Vor Jahren stiessen wir bei der Räumung einiger Dachzimmer unserer Wohngemeinschaft unter Sperrgut auf eine Mappe mit losen Manuskriptseiten. Nun hat sich herausgestellt, dass es sich um Tagebucheinträge handelt. Ihr Autor D. L., ein ehemaliger Mitbewohner, der bis zum Schluss dort gelebt hatte, gelangte damals als fröhlicher Selbstmörder zu Bekanntheit, da er einen Barhocker auf die Kuhtobelbrücke mitnahm und so auf die Brüstung kletterte, wo er lange Zeit aufrecht stand und in die Tiefe blickte. Feuerwehr und Polizei wurden alarmiert, Psychologen bewogen ihn schliesslich, herunter zu kommen. D. L. meinte beinahe belustigt, es täte ihm schrecklich leid, er hätte nicht den Mut gehabt zu springen. Der Körper wolle halt leben. Und er gebe gerne zu Protokoll, er sei nämlich aus Dankbarkeit nicht gesprungen, weil sein Körper ihm die Schlange geoffenbart habe. Diese Stellungnahme wurde aufgenommen, von D. L. aber ausdrücklich nicht wiederholt. Daraufhin wurde er in Gewahrsam genommen, was er dankbar zuliess.
Seine Texte betitelten wir mit «Tagebuch der Schlange», weil sie den Hintergrund dieser Aussage ausleuchten. Angehörige von D. L. übermittelten, eine Veröffentlichung sei ihm gleichgültig. Diese Überschrift eignet sich auch deshalb, da im Tagebuch brisante Themen zur Sprache kommen, die selbst heute lieber im Dunkeln verbleiben. Daher liegt es auf der Hand, dass die Initialen D. L. anonymisiert sind. Trotz Mitglied einer Wohngemeinschaft lebte der Autor eher zurückgezogen, als ein Grenzgänger, dessen Erfahrungen, von denen er erzählt, zu ehrrührigen Missverständnissen führen könnten, zumal sie noch heute durchaus Nerven kosten, wenn man sich damit abgibt. Seine Grenzgängerschaft jedoch öffnet Horizonte. Von daher gesehen scheint sie uns überhaupt nützlich für die Gesellschaft. Das betrifft insbesondere das Motiv zur nicht vollzogenen Selbsttötung, das wohl einzigartig bleiben dürfte. D. L. wäre weitgehend im Einklang mit sich und seiner Umwelt aus dem Leben geschieden. Darüber legt das Tagebuch reichlich Zeugnis ab.
Die Texte wurden sprachlich kaum angerührt, unlesbare Stellen entsprechend vermerkt und mit inhaltlichen Vorschlägen versehen. Auch die Zwischentitel, in eckige Klammern gesetzt, beruhen auf redaktioneller Arbeit.