Im Rosengarten – Jesus! – Die Sache vor dem Spiegel
Erster richtiger Ausflug auf Cannabinoid. Der Rosengarten mit Blick über die Stadt erschien mir passend, da man dort ungestört sein kann. Eine Zuflucht für alte Leute, genauso aber auch für Schweifer meines Zuschnitts, die sich für kurze Zeit wie alte Leute benehmen. Eine Sitzbank war besonders geeignet, da ich mich notfalls hinlegen konnte. Ein junges Pärchen sass eng umschlungen auf einer benachbarten Bank. Ich wartete, bis meine Aufregung sich gelegt hatte. Die Angst setzte mir zu, ich würde mir in ein paar Sekunden schwere Vorwürfe machen. Das Dafür und Dawider pendelte immer feiner hin und her, bis ich wie von selbst das überschüssige Papier von der spiongrossen Zigarette riss, das Rauchwerk zum Mund führte und entzündete und den eingesogenen Rauch hastig wieder ausatmete. Vorsichtshalber zählte ich diszipliniert auf fünfzig und spürte, wie eine Stärke von den Beinen her sich anbahnte. Sie schien rasch hochzusteigen, sodass ich die Zigarette fallen liess und mit der Sohle ins Kies strich, um Schlimmeres abzuwenden wie etwa eine plötzliche Begeisterung oder ein Anfall von Gleichgültigkeit. Für einen Augenblick jedoch meinte ich, ich sei zu zaghaft vorgegangen. Doch im Ohr hob ein leises Rauschen an, was bewies, dass die Wirkung gut getroffen war. Frische Luft wehte heran. Das war mir zuvor nicht aufgefallen, als ich mich auf die Bank gesetzt und das Nötigste in der Tasche überprüft hatte, damit ich es zügig wiederfände, Notizzeug, Wasserflasche, Hausschlüssel. Ich genoss diese Frische lungenfüllend. Es kam mir vor, als tränke ich aus einem Strom, der seit je den ganzen Planeten in Wirbeln umrundet, dessen Bläue sich nun über mir wölbte, nur leicht wolkenverhangen, wie Fetzen von Zuckerwatte, wenn ein Kind eine Handvoll davon abgegriffen hat. Vielleicht brauchte diese Luft, die ich kostete, Jahre für eine planetarische Umrundung. Sie stieg hoch, blieb an Gebirgen hängen, schoss durch Täler, zog wie Wellen durch ganze Meere von Luftmassen. Die Stadt, auf die ich blickte, war von Grün durchwachsen. Vor Jahren gesetzte Bäumchen verschmelzen allmählich zu Wäldern, die ganze Quartiere ausschäumen. Mir kam der Gedanke, dass ein Wald doch nur eine Schicht von Moos bilde, die das Land überzog. Man brauchte sich die Sache nur in entsprechendem Abstand vor Augen zu führen. So kam ich mir wie ein scheues, kluges Kleinsttier vor, das aus einer verwachsenen Landschaft auf diesen besonnten Platz hochgekrabbelt war. Sehr bald würde es wieder in die feuchten Schatten seiner verwinkelten Biotope wie unter Wurzelwerk verschwinden. So natürlich erschien mir die Stadt und mich selbst als ein triebhaft entzückter Schweifer darin. Und indem ich hochblickte, kam mir die Frage, was uns Menschen so scheu machte, dass wir andauernd unter Dächern und in Höhlungen hockten, wenn nicht diese Bläue über uns, die sich nach Orion hin öffnet. Eine Tiefe, die noch weiterreichte, bis zur supermassenreichen Mitte der Galaxie, die verdunkelt blieb hinter dem Bild des Schützen, und darüber hinaus in unsägliche Tiefen. Da löste eine Art Gebet unhörbar meine Zunge: Selig sind die, die da fliessen. Nach einer Weile erhob ich mich und wandte mich um zum Rosengarten. Den Platz hatte ich gewählt, um ungestört zu sein. Nun aber befiel mich ein jähes Interesse an diesem Ort, wobei es mir unerklärlich blieb, was genau dieses Interesse auslöste. Die Farben sprangen mich förmlich an. Bei ihrem Anblick schmeckte ich flüchtige Süsse. Selbst die Informationstafel zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Die Gewächse kamen von weit her: Ägypten, Persien, China. Ihre Kreuzungen lasen sich wie Meilensteine, die ganze Zeitalter bis heute absteckten. In ungewisser Weise wurde ich Zeuge ihrer Wanderschaft durch Zeit und Raum, ich empfand diese Ferne, zeitlich wie räumlich, fühlte mich mit ihr verbunden. Die meisten meiner Altersgenossen, die ich kenne, verabscheuten wie ich Rosengärten als künstlich, als überzüchtet. Nun aber war ich von der Ordnung der Beete, von den Abständen unter den Setzlingen angetan. Selbst die Namen auf den Schildern, die im Boden steckten, schürten mein Interesse. Und wie ich mich zu ihnen hinunter beugte, gab ich meiner Verwunderung darüber flüsternd Ausdruck. Die Züchter mussten diese Namen ersonnen haben. Die einen nahmen plump Anleihen bei königlichem Zeugs. Andere wirkten geheimnisvoll. Mir schien, sie sollten den Anschein erwecken, sie seien wie Eigennamen sonst ganz natürlich entstanden und in der Aussprache durch die Zeit hindurch so rund gewaschen worden wie Geröll im Fluss. Diese Namen aber holperten leicht: ‘Gela Gnau’, ‘Synponie’, ‘Druschkirubra’. Genauso erschien das Eigenartige wie Strudel im Strom des Allgemeinen. Das Einzelfällige zeigt sich als Abweichung, dachte ich. Oder dachte es mir. Das Leben aber sorgte für beides. Für das Allgemeine wie für das Individuelle. Für die Gleichförmigkeit wie für den Strudel.
Für das Gleiten wie für das Stolpern. Also war beides unverzichtbar für das Leben. Und auch hier wieder: Das Künstliche stört mich nicht. Es regt mich an. Auch die Rose löst Stoffe aus ihrer direkten Umwelt: Licht, Nährsalze, Wasser. Und das führt, mit etwas Nachhilfe, zu diesem parfümierten Adeligen, das wir so sehr begehren. Man müsste in dieser Sache eine Liste anlegen, um die vielen Feinfühligen davon zu überzeugen, dass das so genannt Künstliche, das sie verabscheuen, genauso natürlich ist, weil es nur isoliert und sammelt und neu zusammenfügt wie sonst üblich in der Natur: Auch Vögel verweben nur reissfeste Halme für ihr Nest. Der Graulaubenvogel häuft Schneckenhäuser an. Eine Köcherfliege klebt Pflanzensamen und Kieselsteine zu ihrem Gehäuse zusammen. Wespen zerkauen Holz und erbrechen es als Baustoff. Nicht zu vergessen, was Termiten und Ameisen aus ihren Umwelten filtern und neu zusammenfügen. Umgekehrt muten Bienenwaben durchaus künstlich an. Diese Sichtweise gibt, sozusagen rückübersetzt, eben das Natürliche an unserer Synthetik zu erkennen. Eine wundervolle Klarheit. Wundervoll deshalb, weil sie Natur und Mensch in eins bringt. So purzelten meine Gedanken weiter. Gleichzeitig fühlte ich diese eigentümliche Frische im Kopf. Die Rose zieht die Salze, die ihre Schönheit nähren, aus Mist und feuchtem Moder. Ein gelber, säuerlicher Extrakt gedeiht zu einer Auslese an Güte, Milde und Wohlgeruch. Sie adelt uns, wenn sie blüht und duftet und ihre Mitte entfaltet, in die wir uns gerne versenken. Aber der Kot bereitet uns Ekel, den sie dazu benötigt. In gewissem Sinne handelt es sich dabei um Erde im Frühstadium. Und mehr wäre eigentlich nicht dabei.
Gleich im Anschluss an meinen Schweif durch den Rosengarten stand ein Presstermin an. Ortswechsel und Dauer meiner sublimen Stimmung hatte ich vorausberechnet, doch eine leichte Brise säuselte nach, ein hauchdünner Film blieb haften. Aber das konnte ich nicht wissen. Inskünftig wäre auch diese Nachwirkung in Rechnung zu stellen, zumal mein leicht verzücktes Benehmen die Leute argwöhnisch stimmen könnte. Im richtigen Moment jedoch, wie es hier glücklicherweise der Fall war, tat sie kleine Wunder. Ein pensionierter Kaufmann hatte zur Gründung eines Vereines geladen, der sich dem Anliegen widmen soll, Anbieter von Kaminholz und ihre Abnehmer geschickt zusammenzubringen. Der Veranstalter erschien mit zwei Kollegen, so war die Gründung rechtlich gewährleistet. Ich stiess pünktlich dazu, jedoch als einziger Gast. Das schien den Kaufmann in keiner Weise aus dem Konzept zu bringen. Er stellte sich mitten in den Raum, als wäre Publikum zugegen, legte wacker Folie um Folie auf den Tageslichtprojektor, und adressierte, was er zu sagen hatte, unmittelbar an mich. Dabei blieb er heiter, im Gegensatz zu seinen Kollegen, die gelangweilt oder peinlich berührt wirkten. Wahrscheinlich taten sie ihm einen Gefallen. Dem Veranstalter schwebte eine Art Flohmarkt vor, wo man die Autos so parken würde, dass die geöffneten Hecktüren einen raschen Wechsel des Stückgutes von Anbieter zum Kunden erlaubten. Eine Skizze veranschaulichte diese Idee. Es folgten Konzepte zum Aufbau des Vereins, Vorschläge zu seinen Statuten, Ablauf der nötigen Schritte bis zum ersten Markt, sogar eine Analyse wurde fachgerecht vorgelegt, die sämtliche Beteiligten gemäss ihrer Betroffenheit sortiert zeigte, Nachbarschaften, Behörden, sodass die Wahrscheinlichkeit ersichtlich war, ob und wie stark sie das Vorhaben bremsten oder unterstützten. Auch entsprechende Massnahmen waren angedacht. Der Mann stellte ein Projekt vor, das völlig durchkalkuliert war, aber niemanden interessierte. Zum ersten Mal in meinem Leben empfand ich das nutzlose Gefühl namens Mitleid. Und als der werte Herr mich um Mitgliedschaft seines frisch gegründeten Vereins ersuchte, war ich sogar gerührt.

Jesus!
Frühabends, mitten in der Arbeit an einem Artikel, legte ich eine Pause ein, steuerte zum Zoll hinunter, um in einem kurzen Bogen durch die benachbarte Stadt zu schweifen. Ohne zu überlegen, unter welchen Umständen ich transzendieren könnte, nahm ich mitten unter Passanten zwei knappe Züge, als sich ein Bettler mir in den Weg stellte. Ich hatte ihn noch nie gesehen, er schien der organisierten Bettelei anzugehören, die hier öfters tätig war. Wie von selbst, eher aber, damit ich dieser Situation entkam, zückte ich den Geldbeutel, wobei ich besorgt war, einerseits dass ich andere beschämte, die sich in der Nähe aufhielten und knauserig blieben. Andererseits befürchtete ich, als Idiot dazustehen, der der Finte vom Kind ohne Windeln auf den Leim kroch. Denn der Mann redete andauernd von Pampers, während ich der ersten Wirkung unterlag. Die Vorstellung, ich könnte danebengreifen, wenn ich Münzen hervorkramte, und alles zu Boden streuen, lähmte mich für einen Augenblick. Das Bild amüsiert erst nachträglich: Ein Bettler, ein beduselter Passant und Geld am Boden. Ein Fünferschein bot sich an, denn wie damals bei der jungen Hure ragte er mit gefalteter Ecke hervor. Und während ich den Schein überreichte, froh um diese handliche Lösung, stellte ich fest, dass ich das Kraut inzwischen gedankenlos weitergeraucht hatte, als wäre es Tabak. Ein fataler Fehler. Aber auch ein Glücksfall, wie es sich herausstellen sollte. Und es sauste mir im Ohr und dröhnte mir durch den Kopf, als der Bettler den Schein wedelnd in die Höhe hielt, und indem er auf mich wies, schrie er «Jesus». Schon stürzte ich davon, blickte aber zurück, der Bettler ging mir ein paar Schritte nach und rief weiterhin diesen Namen aus. Da verneigte ich mich vor ihm, zur Anerkennung dessen, dass er hart ins Leben gepresst war, während ich bloss zur Belustigung umherschweifte. Schliesslich war auch organisierte Bettelei kein Zuckerschlecken. Nur schon der andauernde Verdacht, man unterschlage etwas, dürfte das Selbstwertgefühl schwer zerrütten. Meine Sorge aber galt zunächst der sicheren Rückkehr. Ich hatte Zweifel, ob ich die Strassenübergänge wie es sich schickt würde bewältigen können. Gleichzeitig kam mir der Gedanke, dass es Menschen gab, die solche Befürchtungen alltäglich ausstehen. Demnach teilte ich gerade ihre Angst, die für mich sonst kaum nachvollziehbar wäre. Ohnmacht drohte keine, das spürte ich. Aber ich musste den Schritt auspendeln, als lernte ich erst zu gehen, denn die Beine fühlten sich bleischwer an. Ich beschleunigte die Schritte, was die Sache erleichterte. Die Schweinwerfer des Abendverkehrs zerschmolzen zu einer Art Lichtwasser, in dem ich förmlich an Passanten und geparkten Autos vorbeischwamm. Im Seelischen schwimmst du wie ein Fisch, kam mir von irgendwoher in den Sinn. Bei der ersten Kreuzung blieb ich stehen, während ich innerlich weiter pendelte. Dabei hatte ich Mühe, zu ermessen, ob das von aussen sichtbar wäre. Die anderen Passanten nahmen von mir zwar keine Notiz, aber das entsprach städtischer Zurückhaltung und bürgte für nichts. Notfalls würden sie mich als betrunken taxieren oder als beschränkt im Kopf. Jedenfalls stand ich falsch, mitten auf dem Radstreifen. Und schon sausten Radfahrer knapp an mir vorbei, ohne Aufruhr wegen meines Fehlverhaltens, ganz natürlich und flink. Ich spürte den Hauch ihrer Bewegung, wie sie elegant auswichen, ein Schlenker nur, mit einer Gewandtheit, wie sie Fledermäusen eigen ist. Als gehörten sie selbstverständlich mit zu diesem Strom, der mich beinahe mit sich zog. Bei der Haustür wähnte ich mich unbeobachtet, ich war ausgiebig und möglichst in aller Ruhe mit dem Schlüssel beschäftigt, während mir klar wurde, dass ich die letzten Hundert Meter, die ich geeilt war, beinahe im Schlaf zurückgelegt hatte. Sofort stieg ich auf mein Zimmer hoch, schloss die Tür und fiel in den Sessel. Ich fühlte mich von einem feinen, kühlen Rauschen erfüllt, völlig abgesondert von allem, in mich eingekapselt. Bald spürte ich angenehm mein Rückenmark, bis in die äussersten Stränge, die unter die Kopfhaut führen. Das erinnerte mich sogleich an das sonderbare Tatoo des Gastes, der mir das Cannabinoid vermittelt hatte. So verharrte ich eine Weile, wohlwissend, dass mein Zeitgefühl ausgebremst war. Das Gefühl zu schwimmen setzte sich verfeinert nach innen fort, als strömte ich gedanklich durch mein Nervensystem. Irgendwann spürte ich eine unglaubliche Erregung sich breit machen. Ich erhob mich, und ich zog mich aus, verwirrt und gleichermassen begeistert darüber, dass ich eine Lust fühlte, wie sonst nur unmittelbar dann, wenn ich mit jemandem schlafen würde. Nun aber war ich mit mir selbst allein. Mangels eines Partners blieb mir nichts übrig, als die Schranktür zu öffnen, auf deren Innenseite ein Spiegel angebracht war. Ich genoss eine Versteifung wie selten zuvor, langanhaltend und ohne jegliches Abflauen, während der Stoff, der in mir gelöst war, der Eichel ungemein schmeichelte. So war rasch klar, dass es nur weniger gezielter Berührungen bedurfte, um den Weg abzuschliessen. In so einem Fall wird die Verzögerung zu einer sicheren Kür, die mehr Bewusstsein zulässt, als man gemeinhin annimmt. Nur zögerlich griff ich zu, das erbärmliche Wichsen war keineswegs vonnöten. Von einer nervlichen Empfindsamkeit völlig ausgefüllt schien es mir, ich wühlte in den Höhlungen meines Unterleibs herum und fingerte zittrig ins Rückenmark hinein, bis in seine Tiefe hoch. Und in der jähen Begierde, mich selbst zu melken, da es mich unerwartet roh und pur nach meinem Samen verlangte, wuchs die Lust an wie ein samtenes Kissen, auf dem ich so langsam wie noch nie zum Abschluss kam. Die Steigerungen dahin waren in ihrer Glut vom eigentlichen Höhepunkt, der das Pumpwerk in Gang setzt, kaum zu unterscheiden. Dann der Blitzschlag, eine Art Elektroschock, der mich für einen Augenblick der Länge nach bis unter die Schädeldecke öffnete. Schliesslich liess ich mich wieder in den Sessel plumpsen. Als ich nach einer Art Schlaf wieder zu mir kam, stellte ich fest, dass ich meinen Samen noch während des Auswurfs auf mir verstrichen hatte. Gewisse Frauen mögen sich darüber auslassen, wir seien derart samenfixiert, sofern sie selbst es nicht sind. Ein bisschen ausgleichende Nachsicht wäre schon angebracht, schliesslich verfügen sie dank ihrer Gebärfähigkeit und der Blutungen und sonstiger Belange ihrer Feuchtgebiete über einen engen Kontakt zur Natur, der uns Männern nur schwer zugänglich ist. Was durchaus belastend sein kann, wie ich anerkennen muss, ermöglicht sonst sehr wohl innigste Gegenwärtigkeit. Daher versuche ich wenigstens die eingetrocknete Klebrigkeit meines Samens gebührend wahrzunehmen, damit ich daran erinnert werde, was das Leben ist. Eine kosmische Erscheinung, die alle Mittel einsetzt, damit es irgendwo inmitten galaktischer Tiefen fortbesteht, sodass sie unter anderem alles mit unbändiger Lust versieht, was dringend geschehen muss, und mit Schmerz, was dringend zu vermeiden ist. So wird diese Klebrigkeit, wie beim Liebespaar im Rosengarten, zu einem unverstellten Ausdruck dieses Willens. Seit Jahrtausenden geschieht das mit Erfolg. An dieser unbändigen Kraft habe ich Anteil. Mitten im Vollzug an mir und in mir und durch mich selbst.

Die Sache vor dem Spiegel
Die Sache vor dem Spiegel beschämt mich nachträglich. Umso bemerkenswerter die Tatsache, dass damals bei mir jede Scham ausser Kraft gesetzt war. Mich trieb rohe Gier. In Reinform. Ich war davon ausgefüllt, als hätte die Erektion den gesamten Körper erfasst. Und ich kann nicht behaupten, ich hätte mich dieser Kraft unterworfen gefühlt. Vielmehr war ich genauso ihr Täter. Der Wille zur Triebabfuhr war zugleich mein Wille. Das zeigt sich darin, dass ich die Abfuhr mehrfach verzögerte. Immerhin eine Liebestechnik, die für kultiviert gilt, allerdings nur dann, wenn es der Partnerin zu mehr Vergnügen verhilft, gewiss nicht zur Steigerung der eigenen Lust. Aber das ist zu moralisch gedacht. Denn was meine Lust am besten steigert, was sie zielsicher auf den Punkt bringt, ist die Lust der Frau. Die ich ihr bereite. Und sie erregt sich daran, dass sie Lust in mir wachruft. Also fördere ich ihre Lust auch zum Eigennutz. Und sie geht genauso vor. Daher lohnt es gar nicht, diese Sache so zu moralisieren. Durch Verzögerung jedenfalls verstärkte sich auch bei mir allein die Spannung immens, es hätte schmerzen müssen, aber da ich die Möglichkeit zur Entladung in Händen hielt, was eben nicht nur wortwörtlich zutraf, geriet ich beinahe in eine Trance. Ein Taumel unbändiger Lust. Es ist richtig und gut, dass ich als Mensch an mir selbst und durch mich vollzogen erfahre, welche Mittel das Leben zu seinem Fortbestand nutzt. Zum Beispiel die Entrücktheit, wenn ich Samen vergiesse. Wenn ich in das Jenseits jenes Zeitpunktes eingehe, der keine Rücknahme erlaubt. In all den Jahrtausenden gelang so manche Befruchtung. Unwillkürlich. Selbstvergessen. Weltvergessen. Bei allem, was das Leben angeht, wäre Scham fehl am Platz. Besser aber erfreut man sich an diesem Gefühl, statt es peinlich zu finden. Denn Scham belegt, dass man mehr versteht als gerade nötig. Jede Verlegenheit beweist die Intelligenz der Person, die sie empfindet. Sie weiss, dass mehr im Spiel ist, als gerade sichtbar für alle Beteiligten. Dennoch wurzelt auch Scham in der urwüchsigen Sorge, dass wir überleben. Denn das gelingt uns nur im Verbund mit anderen Menschen. Sie teilen ein öffentliches Dafürhalten, ein Regelwerk, das wir peinlichst zu brüskieren vermeiden, aus Angst, dass man uns verstösst. Norm, Sitte. Ideale und Infames. Und ich schreibe über solche Dinge, zum Beispiel dass ich meinen eigenen plumpen Körper im Spiegel begehrt habe, damit sich dieses öffentliche Dafürhalten etwas ändert. Zumindest, damit es seinen Schwerpunkt verschiebt. Das tut es allerdings laufend seit je, aber es lässt sich Zeit dafür. Revolution ist nicht meine Sache. Die Schwierigkeit liegt darin, dass Revolutionäre und ihre Mitstreiter die Früchte ihres Wirkens noch geniessen möchten, bevor sie abtreten. Daher fehlt ihnen die nötige Geduld. Auch kleinste Rückschläge oder Verzögerungen machen sie nervös, weil sie wissen, dass sie sich weit aus dem Fenster lehnen. Schon manche rote Linie wurde überschritten, mancher Rubicon durchwatet, das lässt sich nicht ungeschehen machen. Genau wie Diktatoren sind Revolutionäre Menschen, die selten gut schlafen. Und so schärfen sie ihr Programm, spitzen es zu, damit es schneidet, statt nur bremst, und mit Feuerstössen versengt, statt abschirmt. Ein Programm, das radikal ist, bringt sich selbst in Gefahr. Früher oder später wird es gestürzt, weil es mehr verwundet, als für eine Mehrheit unmittelbar Nutzen schafft. Noch hat keine radikale Politik je bis heute überlebt. Sie wird ausgeglichen, abgestumpft. Das sollte zu denken geben. Wozu also die Mühe? Ich bin für Wachstum, statt für Umbrüche. Ein paar Schnitte hier, ein paar Rückbindungen da, das verträgt sich leicht. Das Wenige an revolutionärer Umwälzung, das zu bieten ich mir einbilde, liegt vielleicht nur darin, dass ich alle Scham vorbildhaft hinter mir lasse. Zum Beispiel als ich meine Performance vor dem Spiegel wiederholte, allerdings ohne dass ich mich zuvor in kosmische Stimmung gebracht hätte. Ich tat es vorsätzlich, als Versuch, ob dieser Grad an Lust an sich selbst machbar ist oder ob er auf Zufall beruht. Eigentlich war ich dazu in keiner Weise aufgelegt, das fand ich als Ausgangslage zum Versuch jedoch passend. Tatsächlich verhilft der Anblick des eigenen Fleisches sogar zu einem Abschluss, allerdings in einer Grobheit, die nahelegt, von Selbstnötigung zu sprechen, sofern es das gibt. Das Cannabinoid erscheint abermals unverzichtbar, zumal die Performance dann nachdrücklicher abläuft und feiner und deshalb eher in Form eines Tanzes mit sich selbst. Selbstliebe im Spiegel als Potenzhilfe also. So gesehen eine Methode, um die Herren im Alter froh sein dürften. Wer weiss, wie oft dieses Hilfsmittel zur Anwendung kommt. Allerdings steht da eine Angst im Weg, schliesslich begehre ich mit mir selbst einen Körper, der männlich ist. Wiederum geht es bei dieser Sorge, ich könnte schwul sein, um die nämliche Angst, ob ich Anschluss an die Gemeinschaft mit anderen behalte. Ich merke, wie sehr ich diese Sorge hinter mir gelassen habe. In der Sauna spielte sie noch eine Rolle. Jetzt nicht mehr. Eigentlich geht es nur darum, dass ich als Mensch ein Stück Leben begehre. Und ob wir das Leben nur sehen oder riechen oder nur schmecken oder berühren, vielleicht sogar davon kosten, ist für sich genommen gleichwertig. Wenn ich mit jemandem Liebe mache, bin ich ausserstande, dass ich alle Sinne zugleich auskoste. Inniges Sehen, inniges Erfühlen sind nur abgetrennt möglich. Sie beeinträchtigen sich gegenseitig, sie tun dies aber zugunsten einer Einheitserfahrung beim Lieben, die eine Güte der eigenen Art darstellt. Abgetrennte Innigkeit lohnt sich sozusagen als Übung zu dieser Einheit hin, etwa die Augenlust bei Pornografie, die Gedankenlust beim Einschlafen, der Genuss der Düfte weiblicher Mitbewohner, wenn sie nach Frau riechen, auf der Treppe oder im Bad. Auch religiöse Orte, Kappellen oder Gebetsnischen sind so gestaltet, dass sie eine Abkehr vom Vielen gewährleisten, damit man sich auf die eine Sache besinnt, die gerade ansteht. Und bei diesem Stück Leben, das wir begehren, ist es letztlich einerlei, ob es andere Körper sind oder wir selbst. Das Persönliche daran ist zweitrangig bis überflüssig. Vielleicht setzt eine Kunst der Selbstbefriedigung dort an, wo ich mir vor Augen halte, dass ich weiter nichts als die unpersönliche Natur an mir selbst und durch mich selbst gebührend feiere.