Betrachtungen zum Unrat  In der Bibliothek: Will ich überleben, verliere ich meine Prostata. Will ich sie behalten, komme ich nicht umhin, dass ich mich der Finsternis meines Unterleibs stelle. Dem Unrat in mir. Mein Entscheid: Ich lasse mich zwingen. Von jemandem. Aus freiheitlicher Sicht mag das abartig klingen, für mich macht es natürlicherweise Sinn. Auch solche Angebote sind zu haben. Durch die Finsternis ins Licht, wie es heisst. Aber ich habe keine Garantie für dieses Licht. Vielleicht ist meine Bereitschaft zu dieser Verrücktheit fragwürdig, auch wenn ich mich dazu gedrängt sehe.
Ein französischer Psychoanalytiker betont, wir seien die einzige Lebensform, die mit ihren Ausscheidungen Probleme habe. Vielleicht steht und fällt mit dieser sonderbaren Abscheu überhaupt unsere Auffassung von Minderwertigkeit, ganz gleich, wo diese laut wird. Mir leuchtet ein, wenn klar würde, dass zum Beispiel Rassismus damit zusammenhängt. Ohne Abscheu vor Scheisse kein Rassismus, was wäre die Formel. Oder die Gesellschaft wird geschichtet. Wie Misthaufen. Angehäufte Kacke ist ein Problem der Sesshaftigkeit, die für kulturell unerhört bedeutsam gilt. Der Adelige hat sich von der bäuerischen Masse abzuheben, damit er anders ist. Sonst bleibt seine politische Einflussnahme ohne Wirkung. Also muss er seinen Stallgeruch loswerden. Und das Bürgertum zieht später nach. Verändern wir unser Verhältnis zu unserem höchsteigenen Unrat, wird das vielleicht nicht ohne soziale Folgen bleiben. Ich sollte Aktionskünstler werden. Die landen doch irgendwann alle bei solchen Geschichten.
In Sachen Unrat entlastet mich immens ein Blick in die Geschichte der Scheisse. Entlastung im Hinblick auf mein Vorhaben. Auch dazu bietet die Bibliothek Einschlägiges zuhauf: In einer Gesellschaft, die auf Virtuelles setzt, gewinnt der Unrat an Reiz, da er unzweifelhaft echt ist. Tiere kennen keinen Ekel. Etwas mehr Würdigung für unseren Stoffwechsel wäre durchaus angezeigt, statt seine Kehrseite gleich wegzuspülen. Schliesslich ermöglicht er uns mehr Freiheit als manch anderer Lebensform. Eine Kollegin verriet mir einmal den Grund, warum Frauen öfter zu zweit die Toilette aufsuchen. Man darf raten, aber man wird unmöglich darauf kommen: Die eine steht Wache, damit die andere ihr geräuschvolles Geschäft frei verrichten kann. Beides berührt uns peinlich, Gestank wie Akustik, denn beides ist tierisch und entzieht sich unserer Kontrolle. Dem Über-Ich steht Scheisse als ein Unter-Nichts gegenüber. Ein Stück Es, das uns in blödsinniges Gelächter ausbrechen lässt, obwohl es weder krabbelt noch fleucht. Die Unterschicht macht sich die Hände schmutzig, wenn sie die Oberschicht mit Scheisse bewirft. Diese hingegen braucht nur die Hose herunterzulassen.
Wer hätte gedacht, dass Scheisse sogar zuinnerst in freiheitlicher Gesinnung steckt? Wenig Staat, Wettbewerb überall, ausgelagerte Spezialisierung. Schande denen, die rote Zahlen schreiben. Der Neoliberalismus erschien mir immer als Revolution des Bäuerischen, sprich des nordamerikanischen Siedlertums mit seiner natürlichen Trickserei zum Überleben. In allem war man auf sich gestellt. Aus eigenen Kräften setzten sie sich gegen Bären und Eingeborene zur Wehr, auch gegen andere Siedler, die genauso auf sich gestellt mit hemdsärmeligen Kniffs vorgingen. Kein Staat eilte zu Hilfe, also wurde gar nicht nach ihm gerufen. Auch Seuchen standen Siedler alleine durch. Die eine Hand auf der Bibel, die andere an der Waffe, wie es in einem Lied heisst. Nun sind sie zu vermögenden Eliten geworden, die Einfluss nehmen auf das Weltgeschehen. Der Kult des Privaten setzt sich durch. Privates jedoch bedeutet wörtlich Geraubtes. Tatsächlich haben Siedler Land ungefragt in Anspruch genommen. Es war einfach da. Und sie bestimmen: Wer Land gestaltet, dem gehört es auch. So greift ein Eigentumsrecht, das völlig willkürlich ist. Voltaire meinte immerhin: Wer Land gestaltet, dem gehört die Frucht davon. Der Kern dieser Sache aber liegt tiefer. Denn die Siedler haben ihre Vorfahren in dieser Erde begraben. Und sie haben sich den fremden Boden angeeignet, indem sie ihn mit eigenem Dung höchstselbst anreicherten. Ein verschwiegener Umstand, der die Willkür dieses Eigentumrechts beinahe aufhebt. Das meine ich anerkennend. Genauso, wie unter linken Aussteigern Kompostklos gängig sind, so steckt im Innersten des rechten Neoliberalen ein bewaffneter Siedler, der sich sein Land höchstselbst zusammenkackt.
Aber es kommt noch interessanter: Ein Adjudant der US-Armee wurde 1881 Zeuge eines Harntanzes bei den Zuni-Indianern. Die Darbietung eröffnete einen Reigen von weit Abstossenderem, worüber der Autor seine Leserschaft schonungshalber in Unkenntnis belässt. Der Grund dieses Brauchs lag darin, dass die Zunis lernten, Ekel zu überwinden und alles Mögliche zu essen, falls sie bei der Jagd von Bisons zu weit abgetrieben würden, damit sie ihre tagelange Rückkehr überlebten. Der Autor erforschte daraufhin die Aufgabe von Unrat in den Sitten verschiedenster Völker. Europäier, Slawen, Asiaten, Amerikaner. Sein Befund ist schlicht erhellend. Auf den Punkt gebracht wurde Unrat, sei er menschlichen oder tierischen Ursprungs, nicht nur als Dünger, sondern auch als Heilmittel eingesetzt. Das bedeutet praktisch, dass man Unrat als Fango-Packung aufgetragen oder den Speisen in geringer Dosis beigemischt hat. Für Mütter ohnehin keine Schwierigkeit, da sie über die schlichte Möglichkeit verfügten, sicher zu ermitteln, ob ihr Kind krank war, indem sie von seinem Stuhl kosteten. Sex und Ausscheidung hängen eng zusammen, vorzüglich bei Männern, die Samen vergiessen. Heute gibt es doch tatsächlich Gemeinschaften weltweit, die körperliche Ausscheidungen in ihre Sexualität einbeziehen. Für manche dürfte es unerklärlich bleiben, wie man diesen tiefen Ekel aushebelt. Wem es dabei flau wird, dem sei vorweg eröffnet, dass der Ekel vor Unrat bei diesen Praktiken offenbar erhalten bleiben muss. Andernfalls käme es gar nicht zum Genuss, der hauptsächlich darin besteht, dass ein mächtiges Tabu überschritten wird.
Grundsätzlich aber geht es bei dieser heiklen Sache darum, dass man gesund wird. Dazu hüllen wir uns in Natur ein, ob wir nun ins Wasser steigen oder Höhenluft tanken. Diese Liste darf man nun ergänzen. Sportliche Betätigung versteht sich so gesehen als innige Erfahrung einer gesteigerten Natur. In einem mongolischen Spielfilm graben sie eine Person, die einen schweren Stromstoss erlitten hat, der Länge nach bis zum Hals in Erde ein. Im Appenzellischen werden neuerdings wie früher Molkenbäder angeboten. Es soll also völlig normal sein, dass man in tierischer Muttermilch badet, während die genannten Praktiken mit Unrat für verwerflich gelten? Dabei sind sie nur Nuancen vom Gleichen. Nämlich dass wir die Nähe zu echter Natur brauchen. Die Einen mehr, die anderen weniger. Aus unterschiedlichen Gründen. Daher nehmen wir sie uns, wo sie eben greifbar ist.