Das Nein am Berg – Begegnung mit einem Schwulen – Metaphysik des Ja

Aus Mangel an Pressaufträgen fuhr ich spontan für ein paar Tage nach Griechenland. So kam ich in die Lage, einen weiteren Aufruf zur nächsten Untersuchung meiner Prostata guten Gewissens zu verschieben. Zwischen Venedig und Patras schlief ich wie die Gastarbeiter auf Deck der Fähre. Unter Neonlicht. Als ich das Schiff verliess, jagten sie einem blinden Passagier hinterher. Auf der Mohle genehmigte ich mir mondän einen Kaffee und wurde prompt von einem Jungen mit blödsinnigem Blick und eingetrockneter Rotze an der Oberlippe angebttelt. Ich verstand kein Wort, zog als Analphabet durch das Land. Die Busschilder merkte ich mir bildhaft. Mein Ziel war der Berg Athos, wollte den Klöstern nachwandern, mich besinnen wie vor Jahren bei den Zisterziensern an der Saane. Um zu erleben, was mit mir passiert, wie man so schön sagt, indem man völlig andere Umstände aufsucht. Zuerst huschte ich von Schatten zu Schatten. Man hatte mich vor der Hitze gewarnt. Irgendwann ging mir auf, dass ich so nicht reisen konnte. Da ergab ich mich dieser Glut. Ich nahm die Hitze hin, als wäre sie wie ein Film auf meiner Haut aufgetragen. Und von da an bewegte ich mich völlig frei unter griechischer Sonne. Die Erfahrung könnte auch sonst nützlich sein: Eine Situation hinnehmen, wie sie ist. Man bezieht Dinge, die lästig fallen, willentlich in seine Gewohnheit ein, bis sie davon eingehüllt wird und so unmerklich geworden sind. Das klingt freilich sehr unpolitisch.
Athen, Tessaloniki und zurück. Auf dem Büro, das Visa für die Mönchsrepublik ausstellte, erfuhr ich, nachdem der Stempel der Botschaft geprüft und sonst alles geregelt war, ich dürfe auf dem Athos nur Oberhemden tragen, die mit einem Kragen versehen waren. Ausserdem sei es geboten, jeweils nur für eine Nacht in einem Kloster zu bleiben. Dann müsse ich weiterziehen. So die Regeln. In aller Frühe sollte ich mich weit ausserhalb der Stadt bei einer Busstation einfinden, von wo täglich nur dieser eine Bus zur Fähre nach Athos abfuhr. Da merkte ich, dass ich es mit einer bewussten Auslese zu tun hatte, die Athosreisende mit halbherzigen Absichten vorweg aussortierte, indem sie Hürden setzte, die ihnen zu viel Bekenntnis zur Sache abforderten. Ich beschloss, dass ich diese Sortierung geschehen lassen würde. Wie so oft. So verschlief ich vorsätzlich die Stunde. Trotz aller Vorbereitungen, und obwohl ich auf der Liste stand und man mich beim Bus als Gläubiger mit blankem Leumund erwarten würde, entschied ich mich für ein Nein vor dem heiligen Berg.

Begegnung mit einem Schwulen

Stattdessen reiste ich nach Delphi weiter. Beim Bahnhof in Athen bezog in ein Hotel. Nachts träumte mir, man reichte mir fein zubereitete Salate. Tags darauf hatte ich noch Zeit, ich suchte einen Park auf, in der Erwartung, ich könnte mich ausstrecken und lesen und dösen wie in Rom, doch hier war alles zugewachsen. Und es roch wie in einem Zoo. Mitten unter den mässig kühlen und stinkenden Schatten traf ich den leibhaftigen Sokrates, einen älteren, pummeligen Griechen mit elegantem Hemd und schloweissen Haaren, der sich von der Bank erhob, als ich vorbeikam. Er sprach mich an und hakte sich bei mir unter. Wie hätte ich es ahnen können, er suchte Männer, und der Ort dürfte stadtweit als Strich für entsprechende Anbieter berüchtigt sein. Wir spazierten dahin. Ich fühlte mich bedrängt, erlebte zum ersten Mal, wie sich so eine Situation anfühlt, schliesslich zeigte damals in der Sauna niemand Interesse an mir. Lange liess ich den Mann im Unklaren, ich war einfach zu sehr überrascht und beschämt, wie ich gestehen muss. Und besonders jung bin ich ja auch nicht mehr. Irgendwann dämmerte es mir, die Lösung meines Prostata-Problems sei nun greifbar nahe. Als wäre ich allein dafür nach Griechenland gereist. Doch im gleichen Moment schickte sich der Pummelige an, die Rollen zu klären, die wir bei einer Begegnung im Hotel oder bei ihm zu Hause spielen würden. Und in gepflegtem Französisch meinte er: «Moi, j’adore l’ art passif.» Obendrein sollte ich also den aktiven Part abgeben, wofür ich keinerlei Lust empfand. Wie auch! Und meine Prostata bliebe abermals unbestossen. Warum sagte ich nicht einfach nein? Am Athos fiel es mir leicht, hier nicht. Stattdessen redete ich derart holperig von Kultur, dass der Grieche aus Höflichkeit nachzufragen genötigt war, was ich genau meinte. Immer wieder holte er zu Zärtlichkeiten aus, die ich einfach missachtete. Endlich gab er auf, er liess mich gehen, rang mir jedoch das Versprechen ab, dass ich das Leben so auskosten möge, wie man feine Saucen aus Kännchen löffelt. Was für ein Vergleich. Ich versprach es, und er entfernte sich, ohne seine Würde verloren zu haben. Nachträglich schmeichelt es mir, dass ich ihm gefiel. Sokrates hatte Recht, der Gott des Begehrens kann nur hässlich sein.

Metaphysik des Ja

Früher war ich der Überzeugung, ich müsste mich selbst finden. Ich habe Besseres gefunden. Hier in Griechenland. Später fuhr ich mit dem Bus zur Stadt hinaus. Autobahn, Tankstellen, Industrie, mit kurzem Zwischenhalt für Eis und kalten Kaffee. In Delphi stieg ich in einem kitschigen Hotel ab, mit Büsten, Vasen und Scherben, billig nachgebildet als Souvenirs. Ich kaufte eine Venus, natürlich die von Milot, stellte sie neben das Weinglas, ass Oliven und Lammfleisch. Spasseshalber liess ich das Preisschild an der kleinen Figur kleben. Ihr Anblick und diese abendbesonnte Landschaft, die sich zum Meer hin öffnete, erregten mich in sonderbarer Art, obwohl ich während der gesamten Reise nüchtern geblieben war. Aber ich liess Wein nachgiessen und feierte das Leben um mich und durch mich und für mich selbst.
Den ganzen folgenden Tag verbrachte ich in den Trümmern der Tempelanlage. Immer wieder fuhren Reisebusse vor. Sie erbrachen eine Flut von Touristen, die herumstolperten, fotografierten und wieder verschwanden. Die Modelle der Anlage, die im Kassenhaus zu besichtigen waren, interessierten mich keinen Deut. Die Figur des Apollo, in Gips gegossen und wie ein Relief an die Wand geheftet, schien mir nichts wert ohne Menschen, die mit geölten Körpern vor ihm tanzten. Mein Schweiss rann in Strömen, was ich geschehen liess, wie die letzten Tage auch, weil es zur Hingabe an dieses Licht gehört. Schon rede ich wie Camus. Mir gefielen die fleischigen Agaven. Zwischen den Besucherströmen war es still und gleissend heiss. Nur Grillen rasselten an Pinienstämmen, ein Zittern, das sich auf einen Punkt hin verkürzte, als würden seine Touren erhöht, und dann erstarb, bis es von neuem anhob. Trotz der vielen Zypressen erschien alles in einem hellen Erdton. Auch Rot kam öfter vor, das tongebrannte, das man von Blumentöpfen her kennt. Jemand malte das Schatzhaus der Athener, das an einer Seite mit einem Baugerüst bestückt war. Wie ich heimlich erspähte liess der schöngeistige Pinsler das Gerüst weg. Wie konnte man so uneins sein mit der Welt, wie sie ist, dachte ich. Zugleich war mir bewusst, dass es dafür Gründe zuhauf gab. Laut Überlieferung hatten hier Priesterinnen geweissagt, unter Anleitung der Erdmutter, der vormals die Stätte geweiht war. Sie sassen über Dämpfen, die aus Erdspalten emporstiegen. Aus den Tiefen des Parnass. Man verstehe mich recht, das Menschliche rührt mich, das hier greifbar wird. Handelskolonnen kreuzten hier. Sikyonier, Arkader, Siphnier, Kerkyräer, Perser. Verladene Reichtümer, die man zur Opferstätte karrte und zinslos verschwendete. Aus heutiger Sicht zeigt sich das so. Und sie reichten Brot, Oliven in Körben, von Tuch unterlegt und aus gepflegten Händen dargebracht, und Blumenbehänge überall. Ich ging auf der Strasse des Temenos. Ein Weg zweigte zur Kastaliaquelle ab. Ich glitt in ein Bad von Licht, gefasst im Stadion, durchwatete einen Kessel von Hitze, setzte den Fuss bedächtig auf versengte Gräser. Die Griechen kannten die Grenze nicht, wie wir sie begreifen, nicht als Linie, die Räume zerschneidet. Eine Abgrenzung kam für sie dadurch zustande, dass etwas sich versammelte. Stadion, Bühnen, Heiligtümer. Versammlung also statt Linie. Ein wunderschöner Ansatz. In diesem Feld von Licht versammelte ich mich zu mir selbst. Irgendwann kam mir ein Gedanke, ein schlichtes Ja. Eben in der Art, wie man ein Wort denkt oder einen Namen, der einem einfällt, mehr nicht. Einfach: Ja! Keine plauderhafte Botschaft an das Selbst, keine Erleuchtung, die zu umständlicher Deutung veranlasst und zu spirituellem Geschwätz. Ein Ja, das überall hinpasst. Vielleicht nur eine Idee, die aufgeht, innenvernommen, ohne Ton und Bild. Bloss ein Einfall, mag sein, aber er widerfuhr mir genau hier und vorher nicht. Und er würde mich fortan begleiten. Der grosse Ertrag einer kleinen Reise. Kein Gott, keine Ideologie, keine Metaphysik von Weltformat. Einfach ein Ja. Weiter nichts. Ich nehme es mit mir. Auf die Fähre.