Neue Beziehung als Lösung? – Traum vom Unrat – Keinen Biss

Mein Problem lässt sich sowieso nicht über eine neue Beziehung lösen. Abgesehen davon, dass man grundsätzlich die Katze im Sack kauft, wenn man frisch anbändelt, würde ich irgendwann die Sache mit meiner Prostata ansprechen müssen. Und wie romantisch würde das klingen? Etwa so: Kannst du dir vorstellen, dass du vielleicht ein paar Mal im Monat meine Lustdrüse auf Trab bringst? Oder vielleicht zweimal die Woche, schliesslich dürfte die Frequenz wohl kaum erwiesen sein, die nötig wäre, um Krebs vorzubeugen. Im Klartext hiesse das sie fragen, ob sie mir hin und wieder den Finger in den Hintern schieben möchte. Damit würde ich ihr meine finstere Materie zumuten, die ich selber peinlichst meide. Entweder kotzt sie mir dann in den Rotwein, oder sie hält mir eine Predigt und schickt sich an zu gehen. Mit viel Bedauern. Wie so oft. Der Verdacht käme dann auf, ich würde mein Interesse an einer Beziehung mit allem Drum und Dran bloss vortäuschen.
Und das wäre schlicht die Wahrheit. Irgendwann würde ich mit der Krebssache herausrücken. Ein Totgeweihter also! Da käme ich als möglicher Partner sowieso nicht mehr in Frage. Dann ginge sie wirklich. Mit noch mehr Bedauern. Wie so oft. Tja. Aber ich kann es nicht ändern: Für mich geht es um Leben und Tod.

Traum vom Unrat

Meine Abscheu vor Unrat ist freilich normal. Die Vorstellung, ich könnte es mir in dieser Art selbst besorgen, führt nicht einmal zu einem Versuch in diese Richtung. Folglich bin ich auf Verständnis und Dienstwilligkeit anderer angewiesen, wenn ich eine Prostata will, die saftig durchblutet wird und davon pulsiert. Offensichtlich bin ich in dieser Sache gründlicher als andere abgerichtet worden. Und ich weiss auch, weshalb: Als Kind hatte ich einen Traum, an dem ich mich mühelos erinnere. Mit meiner Schwester befand ich mich in einer Art Schlafzimmer ohne Möbel. Wir trugen beide die gleiche Strickjacke in Weiss, mit einem grösseren Ring als Griff am Reissverschluss. Der Boden war mit einem dunkelgrauen Spannteppich belegt. In der Mitte lag ein schwarzer Kot, der von mir stammte. Er hatte die Form eines Pucks, wie er auf dem Eis mit Kellen gekickt wird. Wir standen da und schauten darauf, ohne etwas zu sagen. Interessanterweise war ich dann aufgewacht und sogleich ins Badezimmer geeilt, als hätte mir der Traum eine Anweisung gegeben. Dort zog ich meine Pyjama-Hose aus und stuhlte im Stehen ab, wobei ich über die Schulter lugte und zusah, wie die Masse zwischen meinen Pobacken hervorquoll und abfiel. Ein Blickfang, der in dieser eigentümlichen Körperhaltung nur einem Kind möglich ist. Nie wieder, scheint mir, habe ich derart unbedarft und zielstrebig ein Vorhaben ausgeführt wie damals nach dem Traum. Irgendwann kam meine Mutter verschlafen herein. Sie beseitigte die Bescherung, schickte mich wieder zu Bett. Wahrscheinlich wiederholte ich das betörende Unternehmen. Und meine Eltern ergriffen wohl entsprechende Massnahmen. Wichtig aber ist, dass mein Verhältnis zu dieser delikaten Angelegenheit natürlich war, sprich unverkrampft. Wie alle Menschen, heisst es aus Psychokreisen. Also müsste es doch möglich sein, dass ich an diese Unschuld anknüpfe. Aber wie?

Keinen Biss

Schon oft musste ich mir anhören, ich hätte keinen Biss, kein Durchhaltevermögen. Tatsächlich kämpfe ich kaum um etwas, lasse Vorhaben schleifen, für die ich ursprünglich Begeisterung zeigte. Das irritiert andere. Seit Jahren rede ich davon, eine digitale Kamera kaufen zu wollen. Erst kürzlich ist es geschehen. Allerdings habe ich genauso wenig Ahnung, was ausgerechnet jetzt den Ausschlag dazu gab, wie ich über die Gründe meines langjährigen Zögerns keine Auskunft weiss. Irgendwann habe ich die Fernbedienung hingeworfen, bin in die Stadt gelaufen und habe mir das Gerät gekauft. Mit dem Argument, ich würde warten, bis die Sache sich verbilligt, fertigte ich Leute ab, die mich mit ihrer Irritation behelligten. Das ändert nichts daran, dass ich tatsächlich wenig Biss beweise. Wie soll ich da in einem modernen Leben Erfolg haben? Umgekehrt betrachtet zeichnet mich beste Anpassungsfähigkeit aus. Was kann ich dafür, wenn mich kein lebenswerter Sinn so nachhaltig in Bann zieht, dass ich Opfer dafür brächte, seien es Nachtschichten am Laufmeter oder peinliche Sparübungen? Mein Interesse ist eine Hure. Sie schweift umher und pflückt die Früchte, wo sie hinlangt. So gleite ich mit dem Leben. Es hat mich eine Ausfahrt namens Prostatakrebs nehmen lassen. Unter solchen Bedingungen fällt es schwer, sich für irgendetwas anzuspornen. Besonders beruflich.