Eine Freundin arbeitet seit Jahren im Service. Und auch wenn sie, wie ich, tief unterhalb jeder Teppichetage ihrer Werktätigkeit nachgeht, macht sie ungeahnte Erfahrungen, die zum Verständnis des Allzumenschlichen enorm nützlich, aber wenig geläufig sind.
Den Slogan „Work hard, play hard“ jedenfalls würde sie sofort verstehen. Denn irgendwann teilte sie uns beiläufig mit, dass sich die Gäste unter der Woche, also während ihrer Arbeit, entspannt verhielten und nachsichtig, am Wochenende jedoch, also in ihrer Freizeit, ungeduldig und gestresst. Dieser Widerspruch gab mir zu denken.
Der berufliche Alltag macht geduldig im Umgang mit dem Servierpersonal, man ist in den Tagesplan eingebunden, es gibt keine reizvolle Alternative, die man verpassen könnte. Jedes Fernbleiben vom Arbeitsplatz ohne Grund würde geahndet.
Wer keine Optionen hat, erwartet auch nicht viel vom Leben.
Am Wochenende jedoch öffnet eine Wahlfreiheit ihren gefrässigen Rachen, bei der es immer mehr Leute gibt, die sich vor ihren Ansprüchen fürchten. Alles ist dann möglich, oder fast alles, aber nicht alles zugleich. Wer sich für etwas entscheidet, muss sich damit abfinden, dass er sich vor zahllosen Möglichkeiten für eine einzige dürftige Option abschneidet.
Das Ja zu einer Option bedeutet tausendmal Nein gegen andere.
Dazu kommt das leide Problem, dass wir das Vorhaben am Wochenende sehr oft nur dürftig planen, weniger schlüssig, als etwa die Massnahmen für berufliche Projekte, sodass der Besuch eines Restaurants aus Rücksicht vielleicht auf die Familie, die ein Eis schlabbern möchte, oder auf die Gattin mit ihrem Wunsch nach romantischer Zweisamkeit in öffentlicher Resonanz zwar für zulässig befunden wird, bei Verzögerung aber, wenn etwa die Bestellung hinkt oder die Rechnung auf sich warten lässt, das freizeitliche Vorhaben unerwartet bedroht.
Die Multioptionsgesellschaft nach Peter Gross bringt, wie jede Gesellschaft, ihre eigenen Psychosen hervor, so verheissungsvoll sie auch wirken mag, wenn es etwa um Angebote für eine prickelndes Wochenende geht. Ein anderes Beispiel sind Weltreisen. In meiner Generation zog es viele rund um den Erdball, ich selbst war zu gehemmt, eine solche Reise beim Schopf zu packen. Die Option war da, ich scheiterte an ihr, im Gegensatz zu Älteren, für die diese Möglichkeit völlig ausser Frage stand.
Stehen Optionen frei zur Verfügung, liegt auch das Scheitern nahe, man wird ungeduldig bis aufsässig, sind sie hingegen ausgeschlossen, besteht diese Gefahr nicht. Man darf sich dann achselzuckend zurücklehnen.

