt. Diese Kenntnis hilft bei der Ermittlung eines aktuellen Falles. Die Leitfrage dreht sich darum, ob diese Verbrecher so zur Welt kommen, was der herkömmlichen Sichtweise entspricht, oder ob sie von ihrer Umwelt dazu geprägt werden. Für uns Heutige versteht es sich von selbst, dass die Kindheit des Täters eine wesentliche Rolle spielt. Zur Zeit der Serie, frühe Siebziger Jahre, war das keineswegs der Fall.

Wie vermutet erlebte ich von Episode zu Episode mit, wie das, was die Verbrecher preisgeben, das Privatleben der Agenten allmählich verunsichert. Wie im Alltag, so auch bei diesen Serienmorden wird nach dem Warum gefragt, nach dem Motiv für ein besonderes Verhalten. Agent Ford und seine Freundin entfremden sich zeitweise voneinander. Einmal kehrt er nach langer Abwesenheit zu ihr zurück, sie trinkt Wein auf der Veranda, hat aber für ihn kein Glas bereitgestellt, obgleich sein Kommen angekündigt war. Er schliesst daraus, sie sei im Begriff mit ihm Schluss zu machen. Die Freundin fragt zurück: Tue ich das?

Offensichtlich weiss sie es selbst nicht.

Wendy Carr, eine enge Beraterin der Agenten gesteht ihrer heimlichen Geliebten, sie hätte sich schon immer für extreme Charaktere interessiert. Bestimmt wird sie sich früher oder später nach dem Grund dieses besonderen Interesses fragen und sich wohl damit abfinden, dass sie es nicht weiss. Der Pflegesohn des Agenten Bill Tench verhält sich anormal, er schweigt sich aus, das Elternpaar fragt sich vergeblich, was in ihm vorgeht. Sie wissen es nicht.

Dieser beinah sprachlose Moment, etwas nicht letztgültig begründen zu können, durchzieht die gesamte Serie.

Ein harmloses Beispiel wird genannt. Betritt jemand einen Fahrstuhl voller Passanten und bleibt so stehen, dass er die Tür im Rücken behält und zur Hinterwand blickt, werden die Leute unruhig, aber sie wissen nicht, warum. Das Grauen regt sich immer dann, wenn dem jeweiligen Verbrecher die Frage gestellt wird, warum er dieses Kind zu Tode gequält, jene Frau auf einmal erschossen oder erstochen hat. Meist erfolgen dann trotzige Antworten, die höchstens dazu taugen, die eigene Monstrosität sogar zu unterstreichen. Etwa wenn sie dann klarstellen, das Opfer sei halt zu laut gewesen, oder es hätte einfach einen schlechten Tag gehabt. Oder sie suchen Schutz im Wahnsinn und geben zu Protokoll, sie hätten den Befehl dazu von einem Hund erhalten.

So gesehen wird die beiläufige Unterhaltung aufschlussreich, bei der ein Delinquent die Frage stellt, warum man Büchsen zerdrücke, wenn sie leer getrunken seien. Die eigene Antwort lautet: Weil es sich gut anfühle.

Der Triebtäter Edmund Kemper gibt bereitwillig Auskunft, obwohl auch er die Antwort zur Frage nach dem Motiv verschleiert. Agent Holden Ford, voller Zweifel am eigenen Vorgehen, an seinem Leben überhaupt, besucht ihn ausserplanmässig im Gefängniskrankenhaus. Kemper fragt ihn schliesslich, was er hier genau mache. Ford antwortet: «Ich weiss es nicht.» Der massige Hüne Kemper umarmt ihn daraufhin und meint: «Sehen Sie, das ist die Wahrheit.»

Daraufhin wird Ford derart von einer Angstattacke gepackt, dass man ihn gurten muss. Ich nehme an, diese Reaktion beruht darauf, dass er diese tiefe Gemeinsamkeit zwischen sich und dem Serienkiller erkannt hat. Wir müssen davon ausgehen, dass diese Mörder selbst nicht wissen, warum sie sich so verhalten. Kein Motiv, sondern Leere.

Diesen Einblick schliesse ich mit dem Hinweis auf Durkheim, der in der Serie zur Sprache kommt und meines Erachtens den genau richtigen Blickpunkt auf Devianz empfiehlt. Denn nach Durkheim kommt es deshalb zur Abweichung von der Norm, sobald etwas in der Gesellschaft falsch läuft.

Kriminalität ist demnach als Antwort auf gesellschaftliche Fehler zu verstehen.

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