Erster Kontakt mit Cannabinoid – Letzte Betrachtung zum Unrat
Ein Gast war hier in der Wohngemeinschaft, er genoss mit uns die Glaspfeife. Ein Typ mit riesigen blauen Augen und einem Tatoo, das vom Nacken her fingerartig über seine Glatze rankte. Wie er von meiner Mühe erfuhr, die ich öfter mit Gras habe, bot er mir zur Alternative ein synthetisches Kraut an. Die anderen verwarfen die Hände, als sie davon hörten. Das machte die Sache für mich umso [reiz]voller. Der Gast beruhigte mich, die wüssten eben nicht damit umzugehen. Ich könne ihm vertrauen, er sei Psychonaut. Gras stopfe man mit den Fingern, Cannabinoid hingegen mit einer Pinzette. Also weniger als wenig, verstand ich. Weniger als nichts, zwinkerte er mir zu.
Und er machte mir eine besondere Pfeife zurecht, die einer sehr kleinen Schaufel glich. Zwar zeigte ich mich unentschlossen, aber es fiel mir schwer, abzulehnen, liess mich umwerben. Tatsächlich gab der Typ erstaunlich wenig Kraut in die Höhlung. Es war feinster Knaster, also ein Ersatz für Tabak, der mit dem Stoff besprüht war. Ich sollte einen Zug nehmen und den Rauch natürlich ausatmen, statt ihn für möglichst lange in der Lunge zu behalten. Dann musste ich auf Sechzig zählen, bevor ich den nächsten Zug wagen würde. Meistens reiche einmal naschen, erfuhr ich. Und spätestens nach Dreiviertelstunden sei der Spuk vorbei. Wie per Schalter abgedreht. So tat ich es, ich gehorchte ihm aufs Wort.
Der Rausch war eine Art Abstraktion der herkömmlichen Stimmung auf Gras. Ein Aspekt davon, der das Denken sogar belebt. Es kam so, wie der Gast es vorausgesagt hatte. Keine Spur von Trägheit blieb zurück, mein Kopf fühlte sich erfrischt an. Wie gelüftet. Ich war hingerissen von dem Stoff.
Noch am selben Abend ging ich ins Netz und recherchierte darüber. Ergänzt durch das Suchwort ‘Warnung’ bekam ich rasch Klarheit. Auf verschiedenen Kanälen wurde zum Beispiel von Badesalzen dringend abgeraten, ganze Foren gaben Warnschüsse ab. Nichts Vergleichbares fand sich jedoch zu Cannabinoiden. Einige berichteten von Anfangsschwierigkeiten. Da hatte ich ungewollt und unentgeltlich die nötige Führerschaft einfach so bekommen. Das Kraut ist gefährlich, da es unterschätzt wird. Auch hier ist es eine Frage des Masses, nicht der Substanz selbst. Es ist parfümiert, es duftet nach Räucherstäbchen. Erfahrene Drifter, die die Stärke natürlichen Grases an seinem satten harzigen Duft auszuloten in der Lage sind, machen sich darüber lustig, rauchen es munter weg, kriechen dann aber auf allen Vieren herum. Dazu reichen wenige Sekunden. Und Dreiviertelstunden genügen völlig, dass man wiederholt in Panik gerät und die Ambulanz rufen lässt.
Soweit die Oberfläche. Wenn man jedoch in der Sache tiefer geht, verändert sich das Bild. Man vermutet eine Gruppe von Biochemikern, die in der Schmerzforschung auf der Grundlage von Cannabinoiden ein Medikament mit möglichst geringen Nebenwirkungen zu entwickeln suchten, es aber nicht schafften, die Rauschwirkung zu unterbinden. Also habe ich ein paar Gramm bestellt, sprich drei Briefchen mit der idiotischen Aufschrift ‘King Nirwana’ und einem Motiv, das wohl an eine Schlange erinnern soll.

Letzte Betrachtungen zum Unrat
Die Sache mit dem Unrat hat mich nachhaltig beschäftigt. Wir schrecken zutiefst angewidert vor etwas zurück, das sich harmloser nicht darstellen lässt. Während des Vorganges mit Linda dachte ich eher an gebündeltes Stroh oder geschnürtes Altpapier, wie es hierzulande vor die Tür gestellt wird. So widersinnig es klingen mag: Unrat ist eine sorgfältig, von der Natur sogar peinlich genau aussortierte Angelegenheit. So gesehen etwas, das sauber ist. Linda und ich unterhielten uns im Anschluss über die Sache. Beim Kaffee, den sie zuvor aufgebrüht hatte, um ihren Darm auf Touren zu bringen. Sie war frisch geduscht, sie sass da, das Badetuch unter den Achseln umgelegt, da sie meinte, ich wollte noch eine Stunde mit ihr anhängen. Da fragte sie mich nach dem Grund dieser Fantasie, wie sie es bezeichnete. Auch der Ausdruck Fetisch fiel. Ich erklärte ihr, ich wolle mir bloss den Weg zu meiner Prostata bahnen, und das sei gelungen. Aus Angst vor Krebs. Aus Angst vor dem Tod. Trotzdem konnte ich ihr nicht verleugnen, dass es mich sehr wohl antörnte, wenn ich tiefsitzende Normen überschritt. Das habe sie bemerkt, schmunzelte sie zufrieden. Erst jetzt erinnerte ich mich, dass sie mir von Hand zu einem Abschluss verhalf, als ich meiner Erkenntnis nachspürte, sie sass ja meinen Lenden zugewandt auf mir. Auch bestätigte Linda das enorme Lustgefühl, das man beim Ausscheiden empfindet.
Und wir plauderten in einer wunderbaren Offenheit dahin. Linda musste psychologische Kenntnisse haben. Erst stösst das Kind auf viel Begeisterung bei den Eltern, wenn es sein Geschäft macht. Diese urtümliche Freude, dass es lustvoll abkackt und dafür obendrein Lob erntet, verkehrt sich jedoch abrupt in ihr Gegenteil. Es ist der allgemeine Abscheu vor dem Unrat, dem sich das Kind anzupassen hat. Und die Methoden dürften noch heute grobschlächtig sein, wenn es darauf ankommt. Ein Kind, das nicht stubenrein ist, bringt die ganze Familie in Verruf. In Misskredit, um es geschäftlich auszudrücken. Und nun setzt die Macht ein. Das Kind, verwirrt und verletzt, verzögert sein Geschäft, wenn es sollte, oder hält es ganz zurück, bis die Eltern verzweifeln. Oder es lässt ihm freien Lauf, ganz vorsätzlich und berechnend, im dümmsten Moment, wenn Besuch da ist oder im schicken Restaurant vor dem Hauptgang. Linda und ich stimmten darin überein, dass genau mit dieser Abscheu die Macht einsetzt. Und mit der Macht ihr Missbrauch. Erziehung auf der einen Seite, trotzige Verweigerung auf der anderen. Und die Lust, das ist klar, steigert sich enorm dabei. Macht und Lust hängen eng zusammen. Scheissen ist faschistisch. Das heisst, du drückst ab, machst den Sack zu. Draufhauen, durchdrücken. Abscheissen oder abschiessen, das kommt sich erhellend nahe. Linda wollte wissen, ob ich denn keinen Ekel verspürt hätte. Das hatte ich sehr wohl. Der Ekel bezeuge zweierlei, sinnierte ich, nämlich die unschlagbare Echtheit dieser Natur, die sonst unter Parfum und Schminke betäubt dahindämmert. Vor allem aber gebe Ekel den handfesten Beleg dafür, dass in diesem flüchtigen Augenblick tatsächlich und unwiderruflich ein tiefes Tabu westlicher Zivilisation gebrochen wird, sodass es danach keinen Begriff von Minderwertigkeit mehr gibt. Meine Entdeckung könnte soziale Folgen haben. Unsere Abscheu vor Unrat überträgt sich leicht auf Menschen. Auf Farbige, auf Minderbemittelte. Aber er schmeckt nach nichts, bedeutet nichts. Es kam mir vor, als hätte ich dem Rassismus und sonstigem Statusgehabe die nährende Grundlage entzogen.
Linda und ich trennten uns wie Gefährten, küssten uns auf die Wangen, auch wenn beiden klar war, dass es wohl kein Wiedersehen geben würde. Nur schon der Gedanke stimmt mich dauerhaft glücklich, dass es in dieser Welt jemanden wie Linda gibt. Oder wie sie heissen mag.