Ein Vollbad auf Quchic – Das Hautwesen – Bach auf Plus – Freier Wille?
Baden auf Cannabinoid. Ich hätte nie gedacht, dass mir das als Erstes in den Sinn kommt. Baden in der Wanne, versteht sich, auch wenn ich mir selten ein Vollbad gönne. Ich mag es nicht, wenn die Kniee aus dem warmen Wasser ragen. Und vor allem der Bauch. Haha! Diese Stellen fühlen sich dann viel kälter an. Aber immer lasse ich mich ganz unter Wasser gleiten, meinen Herzschlag zu hören. Als Kind hörte ich gerne Herzschläge ab. Auch später, wenn ich nach verrichtetem Gelüst bübisch aufruhe und den Herzschlag der Dame ablausche, die unter meinem Gewicht allmählich Atemnot leidet, oder wenn ich meinen eigenen Herzschlag im Kissen sanft rascheln höre. Man müsste mehrere Herzschläge aufnehmen und sie wie bei einer Bach-Fuge übereinandergelegt abhören. Nun unter Wasser und kosmisch gestimmt auf Quchic, auf Plus, wie ich gerne sage, und gehüllt in den Duft zart schäumenden Jasminöls aus einer Gesundbeterflasche, die mir Beatrice einmal geschenkt hatte, verloren die Dinge so wunderbar ihre Selbstverständlichkeit. Das bereitet mir zunehmend Vergnügen. Als entdeckte ich die Welt völlig neu. Fast wie ein Kind. Ein Kind im Bade.
Während ich dem Pochen lauschte, fiel mir auf, dass ich nichts dazu beisteuere. Nicht in der Art wie beim Atem. Es geschieht nur von selbst, ohne mein Dazutun, wie überhaupt die urtümlichsten Vorgänge in mir. Darmtätigkeit und Anderes, das Pumpwerk beim Ausstoss von Samen. Der Moment, wenn der Atem einsetzt. Ich hörte meine innerste Natur pochen. Zeitweise fühlte sich mein Herzschlag auf einmal fremd an. Für einen Augenblick sogar leicht ekelerregend, niemals aber bedrohlich. Dieses Pochen, so überlegte ich unter Wasser, verankerte mich in etwas, das in meine innerste Tiefe reichte und zugleich weit über mich hinaus. Überall dahin, wo es Leben gibt, wo Leben war und sein wird. Das Pochen hält mich lebendig, ohne dass ich irgendetwas dafür leisten müsste. Einfach so. Es klappt seit Jahrmillionen. Soviel ich weiss, fehlt eine Erklärung für diesen Erfolg. Aber was würde eine Erklärung helfen? Man kann sich eine erfinden. Vielleicht bleibt dieses konstante Pochen durch kosmische Resonanzen erhalten, die wie Nordlichter die Erde streifen und einen Cluster an Herzschlägen anregen, der den gesamten Planeten umspannt. Das wäre die Antwort. Und dann? Wir würden einfach weiterfragen. Woher diese Resonanzen? Und so fort. Am besten fängt man gar nicht an zu fragen. So pocht eben Natur in uns. Und dann kam mir ein widersprüchlicher Gedanke: Das Pochen gab mir die Gewissheit, dass ich in meinem Sterben nicht scheitern würde. Dieser Einfall entspannte mich ungemein. Sein Widerspruch scherte mich keinen Deut. Und wenn es der Fall ist, so dachte ich weiter, dass mein Sterben irgendwann ohne mein Dazutun gelingt, sowie auch der Herzschlag meiner Einflussnahme entzogen bleibt, wenn ich also in dieser Urnatur aufgehoben bin, die seit je ohne Unterlass abläuft, wie damals bei meiner Ohnmacht, dann könnte ich ebenso gut mein Leben bis dahin einfach geschehen lassen. Was mein Ich ist und wie es ist, spielt dabei keine Rolle. Es hat gewisse Vorzüge. Je nach Blickwinkel ist es jedoch schräg gewachsen oder einseitig geblieben und unreif. Will ich wirklich daran festhalten? Die Sache mit dem Tod lässt sich so verarbeiten. Da tauchte ich aus dem Wasser auf und strich mir Schaum aus dem Gesicht.

Das Hautwesen
Mein erster Gang nach draussen auf Plus sollte nur kurz dauern. Sozusagen als Übung. Einmal um den Block und zurück. Noch auf dem Hinterhof unseres Hauses brachte ich mich in kosmische Stimmung, ich transzendierte, wie es mir zu sagen beliebt, schliesslich wird in gewissem Sinne eine Grenze überschritten. Den Stoff nahm ich mit etwas Tabak gerollt zu mir. In dieser geringfügigen Menge verträgt sich das auch so. Ein kleiner Spion, den man leichterhand wieder fortschnippt. Schon nach wenigen Schritten zog ein Vorfall meine Aufmerksamkeit auf sich, der sonst völlig unerkannt geblieben wäre. Ein Jugendlicher bog vor mir in die Strasse ein. Er steckte in einem schlampigen Hausanzug, die Kapuze hochgezogen, und in Turnschuhen. Die Hosen rutschten ihm andauernd herunter, als wäre ihr Gummizug ausgeleiert. Und immer wieder griff der Bursche nach dem Bund und riss ihn hoch, sodass der schlabbernde, doch sehr leichte Stoff sich albern verzog. Ein Hautwesen schlurfte vor mir her. Aber seine Haut sass schlecht, aufgeweicht von einem Leben voller Wechselfälle. Weder hätte ich das so gesehen, noch wäre mir nüchtern dieser Gedanke gekommen. Auch die Folgerungen nicht, die sich daraus ergeben. Zum Beispiel das Ich als Haut. Nicht als verborgener Kern, wie es Romantiker gerne sehen, der alle Bedeutsamkeit zulässt, eben weil er verborgen bleibt. [Blaue Blume, gelber Trieb] Sondern das Ich als halbdurchlässige Membran, die gewisse Dinge einlässt, während sie andere draussen behält. Dieser Jugendliche hatte sich vielleicht eine gesunde Gleichgültigkeit angeeignet. Und wenn das Ich eine Haut ist, dann liegt es nahe, anzunehmen, dass wir uns häuten. Wir sterben Ich-Tode im Verlaufe unseres Lebens. Und je besser wir sie sterben, desto eher schmiegen wir uns dem Leben an. Seinen Wechselfällen. Dabei bleibt einiges auf der Strecke: Zielstrebigkeit, Stehvermögen, Durchhaltewillen. Alles Vorzüge, deren Mangel mir immer wieder zum Vorwurf gemacht wird. Beatrice wäre bestimmt geblieben, hätte ich den nötigen Biss gezeigt, endlich einen einträglichen Abschluss anzugehen und irgendwann heimzutragen. Zum Beispiel an einer pädagogischen Hochschule. Wahrscheinlich wird mir dieser Schritt nicht erspart bleiben.

Bach auf Plus
Man wird experimentierfreudig mit dem Zeugs. Warum nicht in diesem Zustand Bach Fugen hören? Das geriet zu einer Kosmonautik der erlesenen Art. Bach-Fugen sind wie Milchstrassen. Vollendet sich eine Stimme in ihrer Melodie, leuchtet eine Sonne auf. Gewiss unterlaufe ich das Niveau, das mit Bach-Fugen angezeigt wäre. Spannung und Auflösung überlagern sich mehrfach. Sie passieren oft zeitgleich, wie kleine Strudel im gesamten Strom der Töne. Eine Stimme reibt sich an sich selbst, indem sie zeitlich verschoben einsetzt. Sie bricht aus, wird aber immer wieder mit allen anderen Stimmen zusammen gewoben. Die Melodien lassen einander Raum und bleiben doch eng miteinander verflochten. Nichts geht verloren. Wie unter Menschen? Jedenfalls wie im Leben. Und selbst dann, wenn man stirbt. Das fühlte ich in einer wunderbaren Klarheit.

Freier Wille?
Bibliothek: Was wir Menschen tun, ereignet sich genau genommen so, wie überhaupt Dinge geschehen. Unsere Entscheide gelten für mentale Ereignisse. Demnach steht in Frage, was sie von Ereignissen sonstiger Art unterscheidet. Das schürt Widerspruch. Wir meinen, wir steuerten unsere Angelegenheiten, im Gegensatz zu dem, was natürlicherweise geschieht. Eben willentlich, zielstrebig. Das setzt voraus, dass dieser Wille eingreift, ohne dass er verursacht wäre. Aber das widerspricht sogar dem wissenschaftlichen Weltbild, das alles nach Ursache und Wirkung, nach Grund und Folge verkettet sieht. Dieser freie Wille soll also in dieser Vernetzung ursachlos eingreifen, die Dinge aber folgenschwer richten? Triumph oder Schuld sind Folgen davon. Etwas dazwischen täte auch nicht schlecht. Ein bisschen Gleichgültigkeit vielleicht.
Diese Ansicht, unser Tun sein ursachlos, jedoch folgenschwer, deckt sich mit der ursprünglichen Auffassung von Gott. Das Ideal moderner Selbstbestimmung ist weiter nichts, als dass diese Auffassung sozusagen vom Himmel abgegriffen und in das intime Leben jeder einzelnen Person verpflanzt wird. Eine totale Verkehrung, wie sie oft in der Geschichte passiert. Eine Überheblichkeit schlechthin, zumindest aus religiöser Sicht. Eine Hybris, die nach antiker Auffassung früher oder später ausgeglichen wird.
Wie steht es denn um die Freiheit dieses vielbeschworenen freien Willens? Er selbst kann nicht frei sein. Wie denn? Mein Stirnhirn steuert zwar Lüste und Ängste. Es unterdrückt sie, verzögert sie oder lässt sie absurren, sobald der Augenblick für passend befunden wird. Das mag man als freien Willen erachten. Doch die Freiheit dieses Willens hängt davon ab, wie ich seit meiner Kindheit von anderen Menschen behandelt wurde. Jedenfalls laut neurobiologischer Befunde. Folglich gedeiht diese Freiheit in erbärmlicher Abhängigkeit. Wie auch sonst! Sie lässt sich also unmöglich verallgemeinern.