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Wahlkrampf

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Nun wählen wir wieder. Kandidaten gibt`s genug. Gesichter landauf, landab. Sie garnieren ganze Plätze und Autostrassen. Als nach wie vor überzeugter Demokrat sollte mich das freuen.

Einmal zog ich aus, die Rückseite dieser plakatierten Gesichter für eine tiefschürfende politische Aussage abzulichten, denn ich glaubte naiverweise, sie leer vorzufinden. Die Serie dieser Fotos, die allesamt leere Plakate zeigen sollten, hätte dann «Wahlkrampf» geheissen. Die Rückseite jedoch präsentierte das gleiche Gesicht. Das leuchtet auch mir Idioten ein, denn nur so kommen Passanten ebenso der Gegenfahrbahn in den Genuss, sie zu sehen. Und das vermehrt den Pool möglicher Wähler immens, so die Meinung. Aber ich zumindest wähle keine Gesichter. Auch wähle ich keine markigen Wahlversprechen. Es sei denn, eine Kandidatin erklärt, sie setze sich für dies und das ein. Und dabei sollte es sich dann um etwas Realpolitisches handeln. Die politische Botschaft jedoch, die von allen Seiten in unterschiedlicher Färbung heranflutet, erinnert eher an Werbeslogans. Da treten die «Anpacker» auf und die «Macherinnen», gefolgt von den «Problemlösern» und den «Dynamischen».

Ein Aufmarsch zum Fürchten.

Das klingt so, als hätten sie freie Hand, sobald sie nur gewählt sind. Zum Glück ist das nicht der Fall. Wahlversprechen dienen lediglich dazu, dass man den Fuss in die Tür bekommt. Was darauf folgt, hat mit diesen Versprechen wenig bis nichts zu tun. Man vergleiche das Wahlprogramm eines Barack Obama mit den acht Jahren Realpolitik seiner Administration. Ohnehin sollte man die Versprechen erfolgreicher Kandidaturen mit den tagespolitischen Ergebnissen ihres Mandats in Vergleich setzen. Das gegenwärtige Konzert der Kandidaturen würde wohl angenehm abgedämpft.

Der Grundsatz der Checks and Balances, der die Gewaltenteilung sichert, nützt auch der politischen Lösungsfindung in Demokratien. In anderer Übersetzung wird mit Checks and Balances die Spannung gemeint, die zwischen Hemmungen und Gegengewichten herrscht, in diesem Fall also zwischen Einzelakteuren mit ihren politischen Interessen, zwischen Parteien und Verbänden genauso wie zwischen Gremien und Ämtern, ob nun legislativ, exekutiv oder judikativ.

Ein Macher oder eine Anpackerin wirkt in diesem ausgewogenen Geflecht, das sich stets neu ausrichtet, eher fehl am Platz.

Ein Kandidat wird mit viel Mut zur Lösung angepriesen. Das bedeutet hoffentlich nicht, dass er sofort die Ärmel hockkrempelt oder in die Hände spuckt, kaum hört er von einer schwierigen Vorlage, die zur Debatte steht. Mut zur Lösung in demokratischen Verhältnissen, wie sie bei uns der Fall sind, heisst:

Zuhören, zuhören, Dossiers studieren, nachfragen, noch einmal nachfragen, noch einmal ins Dossier gehen, seine Meinung in verständliche Worte fassen, sich diplomatisch einbringen, dann wieder zuhören, mögliche Mitstreiter respektvoll überzeugen.

Für Schweizer Verhältnisse empfiehlt sich dieses Vorgehen zwingend. Aber es scheint auch hierzulande vielen zu brav. Von Anbeginn an will man Farbe bekennen, Nägel einschlagen, irgendwelche Missstände aus vollen Händen ausgleichen.

Dabei zeigt ein Blick in die Geschichte, dass Extreme sich abnützen. Ihr ursprüngliche Spitze stumpft sich ab.

Politische Radikalität überlebt kaum ein Jahrhundert. Mag sein, dass diese unerwartet auftrumphen und durchgreifen. Die einen spenden Applaus, andere ballen schon jetzt die Fäuste, offen oder in Hosentaschen. Doch das realpolitische Tagesgeschäft verwässert Extreme, spült sie weich. Früher oder später ordnen sie sich wie von selbst ein.

In die Ausgewogenheit von Checks and Balances.

 

 

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