Einzug einer Studentin – Sehnsucht nach dem Unbewussten – Mantrameditation

Eine Studentin quartiert sich bei uns zur Zwischenmiete ein. Sie möchte Lilith genannt werden, obwohl sie nicht so heisst. Das heidnische Urweib also, Mitte Zwanzig. Keine Ahnung, ob sie sich über diese Bedeutung im Klaren ist. Soll sie ihre Freude dran haben. Sie kommt mit einer mittelgrossen Königspython im Gepäck und einer Handvoll Mäusen. Das Tier soll weiss und gelb gefleckt sein. Schon am ersten Abend veranstaltete die Studentin für alle eine Fütterung, aber ich war ausser Haus. Es soll eine herausragende Erfahrung gewesen sein, hiess es. Liliths ausgefallener Lebensstil zeigt sich auch in ihrem Äusseren. Blau gefärbte Haare, dunkler Lidschatten, Halsband. Lilith mag schön sein, aber sie hängt dauernd am Draht wie an einer Nabelschnur, führt Gespräche über Stunden mit einer irrwitzigen Anzahl von Freunden. Meine Kollegen haben mich nicht gefragt, ob ich mit Einzug und Haustier einverstanden wäre. Sie wissen, dass es mir schnuppe ist, wer hier wohnt. Oft genug haben sie meinen Grundsatz zu Ohren bekommen: Das Leben bringt verschiedene Typen hervor, weil es sie braucht. Und sie alle offenbaren ausnahmslos das gleiche Leben.
Warum erzähle ich von ihr? Nebst der aussergewöhnlichen Tierhaltung hatte es ihr Einstand auch sonst in sich gehabt. Denn sie rollte sogleich ihr ganzes Leben vor uns aus. Eine Sudetendeutsche, die im Raum Stuttgart aufgewachsen ist. Ihre Eltern leisteten sich ein kleines Haus, verrechneten sich jedoch beim Innenausbau, sodass es dem Mädchen über Jahre untersagt war, Freunde mit nach Hause zu bringen, aus Angst, die peinliche Geschichte über Hitlers Günstlinge könnte sich unter den tüchtigen Schwaben herumsprechen. Später aber, und vor allem deshalb schreibe ich über sie, zückte Lilith einen dunkelblauen Plüschbeutel, dem sie ein goldenes Senkblei mit Kette entnahm. Zu unser aller Entzücken pendelte sie erst unsere Sternzeichen aus, dann die Lieblingszahlen. Dabei lag sie nie falsch. Das war schon beeindruckend, zu meiner Schande, wie ich gestehe, aber wenn es, wie in meinem Fall, um möglichen Krebs geht und wohl um bald abgezählte Tage, wird man für dergleichen empfänglicher als sonst. Liliths Erfolg beim Pendeln beeindruckte uns zwar, was wir auch zum Ausdruck brachten, aber wir liessen die Sache in der Schwebe. Das heisst, wir amüsierten uns darüber wie über einen Budenzauber, ohne dass wir uns besorgt gezeigt hätten, weil dieser Erfolg das gängige Weltbild doch erheblich in Zweifel zog. Irgendwann brachte die Studentin ein Argument vor, das mich wiederum derart verblüffte, dass ich verlegen wurde. Natürlich könne man esoterische Praktiken schlecht reden. Das sei keine besondere Leistung, sinnierte sie am niederen Salontisch kauernd, während wir auf Sessel und Sofa verteilt sassen. Doch die Frage, wie es käme, dass man diese Gebräuche über Jahrhunderte, sogar Jahrtausende von einer Generation auf die nächste überliefert habe, lasse nur eine Antwort zu: Weil sie zu etwas taugten. Weil sie funktionierten. Hin und wieder nicht, aber seit Jahrhunderten immer wieder. Und die Gründe dafür? Wen interessiert das, wenn die Mittel zuverlässig sind? Agrarvölker lassen Werkzeuge fallen wie heisse Kartoffeln, wenn sie zu nichts taugen. Bauernregeln treffen meistens ins Schwarze, aber gewiss nicht jährlich. Sie bestätigen sich der Tendenz nach, und das reicht aus praktischer Sicht, dass man sie in Erinnerung behält.

Sehnsucht nach dem Unbewussten

Menschen sind nicht in der Lage, unbewusst zu leben. Es sei denn im Schlaf. Eine Katze hockt reglos da, obwohl sie ihren Hinterlauf gebrochen hat. Sie wirkt in sich gekehrt. Dabei steht sie Schmerzen aus, die uns um den Verstand brächten. Wie gelingt ihr das? Sie lebt im Jetzt. Das heisst, sie vergleicht nichts mit nichts.
Es ist das Bewusstsein, das andauernd Vergleiche anstellt. Von Natur aus. Daher wissen wir immer, wie es besser wäre. So leiden wir doppelt. Für mich gibt es ein Leben vor der Diagnose. Dieser Vergleich besteht, er haftet mir an. Will ich dahin zurück?

Mantrameditation

Nun meditiere ich wieder. Allerdings nicht einfach so. Unter meinen Mitbewohnern machte in letzter Zeit öfter wieder die Glaspfeife die Runde. Allerdings nicht nur, seitdem die Studentin hier wohnt. In der Regel meide ich das Zeug, ich vertrage es nicht besonders gut. Am Folgetag bin ich mürrisch und chaotisch und mein Denken fühlt sich wie verklebt an. Dieser Zustand kann durchaus zwei Tage andauern. Nun aber setzte ich mich einfach dazu. Was hatte ich zu verlieren? Die Leute waren überrascht, aber auch erfreut. An der Pfeife hatten sich schon Harz und Russ abgesetzt, und ich roch saure Asche, als ich den Cognac mit Eis in der Kugel gurgeln liess. Und ich brach fast zusammen. Sie führten mich zu einem Sofa, das im Dunkeln stand, und überliessen mich mir selbst, mit dem Hinweis, ich solle jetzt einfach Geduld haben. Die Tatsache, dass sehr bald meine Prostata erneut untersucht würde, schockte mich, und die panische Angst liess nicht locker, kehrte in Schüben wieder. Aber ich liess mir nichts anmerken, regte mich nicht, versuchte unbewusst zu bleiben. Wie die Katze im Gebüsch. Eine seltsame Leistung. Sie gelang nach aussen, aber nicht nach innen. Ich fühlte mich begraben. Da erinnerte ich mich an das Mantra, das ich vor Jahren bekam, als ich mich einer Gruppe von selbsternannten Hindus anschloss, die sich einen entsprechenden Übernamen zugelegt hatten. Sri Wolf oder John Krishna oder Prapata Hanselmann. Erwachsene, die allen Ernstes ihr Alter mit der Handvoll Jahre angaben, die seit der Umbenennung verstrichen waren. So bekommt man es mit Achtjährigen zu tun. Ein gelungener Scherz, gewiss, doch wenn diese Leute lachen, hört man sie sagen: Seht her, ich bin jemand, der lacht. Natürlich hat das Leben ihnen diese Namen zugespielt. Eine Gruppe, mit einem Guru mittendrin, wie es sich gehört, der sich Raimar nannte, eher ein Theosoph, mit sauber ausrasiertem Bart und einer goldenen Kette, die er über dem weissen Hemd trug und hinter einer Krawatte verborgen hielt. Das Mantra besteht aus einer Silbenfolge, etwa in der Art wie Klimbimm oder Klingklong. Man soll es weder aussprechen, noch hinschreiben. Daran halte ich mich, denn seit meinem Abstieg ins Grab weiss ich um seine Wirksamkeit. Damals aber bereuten sie es, mir das Mantra vergeben zu haben. Sie fanden mich dann doch nicht würdig genug. Das liegt daran, dass ich ihr Engagement für moralische Nervosität hielt. Wie üblich muss man als Mensch dies und das überwinden. Nur so kommt man auf den richtigen Weg. Und nur dann, wenn alle, zumindest aber viele sich dazu durchringen, könne die Menschheit gerettet werden. Immer diese Dramatik! Sie hängt mir zum Hals heraus. Gutmenschen sollen wir sein. Zur Verbesserung der Gesellschaft haben Kriege weit mehr beigetragen, als ein friedfertiges Gutmenschentum, das vor dem Schlafengehen einen Regelkatalog abhakt, was es alles tagsüber richtiggemacht hat und wo noch Bedarf besteht. Wenn ich solche Meinungen äusserte, hielten sie mich für dunkelsichtig. Oder grobfühlig. Ein Verirrter auf Abwegen. Das gefiel mir sogar. Zugegeben, ihr Mitleid war schwer zu ertragen. Also konterte ich mit Logik: Wie konnte das Weltganze in sich selbst gut sein und die Menschheit auf einmal schlecht, die genauso ihre Rolle darin spielt? Wie konnte etwas so abfallen, das aus Gutem kommt? Auch hier bekam ich das Übliche zu hören: Trieb, Machtgier, Verführbarkeit. Es war zum Gähnen. Also legte ich mit der Frage nach, wie das gute Weltganze solch üble Eigenschaften hervorbringen soll. Das, was die Dinge schlecht macht, käme dann von aussen. Aber dann wäre es kein Weltganzes mehr, diese vielbeschworene Einheit von Allem, das leidvolle Widersprüche so wunderbar glättet. Darauf bekam ich keine schlüssige Antwort. Wie bei jeder Religion, ausnahmslos. Sie fanden mich blasiert, doch konnten sie mir das Mantra nicht mehr nehmen. Leider? Zum Glück. Damit spreche ich einen verspäteten Dank aus. In meiner berauschten Totenstarre fing ich wie damals an, diese Silben einfach zu denken. Und zwar eher so, dass man sich daran erinnert, statt sie in Gedanken auszusprechen. Wie gewohnt setzte die Wirkung nicht sofort ein. Diese Wirkung besteht darin, dass man innerlich sinkt und dieses Sinken geniesst. Als löste sich verkantetes Geröll im Rückenmark und käme ins Fliessen. Ich glaubte, ich würde in einen Sitzsack fallen und mit ihm verschmelzen. Der Rausch fühlte sich an wie ein kalt glühender Helm, aus dem ich nach unten entwich, wobei die Haube an Ort haften blieb. Nun sackte ich mit dem ganzen Körper allmählich zusammen. Das ging so langsam ab, dass man es für Schlaf halten mochte, es nahm niemand mehr Notiz von mir, aber ich blieb zunächst hellwach und hörte nicht auf, das Mantra zu denken. Es kam mir vor, als zerliefe mein Gesicht wie Schokolade an der Sonne, gleichzeitig hörte ich einen stimmlichen Laut, den ich mir wahrscheinlich vorstellte, ohne die inneren Ursachen zu kennen, die ihn veranlassten. Auch dieser Laut sank in der Tonlage, als würde er mit einem Regler abgedreht, aber er verstummte nicht völlig. Farben und Gedanken wichen nach oben weg, es schraubte mich wie von selbst in lichtlose Tiefen hinab, ich war in schwarzen Schlamm gehüllt, dem ich mich völlig ergab. Das Bemerkenswerte dabei: Ich hatte keine Angst mehr. War ich am Sterben? Wenn ja, hatte ich nichts dagegen einzuwenden. Irgendwann schwappte ich aus meinem inneren Schlamm empor wie ein Springbrunnen in seinem ersten Schub oder wie ein Ball, der unter Wasser gehalten wurde. Als kochte eine Blase aus zäher Brühe auf und liess mich tief Luft schöpfen, ohne dass ich Atemnot gelitten hätte. Später würde ich in Erfahrung bringen, dass das Mantra mit Kali zu tun hatte, einer Göttin aus dem Arsenal der Hindus, die mit Menschenköpfen behangen tanzt und eine blutrote Zunge weit und breit aus pechschwarzem Gesicht streckt. Als moderner Mensch, der ich gerne wäre, müsste ich darüber entsetzt sein. Aber ich finde diesen Zusammenhang noch heute reizvoll. Denn er schliesst mich an etwas an, das völlig anders ist, und es liegt weit von meinem persönlichen Leben entfernt. Am nächsten Morgen erwachte ich in jener Sofaecke bestens erfrischt und ausgeruht. Jemand hatte eine Decke auf mich gelegt.
Gerne denke ich an den öffentlichen Vortrag dieser Hindu-Leute zurück, an dem ich vor Jahren teilgenommen hatte, als sie bedürftige Menschen wie mich für ihre Sache zu gewinnen suchten. Eine Handvoll Publikum in meinem Alter oder darüber, im Bildungsraum eines noblen Hotels. Die Pseudo-Hindus sassen im Lotussitz vor uns, auf Kissen und von Tulpen umstellt. Etwas dick aufgetragen, fand ich. Aber ich war einfach neugierig. Zum Einstieg liessen sie Meditationsmusik auf uns herabrieseln. Nach einem eröffnenden Blabla über die Schlechtigkeit der Welt meldete sich jemand mit der Bitte zu Wort, ob man nicht das Saallicht dimmen könne. Der Vorschlag fand Zustimmung. Da fiel auch mir auf, dass die Lampen tatsächlich kalt und grell schienen. Dämmerung kehrte ein. Einige gaben Laute von sich, als bekämen sie eine Erfrischung verpasst. Wenig später unterbrach wieder jemand die ersten Ausführungen mit dem Vorschlag zu einer Stosslüftung. Ich stutzte verwundert, aber ich musste zugeben, es roch wirklich etwas stickig hier. Da folg eine Seitentür auf. Die eifrige Person entschuldigte sich, sie habe das Gewicht der Tür falsch eingeschätzt. Der Vortrag wurde fortgesetzt. Die Referenten bedachten diese Vorkommnisse, die anderswo als Störung abgekanzelt würden, mit betont lächelndem Wohlwollen. Nach wenigen Augenblicken kam erneut Unruhe auf, denn die Luft trug Zigarettenqualm herein. Das sorgte für Empörung. Ich vermutete gestresstes Hotelpersonal auf dem Hinterhof. So beschied man sich, ein Fenster zu kippen, obgleich es zur Strasse ging. Soeben kamen die Referenten auf zentrale Gesichtspunkte zu sprechen, als man in der Hörerschaft übereinkam, vorerst eine Pause einzulegen. Abermals wurde der Vortrag unterbrochen. Ziemlich baff blieb ich sitzen, mit meinen Notizen auf den Knien. Wer derart uneins ist mit der Welt, die ihn umgibt, kann ja nur in Versenkung sein Heil finden, dachte ich. Diese Meditationsbedürftigen waren Flüchtlinge, mit dem einzig möglichen Asyl in sich selbst. Früher hätte ich sie herzhaft verachtet, ohne jede Scham. Aber was können sie dafür, wenn sie feinfühlig geboren sind? Auch ich habe mir meine Grobfühligkeit, mit der ich mich dem Leben wohl allzuleicht und ohne markanten Kräfteverschleiss anpasse, gewiss nicht eigenmächtig zugelegt.