Bei Agatha – Gedanken dazu
Zweiter Befund in Sachen Prostata: Unverändert, Tendenz zur Verschlechterung. Die Lage ist ernst, eine Überwachung dringend geboten, damit wir rechtzeitig loslegen können, heisst es. Das traf mich unerwartet hart. Nichts mehr vom metaphysischen Ja, aber nur für den Moment des Schreckens. Etwas musste nun geschehen. Dabei treibt mich Todesangst genauso wie mein Widerwille gegen die Krebsindustrie. Was ich schon einmal angedacht hatte, habe ich nun in die Tat umgesetzt, noch getragen von der Sonne Griechenlands und Delphis: Der Service einer Transsexuellen könnte in Sachen Prostata eher Abhilfe schaffen. Transen werden bekanntlich von Heteros besucht. Folglich ist die Möglichkeit intakt, dass meine Lust geweckt und auf Resonanz stossen könnte. Agatha gefiel mir auf Anhieb, das verwunderte mich etwas. Schliesslich stand ein Mensch, der als Mann geboren war, in entsprechender Grösse vor mir. Das ergab eine Wucht von Frau, die meine Verlegenheit ungerührt liess. Ein strammer Nacken, die Stimme nur leicht vertieft, dazu eine rätselhafte Oberweite, die sich natürlich weich anfühlte und busig duftete. Ich vermied es, nach technischen Einzelheiten zu fragen, ob Hormone oder Silicon im Spiel wären oder beides, diese Dinge interessierten mich wirklich nicht. Warum sollte ich auf Täuschung verzichten, wenn es seine Wirkung nicht verfehlt? Entgegen bekannter Gepflogenheit im Milieu fuhr Agatha mir mit ihrer Zunge direkt in den Mund. So wurde ich freilich zur leichten Beute. Die Küsse waren derart kräftig, dass mir nachträglich das Zungenbändchen schmerzte. Der Eintritt in meine höchstpersönliche Finsternis jedoch gestaltete sich schwierig. Agatha liess uns Zeit. Wer weiss, welche unsanften Erlebnisse aus früherer Kindheit in mir anklangen, seien es Zäpfchen, die mir wider Willen, aber höchst dringlich eingeführt worden waren, oder behandschuhte Eingriffe, die ich infolge zurückgehaltenen Stuhls zu erdulden hatte. Da hielt mir Agatha ein geöffnetes Fläschchen unter die Nase. Ich schnüffelte daran, der Krampf setzte sich zunächst fort, doch auf einmal ploppte das Tor auf und liess Agatha in mich ein. Ein regelrechter Türöffner. Ich war überrascht. Meine Freude gab auch Agatha erheblichen Ansporn, denn sie wuchs in mir spürbar an und begann, ihr Werk zu verrichten. Dabei wies sie mich an, ich solle pressen wie bei Stuhlgang, und so rückte sie jeweils vor und langsam wieder zurück. Das ergab einen Atem, der mich weitertrug, als ich vermutet hätte. Über ganze Täler hinweg, die immer sonniger leuchteten. Mein Rücken ging zunehmend ins hohle Kreuz, während sich mein Oberkörper hob. Irgendwann warf ich den Kopf in den Nacken und atmete hörbar aus. Agatha drückte ihre Wange an meine, ich fragte sie, ob ein Höhepunkt so möglich sei, und wie sie das bejahte, entfuhr mir ein Seufzer aus voller Tiefe. Ich erschrak über mich selbst, dennoch faszinierte es mich ungemein. Das Ganze begann immer wieder von vorn. Etwas sammelte sich in mir an, baute sich auf und entlud sich mehrfach. Aber es war nicht das Übliche. Irgendwann, viel zu früh, löste sich Agatha von mir, rückte mit ihrem Schoss an meinen Kopf heran und gab mir ihre Milch zu kosten, die ich wie eine warme, sämige Taufe zu meiner Neugeburt empfing. Ich musste etwas würgen ob der Ladung, aber seltsamerweise tat mir das wohl. Sie schien das zu verstehen, denn sie strich mir über den Kopf wie einem Kind, das ein heilsames Verfahren bewältigt.

Gedanken dazu
Wie kann ich ohne Agatha diese Sonne zum Glühen bringen? Die Durchblutung meiner Prostata wäre so spürbar gewährleistet, der allfällige Krebs abgewendet. Aber die Düsternis, die dort herrscht, e […]. Agatha war gerührt, wie mir schien, als ich ihr gestand, ich würde sie nur zu gern in mein Leben mitnehmen. Beim Abschied stand sie an der Tür. Sie hatte zugesehen, wie ich mich ankleidete. Die eine Hand hielt sie auf der Scham wie eine Venus. Mit der anderen blies sie mir einen Kuss zum Abschied hinterher. Sie regelmässig zu besuchen, ginge hart ins Geld. Abgesehen davon muss ich mich wohl überhaupt der Tatsache stellen, dass ich einer bin, der solche Dienste in Anspruch nimmt. Da kommt doch eine Art Gretchenfrage auf. Wie halte ich es mit der Prostitution? Bei meinen Aussichten ist vieles, was ich tun werde, vorweg gerechtfertigt. Ohne Befund würde ich nie diese Wege gehen. Aber das scheint mir zu einfach. Zwar glaube ich an kein Jüngstes Gericht, wo man mich zur Kasse bitten wird. Und ich bilde mir auch wenig auf diesen Unglauben ein, er fällt heute doch gar sehr leicht. Aber ich werde vor mir selbst dastehen oder eher irgendwo bettlägerig hingepflanzt sein, wenn ich auf mein Leben zurückblicke. Das reicht doch, dass ich mir über mein Tun und Lassen Klarheit verschaffe. Meine Sonderwünsche erklären, warum ich zum Freier wurde. Dennoch fördere ich damit die Hurerei. Vielleicht muss man meinen Fall allgemeiner sehen. Ausserdem hat sich der Schwerpunkt moralischer Debatten verschoben. Hier in der Wohngemeinschaft kam schon die Frage auf, ob der Bordellbesuch verwerflicher sei, als wenn man Pornografie geniesst. Früher hätte man beide Vorhaben grundsätzlich abgelehnt. Öffentlich zumindest. Das könnte nach wie vor der Fall sein, indem beide Verhaltensweisen für schlecht gelten, das eine jedoch für noch schlechter als das andere. Ein Unterschied nach Graden ist mühsam zu fassen, wenn man ihn erklären soll. Was macht das Eine besser als das Andere, wenn nicht das, was wir für gutes Verhalten erachten? Und das ist immer ein Verhalten, bei dem Rücksicht auf Andere genommen wird, letztlich auf das gesamte Gemeinwesen, dem wir angehören. Spätestens da kommt einem der Verzicht auf persönlichen Vorteil jedoch wieder zugute. Das wäre die eine Vorarbeit zur Klärung. Die andere betrifft zwei Grenzwerte, die hier eine Rolle spielen: Das beste Verhalten in der Sache sexueller Triebabfuhr, so die Tradition, wäre Treue auf Lebenszeit, die schlechteste ein Übergriff mit Vergewaltigung zum blossen Lustgewinn. Irgendwo dazwischen sind die Fälle von Porno und Puff angesiedelt. Für beide gilt, dass Geld verdient wird. Auch Amateure verdienen ihre Coins, wenn sie sich vor der Kamera gehen lassen. Ein Handel also, wie er sonst niemandem Kopfzerbrechen bereitet. Gegner der Prostitution beklagen die mögliche Zwangslage. Das wäre allerdings ein Problem des Zwanges, nicht der käuflichen Liebe selbst. Schliesslich verbieten wir die Arbeit nicht, nur weil es Zwangsarbeit gibt. Freiwillige Sexarbeit gibt es für die Gegner nicht. Sie müssen also zahlreiche Selbstzeugnisse Lügen strafen, die eben genau das von sich in Anspruch nehmen. Gegen freiwillige Prostitution, die es gleichwohl gibt, wäre anders zu argumentieren. Zwang ist ohnehin eine graduelle Sache. Die Ansicht, jemand tue etwas entweder freiwillig oder völlig fremdbestimmt, greift an der Wirklichkeit vorbei. Wir sind zu Steuerleistung verpflichtet. Bestenfalls entscheiden wir uns für die Art der Erwerbstätigkeit, je nach Möglichkeiten, die wir haben. Soviel zur so genannten Freiheit: Wir wählen die Mittel, aber nicht die Zwecke, für die wir sie einsetzen. Und an Zwecken, nicht an Mitteln hängt unsere Bedürftigkeit. Hierzulande heisst arbeiten ‘schaffen’. Warum nicht gleich ‘anschaffen’ für alle Berufe verwenden? Manche vertragen die Demütigung nicht, die zumeist Frauen erdulden, wenn sie Pornos drehen oder sich anbieten. Aber man hört von Betroffenen, die sich im Gastgewerbe weit öfter erniedrigt fühlen. Sie werden von älteren Herren mit fettem Geldbeutel angegeifert, weil sie an den Barbereich gebunden sind. Wenn sie huren, bestimmen sie Tarif sowie Umstände und Ablauf der Begegnung. Mütter kommen so schneller an Geld, sagen sie. Für Unterhalt. Für ihr Kind. Besonders jedoch sammelt sich bei Huren, ob sie das wollen oder nicht, viel Wissen an über männliche Landsleute, das nirgendwo sonst greifbar ist. Früher schon machte sie das unheimlich, sprich gefährlich. Privilegiertes Wissen stimmt argwöhnisch. Ihr Gewerbe gilt auch deshalb für verwerflich, weil sie sich damit als Person zum Mittel ihrer Zwecke herabwürdigen. Ich weiss nicht, warum dieser Einwand nicht gleichermassen auf Berufe zutreffen soll, wo man mit Lächeln und Auftreten eine bestimmte Organisation nach aussen vertritt. Diese Leute wissen, ihre Person genauso zu verbergen, wie eine Hure, die mit Parfum einen Schutzfilm auf ihrem Körper aufträgt und farbige Glühbirnen in die Fassungen schraubt, damit die Wirklichkeit etwas gebrochen wird oder angenehm verzerrt. Auch Sänger und Schauspieler nutzen sich selbst als Mittel zu ihren Zwecken. Nicht zu vergessen Sportler und Maurer. Ist ihr Körper etwa nicht Mittel zum Zweck? Anstössig zudem ist seit je die Tatsache, dass es um käufliche Liebe geht. Ein Handel am falschen Ort, heisst es. Genauer ist es ein Kauf von Sex ohne Liebe. Allgemein wird davon ausgegangen, dass Sex an Liebe gebunden sei. Viele bejahen das, andere bestreiten es. Sex mit Liebe steigert sicherlich das Gefühl, mit jemandem eins zu sein. Aber die Wunden sind tief, wenn es um Liebe geht: Eifersucht. Verlustangst. Besit[zanspruch?]. Wo Bindungen sich lösen, verteidigen wir aufs Bitterste, was wir gewohnt sind. Gewohnheiten jedoch sind wie Ablagerungen im Fluss des Lebens. Ein bröseliger Tuff, der schmerzhaft wegbricht, wenn die Strömung zunimmt. Bordell für Frauen gibt es kaum welche, hingegen Pornos von Frauen für Frauen. Es scheint also tatsächlich angebracht, dass man die Moral in dieser Sache neu überdenkt. Punkto Rücksichtnahme dürfte der Bordellbesuch beiden Seiten weit mehr abverlangen, bei Freier wie bei Huren. So gesehen wäre der Pornokonsum als verwerflicher zu beurteilen, da dort überhaupt keine Rücksichtnahme ansteht. Man sucht sich die Filmchen aus, die dem eigenen Gusto entsprechen, und spult sie ab, bis die Nüsse leer sind. Man darf den Tauschhandel Sex gegen Geld nicht geringschätzen. Geben und Nehmen erfolgen wechselseitig. Der Eigennutz ist demnach so organisiert, dass er zu beiderseitigem Vorteil gereicht wie beim Handel überhaupt. Das Gemeinwesen nimmt daran keinen Schaden, also ist dieser Tauschhandel zumindest moralisch als neutral zu gewichten. Die Ehe gibt sich darüber erhaben. Man würde ihren heiligen Bund gewiss nicht auf dieser niederträchtigen Stufe menschlichen Auskommens angesiedelt sehen. Tatsächlich ist auch sie nur ein Kuhhandel. Steckt eine Beziehung in der Krise, heisst es oft, Geben und Nehmen stimmten schon lange nicht mehr. Was wäre das denn anderes als pure Wirtschaft? Der eheliche Handel greift aber noch tiefer: Es geht nämlich um Schutz und Unterhalt gegen Sex. Eine Bekannte von mir, die vor Jahren beim Pfarrer Hilfe vor den brünstigen Übergriffen ihres Gatten suchte, wurde ermahnt, sie möge diesem ausgleichenden Dienst schuldigst nachkommen. Die eigene Frau zu vergewaltigen galt bis tief ins 20. Jahrhundert als Kavaliersdelikt. Diesen Ausdruck darf man sich auf der Zunge zergehen lassen. Familiärer Missbrauch erklärt sich unter anderem von daher, dass der Herr Vater, wie er früher genannt wurde, auf Pflegetochter ausweicht oder nötigenfalls auf das eigene Blut, wenn die Gattin im Bett nicht Schritt hält. Und daran wird dann nur sie schuld sein. Jedes Volk weiss seit je, dass Fortpflanzung allein für die Abfuhr sexuellen Hungers nicht ausreicht. Im Netz finden sich Belege zuhauf für diesen erstaunlichen Appetit, weltweit und querbeet durch Kulturen und Geschlechter. Keine Ethnie, auch kein indigenes Volk lässt das Sexuelle unreguliert. So betrachtet sehe ich keine Möglichkeit, die Frage nach mehr oder weniger Güte oder Verwerflichkeit von Ehe, Puff oder Porn zu entscheiden. Rücksichtnahme und Eigennutz sind überall derart verschränkt, dass die gewünschte Klarheit ausbleibt. Und solange in allen Bereichen Gewalt und Nötigung vorkommen, weiss ich nicht, wie man das Eine hochloben, das Andere aber mit Abscheu belegen kann. Therapeuten reden ernsthaft von Massakern in Ehen. Alle drei sind sie Regulierungen von Sex, mehr nicht. Daher sollten wir sie gleichermassen schätzen. Ohne geregelte Abfuhr würde ein menschliches Gemeinweisen zerrütten.