Die Sonne als Lampe – Erinnerung an Amsterdam

Was das Kraut anbetrifft, so muss ich gestehen, dass es gute Momente gab, an die ich mich jedoch selten erinnere. Einmal sass ich im Zug, in Trübsinn versunken, als mir die Phantasie kam, es würden Beamte die Waggons nach Menschen durchkämmen, die nicht weiterwüssten. Sie brächten mich an einen günstigen Ausgangspunkt meines Lebens zurück, wovon es unglücklich verzweigt war. Wie an den Start eines missglückten Spiels. Sie versicherten mir, sie hätten da zig Konzepte für einen Neustart in p[etto]. Selbstmordgedanken lagen mir fern, aber ich hatte schon mit der Vorstellung geliebäugelt, ich würde von einem Lastwagen erfasst und spitalreif geschleift. Dieser Gedanke hatte eine entspannende Wirkung. Warum also sollte ich ihn nicht auskosten? Vor der Fahrt hatte ich mit Kollegen am Bahnhof vom Kraut genascht, in der Hoffnung, eine schöne Zeit zu haben. Und tatsächlich pendelte der Zug sanft hin und her. Die tiefe Wintersonne strich mir dabei immer wieder über das Gesicht. Die Wärme, die ich empfand, und das goldene Licht verschafften mir eine tiefe Ruhe.
Da trat eine Art Vexierbild ein, das einfach kippt. Es kam mit der Überlegung, die Sonne sei eigentlich ein Stern. Damit verlor sie ihre alltägliche Selbstverständlichkeit. Auf einmal war ich einem Stern sehr nahe, während die meisten weit entfernt blieben. Das bereitete mir ein Glücksgefühl. Ein [Gestirn?] leuchtete mich an. Und derart aus der Nähe empfunden sah ich die Sonne nicht nur als Stern, sondern als eine Lampe, die in kosmisches Dunkel gehängt war. Ein Lichtkorn unter vielen. Diese immense Verkleinerung machte den kosmischen Raum um uns für mich sogar wohnlich. Es kam mir vor, als rückte dieser Blick all die Kleinlichkeiten, die uns zum Hals reichten oder über den Kopf wuchsen, auf diesem beleuchteten Stück Planeten in wohltuender Weise erst zurecht.
Ich glaubte, die Dinge in den richtigen Verhältnissen zu erkennen: Flüchtigkeit des Alltäglichen. Belanglosigkeit von Einzelheiten, genauer ihre Einbettung in die Ströme des Lebens, das seit Jahrtausenden unter der Lampe schäumte und gärte. Gleitende Orientierung, kein Oben, kein Unten, weder Nord noch Süd. Die altbekannte Tatsache, dass es keinen Ankerplatz gab, weder zeitlich noch räumlich. Folglich die Aufhebung fester Grössen und ihrer Bedeutung für uns Menschen, die mitströmen, aber sich beharrlich von Sonne und Kosmos abgewandt hielten. Dabei trugen wir alle den Kopf wie Tenside ins Licht erhoben, überlegte ich. Eine Schicht denkenden Lebens in etwa eineinhalb Metern über dem Boden. Angeblich Noosphäre genannt. Sie war sozusagen aus allen Gehirnen gebildet, denen eine Denkleistung, sei sie nun tierisch oder menschlich, zugesprochen wird. Abgesehen davon [Satz unfertig]. Und die Sonne wusch mein Gesicht wie mit einem goldenen Lappen, solange der Zug hin und her pendelte. Ich bemühte mich, diese Sichtweise zu behalten. Aber ich würde sie immer wieder vergessen. Vielleicht machte mein dringender Wunsch, ähnlich wie heute, ein Schlupfloch aus meiner Lage zu finden, diesen kosmischen Blick erst möglich.

Erinnerung an Amsterdam

Prostata-Test verschoben. Ich log denen was vor, der Arzt liess jedoch keine Dringlichkeit durchblicken. Seitdem die Studentin bei uns wohnt, plaudern wir immer wieder von übersinnlichem Zeugs. Und die anderen alten Jungs werden ihretwegen leicht rollig. Aber keiner von uns steht auf ihrer Liste, soviel ist klar. Jedenfalls fragten sie mich, in Abwesenheit Liliths, versteht sich, ob wir nicht zusammen in irgendeinem Rotlichtmilieu auf den Putz hauen möchten. Ich lehnte ab, das hätte ich hinter mir. Aber die Erinnerung kam und mit ihr die Frage nach dem, wonach ich mich wirklich sehne.
Amsterdam, was sonst, damals in den Jahren, als das letzte Jahrhundert unbekümmert ausklang. In Seidenhemden und spermapolierten Halbschuhen liessen wir uns im Getümmel bei den Grachten ein weiteres Ticket andrehen. So gelangten wir voller Erwartung prompt in die gleiche schäbige Show, die wir soeben verlassen hatten. Diese Peinlichkeit geriet aber dank des Ballermann-Effekt[s] zu einer explosiven Feier. Mit der schlagenden Begründung, man würde bei Pornos ja auch gewisse Szenen zurückspulen, liessen wir uns erneut in die Polster nieder. Gegen Ende trat die Kleine wieder auf, die einen goldenen Dildo zückte und jemanden auf die Bühne bat, auf dass er sie damit bediene. Sie war derart ausgeleuchtet in ihrer blanken Natur, dass ich keine Sekunde zögerte. Kühn vor Trunkenheit stolperte ich über Sitzreihen. Das Gelächter meiner Kollegen brandete mit mir nach vorn. In Erwartung einer herzrasenden Gegenwart kletterte ich zu der Tänzerin hoch, die für mich völlig verklärt war in Lust und Licht. Ich dachte, ich träte in die Keimzelle des Lebens ein. So sprang ich auf die Bühne und stand vor ihr. Es kam anders.
Sie bedankte sich, dass ich mitmachte. Ihre Stimme bebte. Sie hatte Angst. Ein Blick auf die Leuchten, die unter ihr im Boden unter Plexiglas versenkt waren, zeigte mir, dass dieses Lokal wenig Sorgfalt übte, sehr wohl auch gegenüber seinen Beschäftigten nicht: Ein Haufen Kabel war hineingestopft und irgendein Gehölz mit Schraubzwinge behelfsmässig verklammert. Die Tänzerin bat mich, nichts weiter zu tun, als besagtes Gerät zu halten. Ich griff danach und fühlte klebriges Gleitmittel, während die Frau, die gewiss keine Lust empfand, in Position ging und sich meinen möglichen Grobheiten überliess. Aber ich rührte mich nicht, sah aus dieser Nähe ihre Leberflecke wie den Sternenhimmel eines persönlichen Lebens, sah die Abdrücke über der Hüfte vom Gummizug ihrer privaten Unterwäsche. Und es ging mir durch den Kopf, dass irgendwo irgendwann sich irgendjemand um sie Sorgen machte. Das aber war zu viel an Ernüchterung für mich. Zuviel an Echtheit. Im Nu zerbröselte, was Glanz war an dieser Szenerie und lusttriefende Verklärung. Ich kam nicht damit klar, dass Schein und Wirklichkeit derart auseinanderklafften. Oder derart eng zusammengehörten. Beklatscht taumelte ich dem Ausgang zu, während die Kollegen mir auf die Schulter klopften und ins Gesicht griffen mit ihren verschwitzten Händen. Draussen schüttete ich Gin in mich hinein. Ich hätte kotzen mögen. Aber es ging nicht. Diese schamlose, ungeschminkte Echtheit überforderte mich damals. Heute aber sehne ich mich nach ihr. Gewiss seitdem ich weiss, dass mein Weg wahrscheinlich abgekürzt verlaufen wird. Das Sexuelle spielt dabei eine andere Rolle als damals. Diese Echtheit mag sein, wie sie will. Sie mag so erotisch wirken, wie es bei Abdrücken von Gummizügen auf der Haut eben der Fall ist. Oder auch nicht.