Noch heute herrscht wenig Freude, wenn die so genannte Zahnfee ins Klassenzimmer kommt. Und immer liegt es an der Spezialpaste, die sie mitbringt. Es gibt keine Vorschrift, ob die Lehrkraft an dieser Übung teilnimmt. Meistens nutzt sie die Zeit für Arbeit am Schreibtisch. Dabei bestände hier die Chance, einem pädagogischen Grundsatz nachzukommen, der auch sonst sehr bedeutsam ist.
Seit Corona hält die Fachfrau für schulische Zahnhygiene im Anschluss an die Reinigung kleinere Vorträge. Putzen und Referat beanspruchen gut eine Lektion. Als Lehrkraft ist man leicht versucht, diese Zeit für sich zu nutzen. Gerne heisst es, wir sollten mit putzen, damit wir den Kindern ein gutes Vorbild seien. Komischerweise ist mir das nie in den Sinn gekommen, denn ich putze immer mit und höre den Ausführungen zu. Aber als was dann, wenn nicht als Vorbild?
Ganz einfach: Als Mensch.
Das klingt nach reformpädagogischer Gleichmacherei. Schliesslich bestehen erhebliche Unterschiede zu den Kindern, wie Mündigkeit, Lebenserfahrung sowie Verantwortung. Wer für seine Belange geradesteht, muss sie auch frei gestalten können. Nur so ist die persönliche Verantwortlichkeit vor dem Gesetz gewährleistet. Also liegt der Entscheid an uns, ob wir jetzt mit putzen. Je nach dem lassen wir auch sonst eine Runde Zahnhygiene aus, behelfen uns unter Umständen mit Kaugummi. Das ist Kindern untersagt. Einmal bemerkte ich im Unterricht, der eigentliche Unterschied zwischen Erwachsenen und Kindern bestehe darin, dass Erwachsene Menschen mit Verantwortung seien, Kinder aber Menschen ohne Verantwortung. Und zwar per Gesetz. Verantwortlichkeit verändere alles. Sie macht einen ernsthafter, stressanfälliger, weniger verspielt, weniger verträumt. Ansonsten gäbe es keine Unterschiede, fügte ich belustigt hinzu.
Wenn eine Lehrkraft zu den Kindern auf Augenhöhe geht, indem sie sich kumpelhaft anbiedert und mit putzt und sich betont ekelt wie sie und über die Paste schimpft, dann mag das die Kinder zunächst begeistern. Auf die Dauer aber verstimmt es sie, denn sie suchen Nähe zu einer Person, die genau die genannten Unterschiede täglich lebt. Kinder wissen genau, dass sie in dieser Welt, die für sie riesig ist und völlig unverständlich, irgendwann ganz auf sich allein gestellt sein werden. Da halten sie sich ungern an einen Kumpel, der gleich tut wie sie.
Die richtige Augenhöhe ist eine andere. Als mündige erwachsene Person betone ich das Gefälle zu den Kindern im Unterricht sowie überhaupt im Umgang mit ihnen, putze ich aber mit ihnen unaufgeregt die Zähne, dann zeige ich, dass ich ihnen punkto menschlicher Bedürftigkeit gleichgestellt bin: Anfälligkeit der Zähne, Anfälligkeit des geborenen Körpers ohnehin. Diese Liste an menschlicher Bedürftigkeit lässt sich ergänzen: Der Wunsch, gute Gefühle zu haben, Freude, Anerkennung bekommen, die Angst, einsam zu sein, von anderen ausgegrenzt.
Indem ich mit ihnen Zähne putze, erkennen sie die natürliche Gleichheit zwischen uns. Und das stärkt ihre Zuversicht, wenn auch eher unbewusst, dass sie den Weg als Mündige in diese Welt finden werden, wie es mir und anderen gelungen ist.

