Ist von Faschismus die Rede, sehen wir sofort grimmige Schwergewichte à la Duce. Oder wir hören das rhetorische Geschrei eines Hitler, der mit zugespitzter Ausdrucksweise bloss seine Mundart vertuschte. Beides lenkt davon ab, was Faschismus wirklich bedeutet.
Letzthin sah ich eines dieser Reals auf Insta, die meinen Alltag würzen, wie eine Passantin am Rande einer Kundgebung sich g
egen Angreifer zur Wehr setzt, die im Begriff stehen, sie einzukreisen. Die Frau zückt kreischend einen Pfefferspray und versprüht den ätzenden Stoff, indem sie blindwütig in alle Richtungen wedelt, als wäre sie in eine Wolke tollwütiger Moskitos geraten. Das Ganze sieht sehr unförmig, sehr peinlich aus. Immerhin behält sie so die Leute auf Abstand, die sie für gefährlich wahrnimmt. Der Rundumschlag wirkt beschämend. Dabei stellt er ein rationales Verhalten dar, das sich an dem Umstand bemisst, dass eine Gefahr zeitgleich aus verschiedenen Richtungen die Person oder die Gruppe bedrängt. Wer ungeschult ist, sich zu verteidigen, schlägt bald wild um sich.
Mir scheint, diese Situation klärt besser darüber auf, was Faschismus bedeutet, als die Überzeugung, grimmige Böslinge würden aus einem teuflischen Freiraum heraus die Vielfalt knechten, die sie stört. Freilich gibt es solche Typen, aber ob sie tatsächlich aus einem Freiraum vorgehen, ist damit keineswegs ausgemacht. Die Symbolik von der Spraydose folgt ohnehin einer anderen Logik: Es ist nicht Hitler und sonstige Faschos, die zur Spraydose greifen.
Sie sind die Spraydose.
Faschos, die sich hämisch die Hände reiben, kommen in Comics vor oder in unterhaltsamen Filmproduktionen. In Wirklichkeit sieht das anders aus. Viele sähen Hitler am liebsten gehörnt als das Böse schlechthin. Dabei muss man sich ihn als ängstlichen Menschen vorstellen, der ein karges Leben führt. Von Himmler ist überliefert, dass er bei einer Erschiessung anlässlich Barbarossa Gehirnspritzer auf seine Uniform abbekam, er soll versucht haben, das Ungemach hektisch wegzuwischen, kreidebleich, unförmig, übernervös. Eindeutig ein Mensch, kein Dämon. Genau wie die Frau in dem Reel. So verhält sich kein Fascho, meinen wir. Offensichtlich doch.
Diese Hektik scheint mir ein entscheidendes Merkmal für Faschismus, ebenso das Gefühl, dass man eingekreist wird. Faschismus ist die Antwort auf eine Todesangst, der gegenüber wir uns blind stellen, da die Gewalt, die der Faschismus ausübt, es verbietet, genauer hinzusehen. Für viele ist es ausgeschlossen, den Nationalsozialismus in seinem Selbstverständnis auch als Verteidigung zu lesen. Man studiere «Das Schlangenei» von Ingmar Bergman. Das Leben in Deutschland wurde damals von ausländischen Minderheiten zum Schlechten wie zum Guten bestimmt, ohne dass Einzelne vor Ort hätten darauf Einfluss nehmen können: Schuldspruch Versailles, Reparation, Inflation, diktierte Staatsverfassung voller Widersprüche, Hochkonjunktur, Depression. Über ein Jahrzehnt Todespanik und Ohnmachtsgefühle. Wer Menschen Subsidiarität verweigert, braucht sich nicht zu wundern, wenn sie extremistisch werden. Im Übrigen erfahren wir vonseiten der Neurobiologie, dass kein gewalttätiger Übergriff geschieht, ohne dass dabei neuronale Muster feuern, die auch bei Selbstverteidigung aktiv sind.
Ich behaupte, es gibt keinen Faschismus ohne die Panik Einflussreicher, die ihn um sich herum organisieren.
Jede Diktatur beginnt mit dem Wunsch einer Mehrheit, es möge jemand die Sache endlich und endgültig in die Finger nehmen, ohne Wenn und Aber. Daher ohne Demokratie, daher ohne Parlamentarismus und vor allem ohne Gerichte. Der Potentat beschmutzt sich die Hände für die Gesamtgruppe, also wird er mit Sonderrechten verwöhnt. Man könnte auch sagen, er werde so gefügig gemacht. Für seine schmutzige Aufgabe eignen sich sachlicherweise keine Personen mit Einfühlungsvermögen, sondern Narzissten oder Soziopathen, die ohne Skrupel vorgehen und dabei feinsinnige Unterschiede vorsätzlich missachten. Die Kultivierten bleiben im Hintergrund, gehören allerdings genauso zur faschistischen Ordnung. Sie bestimmen sie mit, vergleichbar mit einem weichen Kern in harter Schale. Sie schieben Wüstlinge nach vorn, wie gerade jetzt wieder weltweit. Hemdsärmelige Typen bevölkern erneut das politische Parkett, als nützliches Mittel von einer stummen, unsichtbaren, kultivierten Mehrheit nach vorn gehudelt, die Faschismus zu benötigen meint, jedoch die Samthandschuhe anbehält.
Wenn man den Faschismus bekämpft, eine Notwendigkeit schlechthin, ist zu bedenken, dass er schon längst auf einen Aussendruck Antwort gibt, der das Daseinsrecht der Gruppe insgesamt in Frage stellt. Keine Hierarchie, keine Autokratie ohne Druck von aussen.
Erhöst du den Druck, verschärfst du den Faschismus.
Weiter ist zu bedenken, dass sich hinter dem grimmigen Schild einer faschistischen Ordnung Menschen scharen, die schwach sind, verängstigt, panisch, sie fühlen sich herabgewürdigt, entrechtet. Sie haben Schwüre geleistet, an Sterbebetten ihrer Vorfahren, ihr Leiden, ijre Entwürdigung zu beenden. Aber wie?
In der heutigen planetarischen Enge, wo sich verfeindete Ordnungen ins Gehege kommen, stellt sich die eigentliche politische Frage, nicht wie wir vor der Welt sicher sind, sondern wie wir es schaffen, dass sie sich von uns nicht bedroht fühlt.

