Freuden der Ohnmacht – Manna per Post – Mit Beatrice über Cannabinoid

Man sollte nicht an jeder Glaspfeife nuckeln, die einem so geboten wird, nur weil der bestellte Stoff auf sich warten lässt. Zumindest auswärts möchte ich von nun an darauf verzichten. Oder ich sichere mir zuvor eine Liegefläche, die rasch zu erreichen ist: Zweimal wurde ich ohnmächtig. Zuerst unter Leuten in einer vernebelten Höhle, die selber keinen klaren Gedanken mehr fassten. Später frühmorgens beim Aussteigen aus dem Zug. Die Ohnmacht währte nur kurz. Mein Körper zwang mich zu Boden, damit mir das Blut in den Kopf schoss. Und schon war ich wieder wach und sprang erfrischt auf die Füsse. Dieses Fallen fasziniert mich ungemein. Vielleicht übe ich so mein Sterben. Erst vernahm ich ein Rauschen im Kopf, dann leuchtete in meinem Gesichtsfeld das Aderwerk meiner Augäpfel golden auf, wobei die Spur von aussen nach innen führte. Ich glaube, ich sah diese Verästelung ganz fein pulsieren. Während ich zum Mantel floh, der in der Ecke hin, um der Situation zu entkommen, spürte ich eine Art Sog, der sich vom Boden her entfaltete. Ihm zu widerstehen fiel mir zunehmend schwerer, sodass mir einerseits durch den Kopf schoss, das dürfe auf keinen Fall passieren, andererseits dachte ich, ich ergäbe mich nur zu gern dieser planetarischen Schwerkraft, bei der Physiker übereinstimmen, dass man nicht erklären kann, was sie ist. Wie ein Günstling Saturns kam ich mir vor, der über aller Schwermut hängt. Ein Leitgestirn besonders für Männer, die gerne in sich selbst ertrinken. Ich kam nur ein paar Schritte weit, da wurde mein Licht abgedimmt, es knipste aus und ich erwachte auf dem Rücken liegend noch im gleichen Augenblick. Vom Sturz selbst jedoch ist mir nichts in Erinnerung geblieben. Auch schmerzte nichts, keine Spur von Prellung oder Ähnlichem. Ein zwei Leute hatten mich fallen gesehen. Sie erzählten später, ich sei eher zu Boden gesunken, hätte mich abgestützt, als wollte ich mich hinlegen, und wäre auf den Rücken gerollt. Das muss ganz und gar natürlich abgelaufen sein. Vom Greifen nach dem Mantel bis zum Aufwachen am Boden blieb nur Schwärze und Stille in wohligem Nichts. Dazwischen vergingen Augenblicke, die mir wie Tiefschlaf erschienen. Daher war das Gefühl, erfrischt zu sein, so beglückend wie kaum sonst.
Das Ganze passierte mir noch einmal, denn ich belohnte diese Erfahrung mit ein paar Zügen aus der Glaspfeife, sozusagen als Nachtisch vor dem Gehen. Als ich mich vor dem Aussteigen aus dem Zug an der Stange halten wollte, gaben meine Knie nach. Eine junge Frau, die zur Arbeit fuhr, war darüber freilich sehr erschreckt. Draussen gelangen mir wieder nur zwei, drei Schritte, und schon erwachte ich erneut auf dem Rücken liegend, während die junge Frau zum Kiosk eilte, um Hilfe zu holen. Aber ich war rasch zur Stelle und gab Entwarnung. Die Leute zeigten sich ernsthaft besorgt. Ich hätte noch so bekräftigen können, es ginge mir eigentlich so blendend wie nie, sie hätten es mir nicht geglaubt. Wenn jemand zusammenbricht, lässt sich das kaum beschönigen. Immerhin liess ich mir einen schwarzen Kaffee frei Haus aufnötigen. Mir war die Kontrolle über mich selbst entzogen worden, und ich fand das angenehm. Dabei wurde sie bloss abgegeben, nämlich an die Natur. In mir. Trotz aller Sorge von Helfern, die von meiner Not überzeugt waren, werde ich bis heute den Eindruck nicht los, ich hätte mich in diesen kurzen Augenblicken völligen Dunkels in besten Händen befunden.

Manna per Post
Endlich bekam ich den Stoff per Post zugestellt. In hitziger Erwartung von drei Briefchen mit eingeschweisstem Inhalt und mehrheitlich Füllmaterial riss ich das Päckchen auf und schüttete alles aus. Zu meiner völligen Überraschung ergoss sich eine Flut von mehreren Dutzend Briefchen auf den Küchentisch, alle beschriftet mit ‘Nirwana King’. Insgesamt dreiundvierzig Stück. Falsche Sendung, dachte ich zuerst, und ich sah mich schon die Fracht neu verpacken und auf die Post bringen. Doch diese Fülle berückte mich derart, dass ich mich hinsetzte und die Briefchen mehrmals durch meine Finger rinnen liess, als wären es Banknoten. Ich rührte darin herum, wie meine Mutter jeweils die Karten zu einem Patience mischte. Eine Rechnung fehlte. Vielleicht war das Zeug völlig wertlos, aber dann wäre die Mühe unerklärlich, das Ganze an mich zu verschicken. Die Adresse stimmte ja. Ich dachte mir Szenarien aus, die das glückliche Missgeschick erklärten, etwa eine anstehende Razzia, die es unabdingbar machte, dass das Zeug zuverlässig verschwand, eben per Post. Einfach wegschmeissen hätte Ermittlungen nach sich ziehen können. Ich beschloss, abzuwarten. Die drei Briefchen, die mir zustanden, würden für sehr lange reichen. Gemäss Recherchen heisst mein Stoff Quchic oder BB-22. Ein Vollagonist mit hoher Bindungsaffinität. Bildhaft gesprochen dockt das Quchic doppelt an im Kopf, während Gras nur einhändig zulangt. Mit künstlichen Stoffen habe ich nie Mühe gehabt. Es sind ja nur Elemente, die man isoliert und neu zusammenfügt. BB-22 meint eine Verbindung aus Kohlenstoff und Wasserstoff und ein wenig Stickstoff und Sauerstoff. Wenn Bienen Nektar aus der Umwelt lösen und daraus Honig machen, sieht man nichts Künstliches darin. Warum eigentlich nicht? Jede Form intelligenten Lebens ist aus der Natur hervorgegangen. Und Intelligenz bedeutet ja, dass etwas gesammelt wird. Die Pseudo-Hindus hatten wohl nicht ganz Unrecht mit ihrer Haltung, dass einem das Leben schon das Nötige von selbst zuträgt, sofern man sich nicht davor verschliesst. Wie verlockend sind doch diese Aussichten. Wie verführend der Gedanke, das Leben könnte mir mit dieser üppigen Sendung eine Möglichkeit zu mehr Gegenwärtigkeit zugespielt haben. Das wäre dann als Beleg dafür zu werten, dass meine Zeit wirklich abläuft. Der Beleg für den Beginn eines letzten Wegstücks, für einen scheuen Aufbruch dahin.

Mit Beatrice über Cannabinoid
Beatrice würde sich auslassen über die Künstlichkeit meines neuen Vergnügens. Ich stelle fest, noch immer überlege ich mir ihre mögliche Meinung, was mein Leben anbetrifft. Sie würde bemängeln, das sei keine echte Freude, die käme von innen heraus. Niemand in der Wohngemeinschaft liess sich je ernsthaft beeindrucken, wenn sie uns ins Gewissen redete. Freilich argumentierten wir dagegen an. Ich erwähnte zum Beispiel ihre Mutter, von der ich wusste, dass sie sich selbst gelegentlich einen Blumenstrauss kaufte, nur um sich zu erheitern. War das denn keine künstliche Freude, die man sich von aussen zuführt? Obendrein handelte es sich bei ihren bevorzugten Käufen um Züchtungen. Gladiolen, Astern, Rosen. Das liesse sich nun mühelos mit der Herstellung von Cannabinoiden vergleichen. Wie auch immer, interessant ist, dass mir Beatrice sofort in den Sinn kam, als ich kürzlich von dem ersten Briefchen naschte und mich aufrecht auf das Sofa setzte. Zuvor hatte ich Kaffee getrunken und mir eine Kanne bereitgestellt, denn ich wollte wach bleiben, damit ich mitbekomme, was abgeht. In einem ersten Schub erinnerte ich mich an Beatrice, ich hörte sie sogar zu mir sprechen, allerdings in der Art, wie man Melodien hört, wenn man einschläft, sozusagen im Innenohr, jedenfalls tief im Kopf drin. Diese Melodien gewinnen an Klarheit, je mehr wir einschlafen, und sie laufen zunehmend selbständig ab. Beatrice also sagte mir in meinen Gedanken: ‘Das Zeug ist Industrieabfall!’ Das war nun doch sehr erstaunlich. Der Eindruck, dass ich das Ganze innen vernahm, dass Beatrice also unmöglich zugegen war, bestand unmissverständlich. Auch nachträglich fühle ich mich zu keinerlei Zweifel veranlasst. Tatsächlich hatte ich diesen Ausdruck gelesen, als ich über den Stoff recherchierte. Doch ich musste ihn verdrängt haben. Dieser Bescheid, von dem ich nichts wissen will, koppelte sich an die Erinnerung an Beatrice, die das Quchic doch recht schnell wachrief. So liess er sich herausfischen. Folglich warnte ich mich selbst. Ausserdem spürte ich zum ersten Mal eine Art Bedauern, dass Beatrice nicht mehr da war. Auch ein Anflug ängstlicher Bedenken, was die Sache betrifft. Interessant, diese Emotionalität, für mich doch eher ungewohnt. Industrieabfall also. Zu diesem Zeitpunkt war ich nicht in der Lage, den Ausdruck in aller Ruhe zu prüfen. Aber das lässt sich nachholen. Die Bezeichnung geht ins Mark. Mit ihm wird aller Schrecken aufgeboten, da er das Schlimmste an organischer Natur heraufbeschwört, nämlich modrige Zersetzung, stinkend und dampfend. Dieses Grauen wird mit synthetischen Giften, die vielleicht gering dosiert auf der Haut reizen und Ausschläge hervorrufen, in einen Begriff zusammenführt. Schon riecht man faule Eier, sieht zugleich neonfarbene Dämpfe aufsteigen. Der Ausdruck ist für sich genommen ein Prachtstück an höchstbesorgter Phantasie. Doppelt genäht eben, wie immer, wenn Sicherheit geboten ist. Das sollte mich nachdenklich stimmen, schliesslich führt jede Warnung auf Gründe zurück, die man nicht sieht, die es aber gleichwohl gibt. Dafür aber fallen die Warnungen vor Cannabinoid im Netz viel zu dürftig aus. Es handelt sich auch nicht um Abfall, sondern um ein fixfertiges Schmerzmittel, allerdings mit Rauschwirkung. Dennoch gelangte ich so zu einem weiteren Gesichtspunkt, der zu bedenken ist und gerne unterschlagen wird. Nämlich die noch unbekannten Spätfolgen, die zu erwägen sind, sollte ich mich an diese abenteuerliche Annehmlichkeit gewöhnen. Wenn ich aber bedenke, dass in unserer Küche schon Leute sassen, die täglich gegen Aids ganze Cocktails von Tabletten schlucken, ohne dass Daten über Spätfolgen vorlägen, teile ich doch demütig ihr Schicksal und nehme dieses, im Vergleich doch eher bescheidene Risiko gerne auf mich.