Zeitungsauftrag: die Künstlerin – Angstkultur Europa

Eine Künstlerin und ihre Ausstellung. Ein leerer, heller Raum. Stoffbänder, aus Lumpen und Lappen gesteppt, hängen von der Decke. Sonst nichts. Anlässlich der Vernissage vollführt die Künstlerin einen Tanz ohne Musik, wirft sich in die Ecken, purzelt hin und her, verharrt eine Weile, sprengt alle Viere von sich. Man steht da, mit Perlwein in Händen. Ich schreibe über die Funktion der Kunst, angewendet auf diese bedeutsame Arbeit, dass sie eine Gegenwelt zu den sozialen und politischen Verhältnissen bieten muss, wie sie derzeit gegeben sind, und Ähnliches. Die Sache liegt ein paar Wochen zurück.
Mein Redakteur erzählte mir nun grinsend, die Künstlerin hätte meinen Artikel als sexistisch und machohaft gefunden. Ein völliges Rätsel für mich, wie man die Sache so deuten kann. Aber darüber habe ich nicht allein zu befinden. Bei solcher Reizbarkeit ergeben sich im Nu Missverständnisse. Vielleicht hätte ich ihr Gezappel etwas nachsichtiger beschreiben sollen. Ich kann nur versichern, dass ich keinerlei Absichten in diese Richtung hegte. Um so schlimmer, wäre die Entgegnung, dass ich mir gar nicht bewusst sei, welche Botschaften ich miteinflocht. Mag sein. Ich kanns nicht ändern. Warum überhaupt liest sie den Artikel? Er ist ja gar nicht an sie adressiert.

Angstkultur Europa

Zum ersten Mal erfahre ich meine Prostata-Geschichte als ein möglicher Fahrschein nach aussen. Weg von hier. Meinetwegen in diese wunderbaren Tiefen hinab, die ich erleben durfte. Das Erlebnis hat mir einiges an Angst genommen, als hätte ich etwas Sterben gekostet. Aber sie wird im grossen Stil wiederkehren, das ist bekannt. Aus dem Leben fallen. Dieser Gedanke beginnt mich zu entspannen. Warum nur? Letzthin wollte ich kurz vor Ladenschluss Trauben kaufen, hatte einfach Lust darauf. Es gab keine mehr, und die Verkäuferin entschuldigte sich dafür. Ich blickte sie verdutzt an. Das kam ihr wiederum befremdlich vor. Sie entschuldigte sich für etwas, wofür sie klarerweise nichts konnte. Der tägliche Traubenbedarf ausserhalb der Saison lässt sich unmöglich vorweg absehen. Und abends wird nichts mehr nachgeliefert. Niemand hat einen Fehler gemacht. Dennoch bekam ich eine Entschuldigung zu hören. Da stellte sich mir die Frage, ob ich tatsächlich in einer Welt leben will, in der Leute Schulden übernehmen, die es gar nicht gibt. Vielleicht findet sich ein Verständnis für diese sonderbare Hörigkeit. Aber ich bin sicher, dass es mir unmöglich wäre, andauernd diese Nachsicht aufzubringen. Schuld hat mit Angst zu tun. Die Leute leiden Ängste auf hohem Niveau. Sie verdienen ihr Geld, wohnen nobel, sind versichert, wahrscheinlich mehrfach. Von Freude, von Entspannung keine Spur. Will ich unter ihnen leben? Nach Jahren der Verantwortung, die sie schultern, nach Jahren der Pflichtschuldigkeit, die sie täglich ableisten, huschen sie nach wie vor durchs Leben. Leicht geduckt, die Schultern und Nacken gepanzert, die Gesichter verkniffen. Sie urteilen hart, denn überall wittern sie Leichtsinn. Das liegt nicht etwa daran, dass man allerorten die Zügel fahren liesse. Der Grund ist ein anderer: Diese Pflichtschuldigen mit ihrem verholzten Gemüt reissen sich täglich zusammen. Dafür opfern sie Freude, immer wieder. Und wehe, andere tun es ihnen nicht gleich. Es sind hässliche, verbitterte Menschen, die gut gekleidet aus ihren Autos steigen. Will ich unter ihnen sein? Auch unter denen, die schon weinerlich reden, weil sie ein ganzes Leben lang zu stark geliebt haben? Und zu rasch geliebt. Von Natur aus. Sie können nicht anders. Daher enttäuscht man sie so leicht. Und sie kommen sich ungeliebt vor, weil andere diesen Überschwang an Zuwendung scheinbar verweigern. Und schon fühlen sie sich verraten. Es gibt eben Menschen wie mich, denen selten bis nie schwärmerische Liebe entfährt. Und zwar ebenso von Natur aus. Innerlich sind wir nach wie vor mittelalterliche Menschen geblieben, mit einer Kruste von Unrat aus Angst, Schuld und Enttäuschung. Dagegen gibt es keine Hygiene. Man müsste eine erfinden. Deswegen jedoch zieht es mich noch lange nicht in andere Weltgegenden. In Brasilien tanzen sie Samba. Man setzt sich dort über diese noblen Sorgen hinweg, aber es herrscht Lynchjustiz, die meistens ungeahndet bleibt. In Indien fühlen sich sogar verkrüppelte Menschen im Weltganzen aufgehoben. Auch wenn sie zur Bettelei verdammt sind und Dreckwasser schlucken. Europa ist eben ein schlechter Boden für Lebensfreude, wenn man von mediterranen Völkern absieht. Dort fahren sie auf weinfarbenem Meere fremdsprechenden Menschen entgegen. Man hat Europa schon ’Wurmfortsatz’ der asiatischen Landmasse genannt. ‘Nervös’ wäre zu ergänzen. Die erbärmliche Angstkultur, die seine Völker prägen, hat durchaus Gründe. Und Gründe sind nie erbärmlich. An den Rand gedrängt türmt Europa sich auf, rüstet sich hoch. Europa bunkert und strampelt gegen angebliche Horden, die aus asiatischen Tiefen heranbranden und alles niederwalzen, was da dicht zusammengedrängt lebt. Das wahre Europa-Gefühl, das ist die Mole von Dünkirchen im Frühsommer 1940. So einfach lassen sich Jahrhunderte überblicken: Hunnen, Mongolen, Osmanen, Russen. Auch Bürgerkriege flammen verheerend auf, immer wieder. Wäre Europa eine Person, müsste man ihr wie jemandem begegnen, der infolge mehrfachen Missbrauchs und Vertrauensbruch traumatisiert ist. Diese Person würde innere Kämpfe ausstehen, die sie immer wieder zu zerreissen drohen. Sie wäre völlig immun gegen Beschwichtigungen jeder Art. Das Psychogramm dieser Nervosität setzt sich fort: Der Drang, diese Lage zu bessern, wächst zur Ideologie aus und spitzt sich zu, damit sie als Waffe gegen andere wirksam wird, die sie bestreiten: Erst die Glaubensspaltung, dann ihre weltliche Nachfolge, nämlich die Streitfrage zwischen Umverteilung und freiem Markt. Allesamt sind diese geschärften Ideologien europäischen Ursprungs. Es kommt zu Fluchtbewegungen. Verarmte und Kriminelle gelangen nach Übersee, auch religiöse Spinner und Verfolgte. Dieser Ausschuss gründet eine neue Welt, die zwar an Souveränität gewinnt, aber immer noch von diesen Ängsten durchzittert wird. Denn diese neue Welt mausert sich zur Weltpolizei, bringt Bomben mit einer Zerstörungskraft hervor, die das menschliche Fassungsvermögen übersteigen. Zu Recht, denn das Mutterland Europa überzieht die ganze Welt mit Brutalität und Entmündigung. Aus Panik. Genauer aus schärfster Nüchternheit infolge Panik. Will ich unter solchen Umständen leben? Entschieden nein. Muss ich das? Eigentlich – nein.