Gerne wirft man anderen vor, sie seien blind betreffs einer bestimmten Angelegenheit. Sei dies Corona, das Klima, eine Schulreform oder die angebliche Überfremdung. Eigentlich wird damit bei anderen eine Beeinträchtigung festgestellt, ohne dass man Bedauern äussert oder Mitgefühl empfindet. Blindheit als Vorwurf ist sinnbildhaft gemeint. Unterstellt wird, die Person unternähme zu wenig gegen ihre Beschränkung, sie wehre sich störrisch dagegen. Das urteilt sich leicht, denn der Vorwurf selbst ist mit Blindheit geschlagen.
Während Corona zum Beispiel genoss Blindheit als Vorwurf eine regelrechte Blütezeit. Im gleichen Atemzug hiess es, die Leute würden nicht aufwachen wollen. Eine andere Metapher für die gleichen Situation. Das sind knackige Vorwürfe, wenn man bedenkt, dass wir alle den Anspruch haben, wir verhielten uns vernünftig und aufgeklärt. Also hellwach. Mit gestochen scharfem Blick auf die Belange des Lebens. Besser gesagt: Unseres Lebens. Und das ist mehr als genug.
Diesen Kritikern sollte auffallen, dass sich noch niemand von ihnen erwecken oder erleuchten liess. Niemand hob verblüfft den Kopf und nahm diesen Ruf aus der Wüste dankbar an. Im Gegenteil: Seine Botschaft beleidigt zutiefst. Man verschliesst sich noch mehr, anstatt sich zu öffnen. Zu Zeiten der Aufklärung hätte man diesen Kritikern erklärt: Euer Mittel verhindert ein mögliches Umdenken eher, anstatt es zu zünden. Warum beleidigt ihr Menschen, wenn ihr wollt, dass sie ihr Verhalten ändern?
Also verhält ihr euch irrational.
Dieser Einwand wird immerhin in der so genannten Kriegskunst schon längst berücksichtigt. Militärische Massnahmen sollen durchwegs dazu dienen, dass sie das Staatswesen schützen, von dem sie ausgehen. Sonst sind sie irrational. Dieser Grundsatz hat sogar verhindert, dass Atombomben bisher grossflächig eingesetzt wurden. Denn der Angreifer würde ebenso grossflächig eingeäschert, und zwar genau dann, sobald er den roten Knopf drückt. Wenn schon Betonköpfe der Armee auf oberster Ebene diesen anspruchsvollen Grundsatz befolgen, warum nicht wir harmlosen Alltagsmenschen? Mag sein, dass diese Kritiker, von denen ich rede, eine Verhaltensänderung gar nicht bezwecken. Viel lieber sonnen sie sich wie knorrige Propheten in einer allgemeinen Ablehnung, die sie umso mehr darin bestätigt, richtig zu liegen. Folglich ist ihre Kritik für das Gemeinwohl völlig unnütz. Wie wäre es also, wenn wir diese Kritik soweit entschärften, dass sie annehmbar würde? Diplomatie ist noch lange keine Unterwerfung oder gar Prostitution.
Es wäre weit anständiger, finde ich, wenn man, anstatt Blindheit anzuprangern, danach fragen würde, ob jemand den Fokus seiner Sorge vielleicht anderswohin gerichtet hält, als man es zur Zeit für dringend erachtet. In der Klimadebatte wäre das ein immens wichtiges Vorgehen. Im Übrigen trifft sich dieses Anliegen wunderbar mit der Neuauflage von Jürgen Habermas` Abhandlung über die interessegeleitete Erkenntnis. Demnach sind Menschen keineswegs blind, sondern sie haben, wie ich bei Habermas vermute und erhoffe, einen anderen Bereich der Wirklichkeit im Brennpunkt ihrer Sorge. Spätestens hier klärt sich, wie das Urteil der Blindheit auf seine Kritiker zurückfällt. Sie erweisen sich nämlich als völlig befangen im Fokus ihrer Sorge. Wenn ich ihnen aber nun meinerseits Blindheit vorwerfe, begehe ich den gleichen Fehler. Konstruktivisten halten interessegeleitete Erkenntnis für subjektiv, also beinah für ungültig. Wahrheit werde erfunden, verkünden sie genauso kämpferisch und scheinbar zielsicher wie Prediger der Blindheit.
Sie übersehen, dass jedes Interesse, jede Sorge mit der Welt zu tun hat.
Und zwar mit der gleichen Welt.
Niemand erfindet sich ein Anliegen. Auch die Leute nicht, die andere für blind halten. Die Frage wäre dann die, wie ich es schaffe, dass sie ihren Fokus verlagern. Das braucht Fingerspitzengefühl, das braucht Respekt.
Aber die Gemüter schäumen. Auch dieses Klima erhitzt sich zunehmend, wie es scheint.

