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Wo man sich grüsst

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An gewissen Orten grüssen sich alle, an anderen keiner. Und zwar konsequent. In beiden Fällen gibt es keine Anweisung dazu. Wo man sich grüsst, unterliegt einer Art Selbstorganisation. Der Unterschied und seine Gründe dürften interessant sein.

In Deutschland grüsst man sich allenfalls auf Wanderwegen. Auch in Dörfern, soweit meine Erfahrung, gehen Unbekannte aneinander vorbei, ohne dass sie Notiz voneinander nehmen. Das darf man auf keinen Fall als Überheblichkeit missverstehen. Deutsche erweisen sich Respekt, wenn sie sich bewusst übersehen. Dabei gilt die Einsicht, dass wir alle in unserem Leben stehen und täglich Ansprüche abarbeiten. Solange kein Notfall drängt, geniessen alle das Recht, dass man sie in Ruhe lässt. Wenn ich ehrlich bin, geniesse ich diesen Vorzug, wenn ich in Deutschland herumschleiche. Auf dem Rollfeld des Tempelhofer Flughafens hingegen kam es zumindest zu einem Blickkontakt. Jemand nickte mir sogar zu.

In der Schweiz wird auch in Städten nicht gegrüsst. Es wäre klarerweise eine Überforderung aller. Wie in Städten ohnehin. Hingegen in Dörfern und in Wohnquartieren mittelgrosser Orte wie zum Beispiel in Kreuzlingen, das ich gut kenne, wird selbstverständlich gegrüsst, besonders dann, wenn die Wege aus einer Stadt auf Felder hinausführen. In der Stadtmitte wird auch in Kreuzlingen nicht gegrüsst. Vor Jahren jedoch, als seltene Schneemassen die Strassen zudeckten, schabten die Pflüge auf den Gehsteigen bloss eine enge Schneise aus, sodass sich die Passanten beim Kreuzen sehr nahe kamen. An manchen Stellen gab man sich sogar den Vortritt.

Unter diesen Umständen grüssten sich ausnahmslos alle. Selbst in der Stadtmitte.

Aber nur so lange Schnee lag, nur solange das Engnis beim Kreuzen bestand. Auch in der Gotthard-Festung Sasso war unter den Besuchern in den ausladenden Cavernen kein Gruss zu hören, sehr wohl aber, wenn wir in den engen Tunnels zu den Geschützen aneinander vorbeikamen. Komme ich nachts in Städten an einer Passantin vorbei, grüsse ich sie in jedem Fall unaufgeregt, damit sie versteht, dass ich ihr nichts Böses will. Daher setze ich meine Schritte im genau gleichen Tempo fort.

Das ergäbe eine handliche These: Wir grüssen uns, je mehr Wildnis, sprich je weniger soziale Kontrolle uns während der Begegnung umgibt.

Abgesehen in Schweizer Dörfern und in Wohnquartieren. Da fragt man sich schon, was Wildfremde dort zu suchen haben. Also unternimmt man eine Stichprobe, einen Freundlichkeitstest. Grüssen sie oder nicht?

Grüssen versteht sich dort auch als soziale Kontrolle.

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