Ikonen des Nichts – Zeitungsauftrag – Betrachtung zu 9/11

Immer wieder blättere ich in einem grossformatige[n] Buch mit Bildern vom All und von der Erdoberfläche. Schon seit Jahren liegt es in der Wohngemeinschaft herum. Niemand weiss, wer es hergebracht hat. Ich könnte Stunden mit dem Betrachten zubringen. Wolken ziehen über Winddünen, die aus dieser Höhe abgelichtet wie faltige Haut aussehen. Sie werfen ihre Schatten darauf. Ein Flusssystem rückt, zum Teil noch beleuchtet, wie das feine Geäder eines Organs, in den violetten Bereich der Dämmerung, verschwindet auf der Schattenseite ganz. Gebirgszüge wirken dünn und zart, wie Häute, die sich auf heisser Milch bilden. Ein Canyon erinnert an Baumrinde, das Ganges-Delta an Gewürm. Die Kapsel Sojus, schalllos schwimmend in einem Meer von Sphären. Löchrige, gestrandete, zusammengepresste oder verflüssigte Massen, Häute, Krusten Ströme. Dann die Bilder, die in kosmische Tiefen gehen. [Pulsare?], Spiralgalaxien, leuchtende Nebel.
Viele fühlen sich unbehaglich beim Betrachten solcher Bilder, ich geniesse dabei eine sonderbare Befreiung. Es sind Ikonen des Nichts. Die Grundsätze einer vernünftigen Angstgesellschaft verlieren ihre Tragweite, an denen sonst verbissen festgehalten wird. Wie Ameisen oder Termiten krabbeln und basteln wir herum. Dabei vermeiden wir peinlichst den Blick in diese wunderbaren Tiefen. Diese Grundsätze fürchte ich, aber nicht den Raum der Sterne.

Zeitungsauftrag: Über die Union und ihre Aussengrenzen

Vor einiger Zeit hatte ich die seltene Gelegenheit, für ein grösseres Blatt über den Vortrag eines Reporters zu berichten, der gewisse Veränderungen im Grenzgebiet der Europäischen Union unter die Lupe genommen hatte. In Südspanien war es seit Generationen Brauch, dass man Afrikanern weiterhalf, die klitschnass vom Meer herkamen. Auch in Ostpolen wurden Ukrainer im Wissen, dass sie weiterziehen, für kurze Zeit beherbergt und mit dem Nötigsten versorgt. Diese Tradition, so der Referent in warnendem Ton, sei von der Union neuerdings kriminalisiert worden, damit der Zustrom an Flüchtlingen begrenzt bleibt. Mein Artikel darüber wurde bezahlt, aber nie veröffentlicht.

Betrachtung zu 9/11

Zum Glück ist die städtische Bibliothek in der Nähe. Ungezählte Stunden habe ich schon darin verbracht und Artikel verfasst. Neuerdings geniesse ich einfach die Stille und die Zeitlosigkeit, die mich dort umfangen. Auch mag ich den Anblick von Lesern oder Studenten, wenn sie am Tisch schlafen. Das bekommt man allerdings immer seltener zu sehen. Wer bei der Arbeit schläft, erntet Misstrauen. So sieht man das hierzulande. Und überhaupt im Westen und seiner vernünftigen Angstkultur. In Japan gilt eine völlig andere Sichtweise: Wer am Arbeitsplatz schläft, tankt Kräfte fürs Geschäft. Das hat mir Beatrice erzählt. Zu meiner Zeit als Student legten sie sich sogar zwischen den Regalen zum Schlafen auf den Boden, und man stieg ohne viel Aufhebens darüber hinweg.
Ein Gast in der Wohngemeinschaft meinte einmal, wir lebten seit 9/11 in zunehmender Anspannung. 9/11 als Dauerthema unter uns. Die Ungereimtheiten sind beschämend. Selbst Fachleute teilen sie. Eine verzwickte Gemengenlage an Verantwortlichkeit hat dieses Ereignis ausgeschwitzt. Mir fällt es schwer, an Bösewichte zu glauben, die mit schief sitzenden Krawatten im Qualm ihrer Zigarren auf Ledersofas fläzen und Strategien feiern, die sie von anderen vollstreckt wissen. Ihre Ausdauer wird überschätzt, als blieben sie rund um die Uhr am Ball. Wie das Böse in Comics oder in Märchen. Als gerieten sie niemals auch nur für einen Wimpernschlag in Zweifel über sich und ihr Vorhaben. Als wollten sie niemals allabendlich auf dem Sofa ausspannen und mit ihren Kindern zusammen sein. Unterschätzt wird vor allem die immens heikle Ökonomie an Vertrauen unter Verschwörern. Machtgierige gibt es zweifelsohne, aber sie sind auch nur Mittel in Händen jener, die im Verborgenen bleiben. Nämlich die, die Geld haben. Und Angst. Diese namenlosen Ängstlichen befürworten Übergriffe aus Pflicht. Dabei beten sie zu Gott oder zu Allah, was der gleiche Adressat ist, dass sie trotz ihres schäbigen Tuns anständige Menschen bleiben. Sie lobhudeln sich tatkräftige Beschützer zusammen und polstern sie mit Einfluss und Macht. Die Geschichte liefert Namen zuhauf für Marionetten dieser erlesenen Art.
Wer immer für 9/11 verantwortlich ist, hat es geschafft, sofern gewollt, dass Freiheit zurückgenommen wird. Die Arglosigkeit der Neunziger, diese technowummernde Selbstbezogenheit, bei der aller Sinn für Pflichten abhandenkam, scheinbar jedenfalls, diese barocke Verschwendung, das öffentliche Kiffen und Vögeln, die Dauerpartys, dieser ganze Abschaum gehörte, wenn nicht abgestraft, so doch gehörig aufgeschreckt durch ein Ereignis von beispielloser Wirkungskraft mit planetarischer Reichweite. Dank 9/11 können viele aufatmen. Die Neuauflage ihrer Werte ist in vollem Gange. Zum Beispiel Pünktlichkeit. Früher Ehrensache, heute ein geeignetes Mittel zum Wettbewerb. Ganz einfach deshalb, weil eindeutig messbar ist, ob jemand zu spät kommt. Will ich in so einer Gesellschaft leben? Eigentlich nicht. Freiheit wird geopfert, Stück für Stück. Die Angst siegt. Einmal mehr. Das freut Strenggläubige jeder Couleur, Orthodoxe, Evangelikale, Jihadisten, aber auch schlichte Erdenbürger, mit Tulpen im Vorgarten und Rasensprenger im Sommer. Ihnen geht die Zeit doch etwas zu schnell voran. Ihre Gewohnheiten wirken wie eine mentale Schwerkraft, klebrig und zäh.
In der Regel folgt einer solchen Anspannung eine Phase der Lockerung, wie unser Gast in Aussicht stellte. Damit sorgte er wieder für gute Stimmung. Richtig, nichts bleibt, wie es ist. Aber soll ich darauf warten?