Geschichte eines Lehrers – Besuch eines Kornkreises

Die Studentin sorgt für Gesprächsstoff. Alle durchforsten ihr Leben nach Erfahrungen, die so wunderbar rätselhaft sind. Solche Geschichten interessieren mich mehr als früher, da ich nun auch mehr mit meinem Tod zu tun habe. Einmal wurde ich mit nur vier Fingern hochgehoben, zwei Personen an de Achseln, zwei an den Kniekehlen, während Leute im Kreis um uns standen. Sie hielten sich die Hände gereicht und zählten auf zwanzig. Bei Neunzehn atmeten sie tief ein, dann beim Ausatmen wurde ich etwa einen halben Meter emporgehoben und sogleich wieder hingesetzt. Ich hatte nicht daran geglaubt, liess einen kurzen Schrei ab.
Auch C, der ehemalige Grundschullehrer unter uns, erzählte ein Beispiel, das aber tiefer ging. Vor einiger Zeit hat C seine Anstellung vorzeitig gekündigt. In gegenseitigem Einvernehmen. Das Ganze sei reibungslos abgelaufen, erzählte er mit seiner typisch weinerlichen Stimme, aber die Kinder hätte er im Stich gelassen. Eine Vertretung war sozusagen übers Wochenende gefunden worden. Wenige Wochen fuhr er frühmorgens am Schulhaus vorbei. Als Beifahrer konnte er es nicht verhindern, dass dieser Weg genommen wurde. Er kannte den Stundenplan. Daher wusste er, dass sich die Kinder zu der Zeit gerade im Schulzimmer befanden. Das bereitete ihm beinahe Übelkeit. Und genau in dem Moment, da sie sich auf der Höhe des Schulhauses befanden, erschrak der Kollege am Steuer, der Motor tönte für einen Augenblick hell auf, während der Kollege jäh abbremste, allerdings nicht zu stark wegen des Verkehrs. Dabei blickte er auf seine Füsse, mit denen er herumpedalte, als wäre er aus dem Tritt geraten. Der Motor, so C, hatte kurz beschleunigt. Diese Anomalie erklärte er sich mit seinen hefigen Gefühlen, zumal der Kollege bestätigte, dass dies weder vorher noch danach je aufgetreten war.
Diese Heftigkeit hatte auch ihren Grund. Es ist der gleiche Grund, der C dazu bewog, die Stelle aufzugeben. Er hatte nämlich einer Schülerin gegenüber sein Herz zu stark geöffnet. Das waren seine Worte. Verliebt gewesen zu sein lehnte er ab und gab es trotzdem zu, je nach Sichtweise, meinte er. Wir waren ganz still, hörten zu. Ein frühreifes Mädchen, das sich fast täglich zum ihm an den Schreibtisch gesellte, sich gerne darauf setzte und die Beine baumeln liess, während er eine blutjunge einsame Lehrkraft war, die es in Dörfer verschlagen hatte, wo es wunderbare Obstbäume gab und ein intaktes Vereinsleben und Kampfscheidungen und Selbstmorde in Familien und Alkoholismus sowie Übergriffe und Missbräuche und, als wären sie die Ursachen davon, Schnellstrassen und Überlandleitungen, die Dörfer und Flure zerschnitten. Das Mädchen musste zum damaligen Zeitpunkt wie alle im Schulzimmer gesessen haben. So konnte man eine Art morphogenetischer Anspannung annehmen, die wie zwischen zwei Polen aufblitzte und so auf den Motor einwirkte. Eine völlig handgestrickte Erklärung, die uns in der Runde nicht weiter herausforderte. Uns liessen überhaupt Erklärungsmöglichkeiten kalt. Als trübten sie den Zauber dieser Geschichten ein. Irgendwann, wenn man darauf zurückkommt, gilt sowieso alles Verwunderliche dem blossen Zufall geschuldet. Und so geht man zur Tagesordnung über.
C erzählte weiter, von sich aus. Das Verhältnis zu der Schülerin sei unverfänglich gewesen. Irgendwann jedoch, als sie sich wieder einmal auf seinen Schreibtisch schwang, roch er ihren süsslichen Schweiss. Und der weite Überzieher, den sie neuerdings trug, sollte wohl spriessenden Brustwuchs verbergen. Die Tatsache, dass das Mädchen in seine Entwicklung kam, versetzte ihn in Panik. Da sorgte er umständlich dafür, dass er ein Gespräch mit ihr alleine führen konnte. Dabei beging er einen folgenschweren Fehler. Er verleugnete ihr gegenüber seine Gefühle für sie nicht, in der dümmlichen Annahme, er handle besonders modern und weltoffen. Das Ganze lief erst harmonisch weiter, doch sehr bald fing sie verständlicherweise an, sich aufmüpfig zu benehmen. Da holte C den Schulinspektor zu Hilfe. Dieser fand seine Ehrlichkeit sehr stark und mutig, und sorgte für seine Entlastung. C solle ausklinken und der Sache nachgehen. Dieser Rat war verbindlich gemeint, klang aber nicht so. Das wurde C nach wenigen Monaten klar gemacht, als er seinerseits eine Vertretung übernehmen wollte, dass jede weitere Lehrtätigkeit von einer erfolgreichen Therapie abhängig gemacht worden sei. Der Inspektor hatte inzwischen kalte Füsse bekommen. Nun war vom Verdacht auf Pädophilie die Rede. Sicherheitshalber. Höchst verunsichert, da er nie vergleichbare Phantasien gehegt und ja sogar Hilfe geholt hatte, da das Mädchen zur Frau reifte und ungewollt seine normale Geschlechtlichkeit ansprach, fing C notgedrungen eine Therapie bei einem Psychiater an, der ihm vom Inspektor selbst empfohlen worden war. Später sollte er erfahren, dass der Inspektor ebenfalls in Sachen Heroinsucht seines Sohnes sich dort in Behandlung befand. Dieser Therapeut wertete den Umstand, dass C seine Liebe nicht verschwiegen hatte, nicht etwa als naive Ehrlichkeit, was sie sehr wohl gewesen war, sondern als Übergriff, vergleichbar mit der Unreife eines vorzeitigen Samenergusses. Dem Arzt fehlte die Erfahrung im Umgang mit Tätern. Für solche Therapien würden sich andere Fachkräfte empfehlen. Jedenfalls hinge ein erfolgreicher Verlauf davon ab, ob C eine tätige Reue erbringe, wie etwa eine Selbstanzeige bei der Bildungsdirektion. Das lehnte C ab, woraufhin der Psychiater den Schularzt über seine Zweifel in Kenntnis setzte. Damit war die Verpflichtung zur Verschwiegenheit gebrochen. Der Bruch konnte rechtlich abgefedert werden, doch der Schaden war angerichtet. Da sass C nun, zur billigen Untermiete wie ich, und tätig als private Hausaufgabenhilfe bei der Familie eines Bauunternehmers, der wahllos sein Haus mit teurer Kunst vollstopft und grundsätzlich die letzte Rechnung seiner Handwerker unbeglichen lässt, da kaum jemand für solche Beträge eine Betreibung in die Wege leitet, während ich lokale Korrespondenzen schreibe, die, wie längst angekündigt, nur noch hereintröpfeln.
Einmal mehr die Frage: Will ich in einer solchen Gesellschaft leben? Muss ich das wirklich?

Besuch eines Kornkreises

Vor Jahren hatten wir einen Kornkreis besucht. Organisierte Heiterkeit, ein kleines Abenteuer. Übers Land fahren, bei offenen Autofenstern und einem Kasten Bier. Die geometrische Form des Kreises war nicht sonderlich beeindruckend. Da gab es Leute, die sich im Kreis wie Störche aufstellten, indem sie Yoga ausübten. Jemand meinte, er spüre einen leichten Zug an seinen Beinen. Eine andere Person vermutete eine rotierende Kraft im Kreis. Viele schossen Bilder, keine Kamera schien auszufallen, wie es von anderen Kreisen bekannt ist. Anschliessend sassen wir auf Festbänken versammelt, die der Bauer aufgestellt hatte. Apfelwein wurde ausgeschenkt. Man besprach weitere Gründe, die in Sachen Kornkreis in Umlauf sind und für ihre Echtheit sprechen: Durch Hitze gedehnte oder geplatzte Knoten, an denen die Halme gebogen sind. Tote Fliegen, die an den Ähren haften. Strahlung im Kreis. Aber was sollte diese Echtheit sein, sofern sie zutraf? Meldungen von Ausserirdischen? Zeichen von der Erde? Fälscher waren gleichfalls zu erwägen, doch wir fanden kein einsichtiges Motiv, das klären könnte, warum diese Leute ihr Werk für sich behielten. Immerhin gab es derart komplexe Kreise, bei denen die Halme sogar verzopft niedergelegt waren. Bei solcher Kunstfertigkeit wäre doch Stolz zu erwarten, der auch öffentlich gewürdigt werden möchte. Seit vielen Jahrzehnten würden schon Kornkreise gesichtet, aber niemand habe sich bislang überzeugend zu einer Fälschung bekannt. Diese Ansicht erfuhr auch Widerspruch. Sollte eine Verschwörung dahinterstecken, so wären auch hier die Beweggründe unklar. Jemand erzählte von Filmaufnahmen, die Lichtkörper zeigen, wie sie über die Kornfelder tanzen, bis sich die Halme zu einem Kreis niederlegten. Einfach so. Wir nahmen das zur Kenntnis, schenkten nach. Irgendwann fuhren wir zurück. Das Thema war für uns erledigt. Nachträglich gefällt es mir, dass uns die ungeklärte Sachlage nicht weiter kümmerte. Genau wie die Geschichten, die wir auf Liliths Anregung hin austauschten. Offenbar pflegen wir ein offenes Weltbild. Sein Vorteil besteht darin, dass man es nicht zu verteidigen braucht. Aber vielleicht sind wir einfach zu faul dafür.