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Parlament der Religionen

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Religionen verbinden Menschen miteinander. Über familiäre Klüngelei und Vetternwirtschaft hinaus. Im Vergleich zum Gruppenegoismus eines Stammes liegt darin ein Fortschritt. Aber leider gehen Religionen untereinander tunlichst keine Verbindung ein. Sie meiden sich wie Wurzelspitzen, die im Boden aneinander vorbeiwachsen. Nun aber, da die Bevölkerung auf diesem Planeten sich zusehends verdichtet, wirkt diese Abstandnahme wie fehl am Platz. Ihre Überwindung wäre politisch sehr von Nutzen. Religionen sollten ein Parlament bilden.

Trotz heftiger Widerstände besteht durchaus die Möglichkeit, dass auch Religionen über den blossen Anstrich einer Ökumene hinaus zueinander finden. Dazu wäre einige Vorarbeit zu leisten. Religionen bieten ein Regelwerk für das alltägliche Leben, das nur dann nützlich ist, wenn man es strikt befolgt. Und das gelingt nur, wenn es ausser Frage steht. Nun ist es aber der Fall, dass die Regeln uneinheitlich sind und sich mitunter widersprechen. Soll ich eine Regel strikt befolgen, gerate ich unter Druck, wenn andere sie für harmlos, für unbedeutend oder für verfehlt erachten. Zur Synthese dieser Widersprüche nimmt man wie immer von einer höheren Warte aus das Gemeinsame in den Blick. Die Religionen, die Würdenträger in dieses Parlament abordnen, ob gewählt oder ernannt, spielt keine Rolle, anerkennen also, dass sie alle strikte Regeln befolgen. Ihr Unterschied wird hier ebenso strikt hingenommen, keine Regel wird im Einzelnen debattiert. Jede Religion bietet theologische Rechtfertigungen auf, damit diese Regeln verbindlich gelten. Stellte man die Regeln im Einzelnen in Frage, mischte man sich in die jeweilige Theologie ein. Und genau das darf in diesem Parlament nicht passieren. Untersagt also wären theologische Debatten. Ob die Wiedergeburtslehre wirklich Sinn macht oder die göttliche Kindschaft Christi, bliebe hier unbesprochen. Auch Zeremonien fänden keine statt. Gebete, die das Programm flankierten, wären möglich, da dies bereits im Rahmen der Ökumene gepflegt wird, ohne dass es zu Konflikten kommt. Wie in jedem Parlament, so kommen auch hier rein politische Themen zur Sprache.

Religionen stimmen darin überein, was ein guter Mensch ist. Ein guter Mensch lügt nicht, hält Mass und so fort. Allgemein verzichtet er auf eigenen Vorteil zugunsten anderer. Das müsste als gemeinsame Grundlage genügen, um sich politisch zu verständigen. Aber auch die Gläubigen, die sie vertreten, teilen gemeinsame Eigenschaften, so genannte anthropologische Konstanten, die eine politische Verständigung unter Religionen ermöglichen. Dazu gibt es ganze Listen. Jedes Volk, jede Kultur kennt das Gastrecht, kennt Speisegesetze, liest die Sterne, richtet sich nach bestimmten Seelenkonzepten, beobachtet das Wetter, kennt sexuelle Gebote, betreibt Künste, Sport und Spiele und so fort.

Zwar geniessen Religionen nur mittelbar politische Macht. Eine direkte Einflussnahme steht ihnen nicht zu. Ihre Stimmen aber wirken über Empfehlungen auf Gläubige und Politiker. Auch jemand, der nicht an Gott glaubt, wird vielleicht nachdenklich, wenn der Papst die Bombardierung Gazas keinen Krieg nennt, sondern als Terror verurteilt. Der Besuch des damaligen Papstes in Polen zur Zeit der Solidarnosc hatte politische Verwerfungen zur Folge, die weltweit wirkten.

Oder man stelle sich vor, welche Wirkung es hätte, wenn religiöse Würdenträger am Zaun von Gaza erschienen und zusammen beteten.

Oder wenn dieses Parlament eine eigene Resolution mit empfehlender Wirkung ausgäbe.

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