Es gibt Menschen, die haben ein Leben lang mit traumatischen Erfahrungen zu tun. Ihr Leid hängt auch davon ab, welches Ich-Ideal sie glauben erfüllen zu müssen. Nun gibt es verschiedene Modelle, wie man sich ein persönliches Ich vorzustellen hat. Streng genommen stehen diese uns heute zur Wahl. Gewisse Vorstellungen von Ich belasten das Leiden zusätzlich, andere wirken lindernd.
Mir scheint, wir hängen gerne noch an der romantischen Auslegung eines menschlichen Ich. Wie so oft ein platonisches Erbgut, das uns Abendländern anhaftet. Dabei wird ein heiliger Kern in seelischer Tiefe vermutet, vorzugsweise eine Art blauer Blume oder Ähnliches. Traumatisierte Menschen bemühen sich, zu diesem Kern vorzustossen, ihn freizubekommen unter Schichten langjähriger Drangsal. Bricht ihre Verwundung immer wieder frisch auf, holt sie das Trauma abermals ein, so drängt sich ihnen die Überzeugung auf, ihr Ich sei im Kern etwas Dämonisches. Solche Menschen halten sich gerne für verflucht. Und auf die traumatische Wunde türmt sich Selbsthass. Die romantische Ich-Vorstellung hat den beträchtlichen Nachteil, dass es sich leicht in ein Gruselkabinett verkehrt.
Im Vergleich dazu wirkt die moderne Ich-Vorstellung regelrecht befreiend, auf den ersten Blick zumindest. Man braucht sein Ich bloss richtig zu trainieren, wie einen Muskel. So wechseln Traumatisierte von Therapie zu Workshops, von Selbsthilfegruppen zu Ratgebern, sie nehmen wissenschaftliche wie esoterische Zuwendung in Anspruch. Und immer heisst es: Du brauchst nur das und das zu tun. Die Selbstgewissheit von Coaches jeglicher Orientierung, dass ihr Rezept in allen Fällen aufgehen wird, ist schon bemerkenswert. Noch selten habe ich Menschen getroffen, die derart überzeugt und begeistert in die Zukunft zu blicken meinen wie Ratgeber. Nun gibt es aber Traumen, die Übermenschliches erfordern, um verarbeitet zu werden. Jede Lebensform hat ihren Zerreisspunkt, hat ihre begrenzte Belastbarkeit. Es gibt Störungen, die ein Leben derart zerschneiden, dass Betroffene nur so alltäglich überleben, indem sie ihre Persönlichkeit aufteilen. Wie ein Baum, der gespalten wächst. Das schlimme Trauma hat dann jemand anders erlebt. Gewisse traumatische Erfahrungen sind ins Leben eingeschrieben, wie man sagt, sie lassen sich keinesfalls einfach so wegtrainieren. Betroffene scheitern immer wieder daran. Auch ihnen ist Selbsthass sicher.
Das Ich schliesslich, das in Form einer Triebhydraulik zwischen Lust und Pflicht die Balance hält, wie es Freud uns vermittelt hat, mag therapeutisch raschen Nutzen abwerfen, es bedeutet permanenten Stress. Scheitern reiht sich an Scheitern.
Da empfiehlt sich eher ein biologisches Modell von Ich, das zum romantischen in deutlichem Gegensatz steht. Nämlich das Ich als eine Rinde, das gewisse Dinge in sich einlässt, andere draussen behält. Eine halbdurchlässige Membran, deren Furchen und Kerben mit ihr zu Mulden auswachsen. Das Bild verlangt, dass das Trauma mitwächst, dass es vernarbt und verschorft und somit ausdünnt in seiner Verwundung. Demnach gehört es mit zum Leben, sodass der Stress, bei seiner Überwindung zu scheitern, gar nicht erst anhebt. Beschädigte Menschen machen mir Eindruck, wie Gewächse, die frühe Verwundung erlitten oder an schlechten Standorten wachsen und dennoch völlig verknorzt und krüppelig ihr Leben meistern. Das krumme Holz schlechthin, von dem Kant sprach.
Es lebt!
Und seine Anpassung unter diesen Bedingungen ist schlichtweg beeindruckend.

