Jede Kultur auferlegt dem Sex klare Regeln. Genau wie in der Natur. Eigentlich müsste man unter uns Menschen eher die Eifersucht zähmen. Aber dafür gibt es keine griffige Biopolitik.
Von den Nambiquara, die Claude Lévi-Strauss in Brasilien erforschte, ein melancholisches Volk, wie er es beschrieb, das gerne auf dem blossen Lehmboden schlief, von diesen Menschen ist überliefert, dass sie sich für Sex in einem Moment, den die Gemeinschaft für zulässig befand, schamhaft kichernd zurückzogen. Diese Verlegenheit belegt nebenbei, dass wir Moderne keinen Zivilisationsprozess für uns behaupten können, der uns angeblich von diesen Menschen unterscheidet. Auch indigene Frauen sitzen mit geschlossenen Schenkeln am Feuer.
Lévi-Strauss wollte herausfinden, an welchem Punkt das angeblich wilde Leben von Menschen in Gesellschaft umschlägt, und er fand die Antwort im Brauttausch unter Stämmen, die einander fremd sind. Auch von Schimpansen ist bekannt, dass bestimmte Weibchen auf einmal aufstehen und die Gruppe verlassen, um bei einer anderen Horde Anschluss zu finden. Inzestverbot und Ehegebot gelten für alle Kulturen. Umgekehrt werden Erdmännchen ohne Alphastatus, die sich heimlich paaren, von der Herde verstossen. Klare Regeln auch hier.
Genau wie in der Natur überlässt auch kein Menschenvolk das hechelnde Treiben nach Bedarf und Gutdünken, ob indigen oder so genannt zivilisiert. Wir sind nun mal keine Bonobos, die Aggression mit Sofort-Sex bewältigen. Für jede menschliche Gruppe ist eine gesunde Fortpflanzung unverzichtbar. Die Maientänze im Appenzellischen waren früher öffentlich dazu gedacht, dass künftige Brautleute sich mühelos finden. So kam es beim Anbändeln auch zu keinen Missverständnissen. Sex stärkt die Gruppe, er sorgt für ihren Fortbestand, allenfalls für ihre Vermehrung. Das Ehegebot jedoch reguliert nicht den Sex, auch wenn zum Beispiel die Katholische Kirche Ehen für ungültig erklärt, wenn keine Vereinigung zustande kommt. Die Ehe als ein Beispiel für griffige Biopolitik jedoch regelt mittelbar die Eifersucht, die notgedrungen um sich greifen würde, wenn Paarung ungeregelt bleibt. Alle Besucher einer Hochzeit sollen das Ja Wort hören, sie alle sind Zeugen vor Ort, damit klar wird, dass diese zwei Menschen von nun an vom Liebesmarkt ausgeschlossen sind.
Es ist die Eifersucht, die Gruppen zersetzt, nicht der Sex.
Die engste Freundschaft geht bachab, Familien zerbröseln, halbe Verwandtschaften brechen weg. Eifersucht aber ist schwierig im Sinne einer Biopolitik dingfest zu machen. Die betreffende Person müsste sich dazu bekennen, was bekanntlich kaum der Fall ist, vielmehr wird Eifersucht als Unterstellung zurückgewiesen. Der Sachverhalt hängt davon ab, dass man ihn ausdeuten muss. Dazu bietet er nur dürftige Angelpunkte, während eine heimliche Liebschaft, ein Fremdgehen, das sich anbahnt und Platz greift, in gewisser Weise Spuren hinterlässt, die von verschiedenen Personen lesbar sind. Eifersucht lässt sich verleugnen, eine Liebschaft kaum, besonders dann nicht, wenn sie bereits eine Geschichte hat und damit einen Wert. Die Gruppe also verträgt keine Eifersucht, aber sie braucht Sex, und der lässt sich handlicher Regeln unterziehen.
Bezüglich Eifersucht habe ich irgendwo eine Einsicht aufgegriffen, die mich überzeugt. Am besten wäre es nämlich, wenn man Eifersucht als das versteht und ächtet, was sie ist.
Nämlich als ein Verhalten, das selbst dann krankhaft ist, wenn es berechtigt ist.

